Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 834 Dr. Dlocb's MLocbenscbrLtt. Nr. 53 sich wohl, auf feine „Witze" einzugehen. Er erzählt eine Schauergeschichte von einem jüdischen Chemiker, der in einer preußischen Fabrik Unterkommen wollte. Er trat zuerst in die römische Kirche ein; kurze Zeit darauf wurde er Lutheraner, damit auf dem Taufschein vorgemerkt stehe: vom Katholizismus übergetreten und nicht vom Judentum. — Eine andere Mordgeschichte beschäftigt sich mit einem jungen Gelehrten, der wiederholt den Glauben gewechselt hat, um erst Assistent, dann Professor werden und sonst äußere Vorteile erlangen zu können. Endlich folgt eine Geschichte von vier getauften Juden. Sie möge im Wortlaut hier Platz finden: „Sie stellen sich als wohlerzogene Männer einer dem anderen vor. Ich heiße Kohn, sagt der Erste, bin aber ein Christ. Wissen Sie, was tut man des Avancements wegen nicht!? Merkwürdig, sagte der Zweite, ich heiße auch Kohn, habe mich auch taufen lassen, meiner Braut zuliebe. Der Dritte ist wieder ein Kohn. Der ist Christ geworden, weil es sein Geschäft so erheischte. Der Vierte endlich sagt: Auch ich heiße Kohn. Ich habe mich taufen lassen aus Ueberzeugung. Da rufen alle drei unisono: Und das sagt er uns Juden!!" Die letztere Geschichte ist gar nicht schlecht, und wir wollen dem hochwürdigen Verfasser auch noch den Gefallen tun, alle von ihm erzählten Geschichten als buchstäblich wahr anzunehmen. Was folgt aber aus ihnen? Für Herrn Dr. Scheicher und Herrn Vergani, seinem Schleppträger, nur die schurkische Verworfenheit des Glaubenswechsels wegen äußerer Vorteile. Gut, wie sind aber jene Zustände zu bezeichnen, die verfolgte, getretene, gepeinigte Menschen in Versuchung führen, zu einer entehrenden Handlung förmlich zwingen, wenn sie ihr Fortkommen finden und nicht verhungern oder ihr Leben lang vergeblich streben sollen, ihre Begabung, ihr Wissen und Können zur Geltung zu bringen? Was bietet denn den Anlaß, oft genug der schier unwiderstehliche Zwang zu einer unwürdigen Komödie, durch welche wahrhaftig nicht die Interessen des Judentums gefördert werden? Wir sind die Letzten, die jene in Schutz nehmen möchten, die es über ihr Gewissen bringen, mit dem Heiligtum des Glaubens ein schamloses Spiel zu treiben, aber wir klagen den Staat, die Gesellschaft an, die den furchtbaren Zwang wirken lassen, der den primitivsten Begriffen von Ehrenhaftigkeit, Gerechtigkeit und Moral Hohn spricht. Nichts ist schlimmer, als wenn der Staat, — so betont mit Recht Henriette Fürth in einem beachtenswerten Artikel der „Berl. Ztg." — seine Bürger zur Lüge und Heuchelei zwingt, gleichviel, ob dieser Zwang sich öffentlich und geradezu vollzieht, oder ob er in jenen unwägbaren Einflüssen verborgen liegt, die aus den Quellen Eigennutz und Liebedienerei gespeist werden, oder dem bitteren Zwange, für sich und andere des Lebens Notdurft zu erringen, entspringt. In den meisten landständigen Verfassungen findet sich irgendwo ein Passus, daß alle Bürger vor dem Gesetze gleich seien und keinerlei Unterschied wegen des Glaubens gemacht werden dürfe. Das ist fatal, und als einziger Ausweg aus diesem Dilemma bietet sich neben der nuancenreichen Auslegung und Handhabung der Gesetzesbestimmungen „auf dem Verwaltungswege" der sanfte Druck, den man auf Andersgläubige ausübt, um sie von der Vortrefflichkeit christlicher Gesinnung und Ethik zu überzeugen und sie zu überreden. Christliche Gesinnung! Und wer sie nicht hat, der kann sie sich ja kaufen. Ein paar Tropfen Taufwaffer machen aus dem verstocktesten Semiten einen lieben Bruder in Christo, sie verwandeln den unfähigsten Assessor in einen hoffnungsvollen Amtsrichter. Und so mit Grazie ad infinitum. Diese paar Tropfen Taufwaffer machen den raffenechtesten Juden nicht nur zu einem taktfesten Christen, sie machen aber auch zugleich einen bis dahin ehrlichen Mann zu einem charakterlosen Gesinnungslumpen, zu einem Judas, der um Silberlinge seinen Heiland, d. h. in diesem Falle sich selbst