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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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^Sertc 826 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Sir. 51 Bürger jüdischen Glaubens die Bewilligung des Rechts zu erreichen, Pässe zu erhalten und in Rußland zu reisen. Wenn ein amerikanischer Bürger, Jude oder Christ, sich in Rußland schlecht führe, könne er ausgewiesen werden; führe er sich aber so, wie es sich gehöre, so sei es ein Unrecht, ihm nur auf Grund feiner Raffe oder seiner Religion den Paß zu verweigern und die Vereinigten Staaten seien berechtigt, gegen solches Unrecht Einspruch zu erheben. Die Wahl des Präsidenten. Keine Präsidentenwahl wohl seit der Erwählung Washington's ging in den Vereinigten Staaten von Amerika so ruhig von statten, als die letzte am 8. November d. I. Und kein Präsident, selbst Washington nicht, hatte die überwältigende Majorität von 1'/, Millionen Stimmen, als der eben erwählte Theodor Roosevelt. Erfahrene und ergraute Politiker erklären dieses glänzende Resultat, indem sie sagen: die Wahl war individuell. Denn Herr Roosevelt ist ein Gelehrter, Staats¬ und Sportsmann, ein sittlicher Mensch, ein tapferer Soldat, ein Volksmann im besten Sinne des Wortes. Bekanntlich sind es zwei Parteien, die jedes vierte Jahr um die Würde des Präsidenten-Amtes ringen: die eben siegenden Republikaner und die unterlegenen Demokraten. Die eingeborenen und lange seßhaften Juden waren ziemlich bis zum Jnflux der russischen Juden in beiden Parteien gleich verteilt. Die Wahl geschieht durch das Lloetoral Votum. Ein jeder Staat ist per je 1 0.000 Einwohner zu einer Electoralstimme, der Staat New- Dorck mit seinen 7 Millionen Einwohnern ist zu 39 Stimmen berechtigt. Da gibt das jüdische Ghetto den Ausschlag. Das wissen auch die Führer beider Parteien und sie werben um die Gnnst der jüdischen Stimmen. Wahrlich, die Leutchen rings um East Broadway können nicht klagen. Die demokratischen wie republikanischen Führer tun ihr Möglichstes, um selbe zufrieden zu stellen. Wir haben eine demokratische Stadtverwaltung Und alle dachten, die Stadt New- Aork werde demokratisch stimmen. Aber der eingewanderte russische Jude, so viele schwache Seiten er hat, der Undankbarkeit kann man ihn nicht zeihen. Er vergaß nicht der rumänischen Briefe unseres Staatssekretärs Hay, noch der zwar unabgeschickten Petition der B'nai Brith an seine Majestät Rachmonis *). (Seit der Doggerbank-Affaire heißt er bei uns nicht mehr Zaar**). 7/8 der Stimmen im Judenviertel fielen für Roosevelt. Denn dieser edle Mann hat sein nobles Herz erbarmungsvoll den leidenden Juden des Ostens zugewendet. Wir haben im Staate den Advokaten Julius Mayer als General-Staatsanwalt des Staates erwählt auf republikanischem Ticket. Aber der Exrichter Goldvogel, der von der demokratischen Partei nominirt wurde, rst wieder Kongreßrepräsentant des jüdischen Ghettos. Lernenmöget Ihr von dem ruffischen Juden in New-Aork, was Einigkeit in der Wahl zu Stande bringen kann. New-Aork. (Die Eröffnung der New-Aorker Untergrundbahn.) Eines der größten Wunder der Jngeuieurkunst, die New-Aork Subway, wurde anfangs November dem Publikum zur Benützung übergeben. Die Untergrundbahn wurde aus Kosten der Stadt New-Aork in etwa 4 Jahren vollendet. Bei der Einweihung, oder feierlichen Eröffnung schritt unser Mayor Mc. Clellan Arm in Arm mit dem röm.