verrät. Wäre es indes nur um den Einzelnen, es möchte noch hingehen. Ist es doch im Grunde eines Jeden eigenste Sache, ob ihm sein heiligster und unantastbarster Besitz, die Achtung vor sich selbst, um irgend welche Silberlinge feil ist. Hier aber handelt es sich nicht nur um den Einzelnen, sondern jede aus selbstischen Motiven erfolgende Taufe wirkt, besonders wenn der Erfolg dem recht gibt, gleich einer Brunnenvergiftung. Da ist zuerst der Täufling selbst. Wie mag er sich, ganz abgesehen von der Einbuße an Selbstachtung, Vorkommen, wenn er sieht, daß ihm ein äußerlicher Akt das in den Schoß wirft, was all sein Wissen und Können ihm nicht brachte? Und sein Mitbewerber, der sich nicht zur Taufe entschließen konnte? Er besitzt zweifellos die größere Charakterfestigkeit, die vornehmere Gesinnung. Aber weil er es verschmäht, um äußerer Vorteile willen seinen Glauben zu wechseln, geht das Leben über ihn hinweg. Der Gesinnungslump steigt, der wertvolle Mensch geht zu Grunde. Mir kommt ein bezeichnendes Beispiel. Zwei jüdische Referendare legten gleichzeitig ihr Staatsexamen ab, beide mit der Absicht, in den Staatsdienst zu gehen; der eine, eiü gänzlich unfähiger Mensch, der nur mit Mühe durchgekommen war, der andere ein ausgezeichneter Jurist, der sein Examen mit Note 1 bestanden hatte. Der Dummkops ließ sich taufen, — und die Anstellung als Amtsrichter folgte auf dem Fuße; der andere fand einen solchen Handel „minderanständig" und zahlte seine anständigere Gesinnung mit einem Schattendasein, das ihm viel Arbeit, aber nicht die Möglichkeit brachte, die richterliche Praxis auszuüben. Der Weg dazu wurde ihm noch verschiedentlich recht nahe gelegt; er konnte sich nicht dazu entschließen, ihn zu gehen, und zog es vor, sich selbst getreu, d. h. im Schatten zu bleiben. Der wertvollere Mensch, für den ein „minder anständiges" Handeln ausgeschlossen ist, wird zertreten; den anderen, der ein Stück Heuchelei auf sich nimmt, der sich mit einer Lüge belastet, um einen Vorteil zu ergattern, verleibt sich der Staat ein. Welchen Gewinn kann er aus solchem Zuwachs ziehen? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht! Der Staat aber setzt solchergestalt eine Prämie auf die Gesinnungslumperei und die Lüge und macht sich, indem er das unterstützt, direkt zum Mitschuldigen. Und dann gehören diese Gesinnungslumpen dem Verwaltungskörper an. Sie beweisen offensichtlich, daß nicht Wissen und Können, nicht Charakterfestigkeit und Ehrenhaftigkeit, sondern geschmeidige Gesinnungslosigkeit zu Amt und Würden hilft. Ein prächtig Beispiel für alle, denen es nur um Avancement zu tun ist, ein prächtig Hilfsmittel, um das Vertrauen in die Integrität des Beamtentums in weitesten Kreisen zu stärken. Mit einem Wort: eine moralische Brunnenvergiftung, die langsam, aber mit unweigerlicher Sicherheit das Volkstum infizieren muß. Der „christliche Staat" und die Gesellschaft üben diesen unwürdigen barbarischen Zwang mit ungeminderter Grausamkeit und Brutalität, und hinterher kommt dann die ftomme Salbung und der heuchlerische Augenaufschlag über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und über den Mangel an innerer Vokation bei den getauften Juden. Die Führer dieser Gesellschaft aber sind die Liechtenstein und Lueger, die Scheicher und Vergani und der Schluß all ihrer Weisheit und Menschenliebe: Kauft nicht bei Juden! Whig. Professor Gmil Szänt«. In der Blüte seiner Jahre, im kräftigsten Mannesalter ist einer der Besten und Vornehmsten unter uns von der Tücke des Geschicks plötzlich gefällt, inmitten seines wissenschaftlichen, noch reiche Entfaltung verheißenden Strebens, hinweggerafft worden. Professor Emil Szänto ist plötzlich verschieden! Acht Tage früher, da wir in mehrstündigem traulichem Gespräche im engen Familienkreis zusammensaßen, wie war er da noch voll frohen, arbeitsfreudigen Lebens, voll wohltuenden Humors, voll jenes so natürlich, ungekünstelt und unaufdringlich dahinfließenden Witzes, der nie verletzt, aber immer erfrischend und er-