-kathol. Erzbischof Fer le y voran. Ihnen folgte der Vizebürgermeister Forneß mit dem protestantischen episkopalen Bischof Petter und dann alle eingeladeuen Honoratioren. Wo war der jüdische Seelsorger, der Rabbiner, der unsere altehrwürdige Konfession repräsentieren sollte? Wir Jehudim bilden doch den achten Teil der Bevölkerung Groß- New-Iorks und wir zahlen unseren Teil zur Erhaltung aller städtischen Institutionen. Zu tadeln ist nicht die Behörde, aber tvir Jehudim verdienen das Los der Nichtachtung; der alte Fluch aus der Richterzeit nw -iv'n v'x lastet noch immer auf uns. Die Rabbiner felbst, so tüchtig auch jeder auf seinem Platze sein mag, sind zerfahren unter- und gegeneinander. Hie Orthodox, da Reform. So lange die verstorbenen Rabbiner Adler, Hübsch, Isaak Einhorn und Gotheil lebten, galt jeder dieser Männer unter den Christen als Repräsentant des Judentums. Auf wen fiel nun der Mantel Elias? Schwer wird es sogar den New-Aorker Juden, diese Frage zu beantworten. Wie soll es erst der Christ? — Aufrichtig gestanden, es kann sich keiner der Herren Rabbiner zum Repräsentanten der Israeliten selbst delegieren. Es fehlt uns etwas, um was wir Sie in Wien beneiden. Es fehlt uns eine Kehile Kedosche New-Aork. Wir haben Gott Lob viele talentierte und gutherzige jüdische Bürger. Sie geben reichlich. Sie errichten, erhalten und führen unsere * i Rachmonis --- Objekt des Erbarmens. **) Zaar Objekt des Mitleids. Wohltätigkeits-Anstalten in einer Weise, daß sie als Muster im ganzen Lande gelten und das Lob der höchsten Beamten des Landes reichlich ernteten und auch verdienten. „Nun Ihr Führer und Leiter unserer herrlichen Institute, Ihr Präsidenten der großen Kongregationen warum delegiert Ihr nicht je Einen aus Euerer Mitte und bildet so einen Board of Jewish Congregations and Institutions, der uns Jehudim der Außenwelt würdig repräsentiert? —" New - Uork. (Drill der Kade-tten im Hebrew Orphan Asylum in New-Aork.) Am Danksagungstag 24. November 1904. Als die Pilgrimväter das erste Jahr in Ruhe in Salem Massaffuchet verlebt hatten, hielten sie unter freiem Himmel einen Dankgottesdienst ab, den Schöpfer preisend, daß sie ihn frei, ohne Zwang anbeten konnten. Nachdem inbrünstig gebetet worden war, wollten sie auch den inneren Menschen erfrischen. Es ging der Militärkapitän Miles Standish in den Wald und erlegte zwei wilde Truthühner, die unter Jubel hergerichtet, sogleich auf dem Public Place gebraten wurden. Aber das Fleisch der wilden Vögel war zähe, so kochten die Weiber schnell die an den Büschen reifenden Cranbeeren und tauchten den Braten in die Fruchtsauce. Dieser Danksagungstag wurde zur stehenden Einrichtung in den Vereinigten Staaten. Jedes Jahr, so auch Heuer erläßt der Präsident eine Proklamation an sämtliche Bewohner der Vereinigten Staaten, worin er befiehlt, daß am letzten Donnerstag im November in allen Gotteshäusern öffentliche Dankgebete zum Schöpfer emporsteigen mögen für seine Gnade, daß wir uns seines Segens erfreuen und gedeihen. Es ist eine Nationalfeier - ein Festtag. Alles ruht und an jeden, Tisch steht ein gebratener Truthahn (Turkey) mit der unvermeidlichen Cranberrysauce, denn es wird gesorgt, daß auch der Aermste an diesen. Tage reichlich gesättigt wird. Die allgemeine Freude stempelt diesen Tag zum schönsten des Jahres. Ich erhielt eine Einladung das Waisenasyl, zu besuchen, denn die Kadetten würden an diesem Festtage ihre Exerzitien ausführen. Pünktlich 9'/r Uhr ertönte eine Trompetenfanfare, daß die Uebungen beginnen würden. Die Waisenanstalt besitzt einen sorgfältig geebneten Exerzierplan von 200 bei 400 Fuß Größe. Unter den Klängen der Jnstitutsmusikkapelle (35 Mann sKnabenf und 65 Mann im Pfeifer- und Drummchor, sämtlich Zöglinge der Anstalt) marschierten in acht Bataillonen zu je 50 Dreikäsehoch in voller Uniform, Gewehr auf Schulter, auf den Plan. Das Offizierskorps, auch Zöglinge der Anstalt, mit gezücktem Degen, kommandierte alle militärischen Marschübungen. Es war erstaunlich, wie die kleinen Soldaten korrekt dieselben ausführten. Namentlich wenn das Bataillon zu je 25 Mann eine 90gradige Schwenkung vornahm, wie strengten sich die Jungens bei der äußeren Peripherie des Kreises an, den Radius gerade zu halten. Ist das doch schwierig für erwachsene Truppen. Es folgten Schießübungen. 200 Gewehre wurden in einer einzigen Volte abgeschosstn. Und da fiel ein Kadett getroffen kerzengrade zu Boden. Schnell waren vier Dreikäsehoch mit ihrer Bahre am Ort, legten den Blessierten hinein und fort gings ins Hospital. (Ein isoliertes fünfstöckiges Gebäude am Exzerzierplatz.) Das muß eine besondere Heilkraft haben, denn der Blessierte kam znm allgemeinen Gaudium heil heraus. Es folgten Turnübungen mit Gewehr in beiden Armen unter Klängen der herrlichen Militärkapelle. Den Clou der ganzen Exhibition bildete ein Korps von etwa 10 Kadetten, die nur etwa eineinhalb Käse hoch waren, mit ihrem Tambourmajor Gamy. Das Kerlchen hatte eine riesige Bärenmütze auf seinem Kopfe und hantierte seinen goldenen Taktstock so gewandt und drollig, daß auch der Grämlichste seine Freude daran haben mußte. Als gegen 12 Uhr sämtliche Exerzitien beendet waren, wurden die Gruppen photographiert. Wir Gäste begaben uns in den Speisesaal. Etwas über eintausend Gedecke ans weißen Linnen waren mit gebratenem Turkey (große Portionen), Apfelkuchen, Cranberrysauce, Brot, alles reichlich und äußerst sauber und appetitlich hergerichtet und die vielen Ferinner heißer, dampfender Nudelsuppe Wir mußten zugeben, daß die Jungens sich diese Feiermahlzeit ehrlich verdient hatten. Wir schritten bewundernd durch die verschiedenen Räume. Durch die großen Dormatories (Schlafsäle), durch das Haustheater, durch die Dampfbäckerei, wo jeden Tag sechs Faß Mehl zu 200 Pund verbacken werden, durch die Dampfwäscherei, sahen das Strumpfstopfzimmer, wo ein Berg zerrissener Strümpfe von den herangewachsenen weiblichen Zöglingen wieder tragbar gemacht werden, durch die geräumige Synagoge und landeten im Empfangssalon, wo wir unwillkürlich Zeugen einer rührenden Abschiedsszene wurden. Eine ärmlich, aber sauber gekleidete, gramdurchfurchte Mutter mit einem Kopftuch die „Tour" (Perücke) verdeckend, nahm Abschied von ihrem Sohne, den Dr. Coffee, Superintendent der Anstalt, eben aufnahm. Gut wird er da aufgehoben sein, eine sorgfältige Erziehung wird er da erhalten, eine Summe Wissens sich erwerben und so befähigt sein, als amerikanischer Bürger sein Dasein ehrlich zu fristen. Gottes Segen schütze dieses Heim der armen verwaisten Kinder.

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