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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nl. 47 Dr. Mocb s MocbenscvrM. Seite 763 Wieder sprach der Kranke und Neb Noach beugte sich über ihn. Es ist bekannt, daß Reb Nvach seine zweihundert und etliche Pfund wägt und einen Klumpfuß hat, dvch kann die ganze Bruderschrift es bezeugen, daß er in diesem Augenblicke flink wie ein Balletmädchen durch das Zimmer zur Tür hlipfte, durch welche er rasch wie ein Böcklein hinaussprang. Die Bruderschaft folgte ihm auf den Fersen. „Was ist geschehen, was ist los?" „Meschugge!" stieß Reb Noach hervor, auf die Stirn deutend, „gänzlich, rasend verrückt!" „Er wünscht zu essen, — hört, jüdische Kinder! — was glaubt Ihr, daß er zu essen wünscht?" „Was?" „Ein Stück g e p ö ck e l t e s Schweinefleisch!" „Die Panik verbreitete sich nach allen Richtungen der Windrose. In einem Augenblick erfülle sie die ganze Gaß." „Gott erbarme Dich! So stirbt ein Sünder. Habt Ihr nicht gehört? Gänzlich, vollständig meschugge. Er liegt auf seinem Bett und schreit, daß er Schweinefleisch essen will!" Was sollte man tun? In solchem äußersten Falle kann nur einer helfen, und das ist der Doktor. Und Doktor Pinkus war der richtige Mann dazu — zwar kleiner Gestalt, aber kühnen Geistes — zum Beweise ging er nicht nur mutig in das Zimmer des Irrsinnigen, aber nachdem er ihm den Puls gefühlt und seine Beine betastet hatte, sprach er so seelenruhig, wie jemand sagen würde: „Gut Schabbes!" — „Gebt ihm sein Stückchen gepöckeltes Schweinefleisch." Denn Schaie lag noch immer heulend und stöhnend: „Nur ein Stückchen, nur einen Bissen, nur den Geschmack von gepöckeltem Schweinefleisch." Die heilige Bruderschaft lvar schreckensstarr. „Wie? Ihm in seiner Sündhaftigkeit helfen, und ihn darin unterstützen?" „Ihr seht doch, daß er nicht verantwortlich ist", sagte der Doktor. — „Desto schlimmer — die Sünde fällt dann auf uns." „Laßt das meine Sorge sein", sagte der Doktor, „diese Sünde nehme ich auf mich". „Er würde nie vergeben, wenn er es wüßte.,, Der Doktor lachte nur: „Er ist immer ein solcher Trefafresser gewesen, daß der Herr das Stückchen in der Menge gar nicht beachten wird." „Nie!" rief die Bruderschaft „Nein!" und „Nie!" „Dann adieu!" und morgen könnt Ihr ihn begraben lassen, denn in dieser Erregung hält er es nimmer lang aus. Gewährt ihm ein wenig Freuden und er kann noch nufkommen, denn „so lange Leben da ist, ist auch noch Hoffnung da." — Das ist die Weisheit der Männer der Wissenschaft. Und so siegte denn die Stimme der Autorität. Es wurde beschlossen, dem Kranken den Willen zu tun. Jtzig Schnlklopfer, dem unfreiwilligen Agenten für alle unangenehmen Kommissionen der Gaß, fiel die schreckliche Aufgabe zu, und mit Aechzen und Tränen begab er sich in das christliche Gasthaus, um das widerliche Gericht zu holen, während die Gaß mit angehaltenem Atem wartete, daß die Erde sich öffne und sie verschlinge. „Er bringt es", sagte das Gerücht. „In Hendel's gebrochenem Schabbes-Kochtopf." „Dem milchigen?" „Ja!" „Wehe!" „Er hat es in das Haus getragen." „Der Doktor hat es Schaie gereicht." „Er hat davon gegessen." „Erbarmen! — und er ist tob?" „Bewahre!" berichtete Jtzig, „nicht im geringsten, er schläft, und zwar sehr gut; wer daran zweifelt, horch an der Tür, um zu hören, wie er schnarcht." Das war tatsächlich die reine Wahrheit. Nachdem Schaie von dem gepöckelten Schweinefleisch gegessen hatte, kam eine große Ruhe über ihn, er legte sich behaglich zurecht und schlief friedlich ein. Und nicht nur überlebte er es, sein Zustand besserte sich rasch, nach einem Monde war er vollständig hergestellt und lungerte wieder auf seinem Lieblingsplatze: der Bank vor Mendel Schusters Laden. Aber Schaie war jetzt ein Mensch, den man scheel ansah — einer, von dem die ganze Gaß voll Entsetzen sagte: „Gott behüte jeden vor den Schlägen, die im Jenseits sein Anteil sein werden". „Trefasresser!" nannten sie ihn. „Sünder in Israel" sagten die Frommen. Aber die Gescheidten zuckten bloß die Achseln und sagten: „Ein meschuggener Jüd". (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der Stern von Hallatat. (Roman von Martin Hellinde». Allgem. Verlagsgesellschafk, München.) „Der Stern von Hallalat", ein Erstlin;swerk mit guter Prognose, ist ein Roman ans der Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Palästina ist wüst und entvölkert und seine einstigen Bewohner leben fern, wo der Euphratstrom rauscht, in tränenreicher Verbannung. Klage ertönt um Klage und die Hoffnung auf die Heimkehr und auf die alte traute Freiheit in der Weinlaube und unter dem Feigenbäume will in dem jüdischen Herzen nie und nimmer erstarren. Was ter Prophet verkündete, was die Volksseele als stille Zuversicht ängstlich in sich schloß, was die Tatkraft der Jugend beflügelte und den Alten, den Sterbenden als letzte Seligkeit galt, die Wiederkehr des jüdischen Volkes in die verlassene Heimat und die Verjüngung der gebrochenen Macht, das vollzog sich in wundersamer Weise, als die Zeit sich erneute undder Perserkönig Cyrns den jüdischen Untertanen den heiligsten Wunsch gewährte. Diese Zeit also, da Vertrauen und Entsagung, unentwegte Bruderliebe und eigennützige Berschmelzmigslnst, Treue zum klaren Gottesglauben und Verblendung durch den weichen, farbenreichen Götzendienst die letzten Reste Jraels in steter Wallung hielt, bildet den Hintergrund „Des Sternes von Hallalat". Nabunahid, der Nachfolger Nebukadnezars, dann Belsazar, hernach Cyrns und zuletzt Darins einerseits, der Prophet Daniel, der Fürst der Juden, Serubabel, der Hohepriester Jesua andererseits, sind jene biblischen und historischen Gestalten, um die sich so manche Liebes- und Haremsgeschichte rankt. Der historische Rahmen ist im allgemeinen beibehalten. Der.Verfasser ist mit der Geschichte Babylons, wie sie durch Ausgrabungen und die moderne Forschung erschlossen wurde, gründlich vertraut. Um so seltsamer ist es, daß er in einem Falle das historische Nacheinander nicht einhält und Darins vor Cyrns König von Persien sein läßt. Was mag den Verfasser zu diesem Anachronismus veranlaßt haben? Das Buch Daniel, dem der Verfasser gar vieles entlehnte, erzählt wohl schon im 6. und 9. Hauptstück von Darins und erst im 10. von Cyrns. Doch ist es selbstverständlich, daß sich die Reihenfolge in der Erzählung nicht nach dem Gange der Ereignisse hält. Ein Sohn des Fürsten Serubabels pilgert von Babylon nach Jerusalem. Weit ist der Weg und tausend Unbillen und Mühseligkeiten trotzend, kommt er endlich an's Ziel seiner Wünsche. Er ist müde, sein Kameel ist erschöpft, doch bald ist auch die letzte Anhöhe erklommen und nuten liegt, vomDämmerschein umglüht, die alte, heilige, einsame Trümmerstadt. Der Wanderer hat in dieser unsicheren, verlassenen Gegend zu Rührseligkeiten keine Muße und flüchtigen Fußes eilt er von dannen. Er wendet sich nach Betlehem. Tort findet er armselige Unterkunft in dem verfallenen Hänschen zweier Geschwister, Gaddis und Respha. Der Fremdling erzählt seine Herkunft und Gaddis gibt dem Wunsche Ausdruck, mit ihm und Respha nach Babylon zu gehen. Sie machen sich auf den Weg, rasch knüpft sich em freundschaftliches Band zwischen den Reisegefährten. Sie ziehen rüstig weiter und weiter, doch Mosollam, der junge Babylonier, erkrankt auf dem Wege und unterliegt einem kurzen Siechtum. Fremd und verlassen langt nun das Geschwisterpaar in der großen Weltstadt an. Durch vielfaches Herumfragen und von glücklichen Zufällen begünstigt, entdecken sie ihren reichen Onkel, den geizigen, unwirschen, herzlosen Abinoem. Zitternd begehren sie Einlaß, er weist ihnen die Türe, doch endlich läßt er sich erweichen, er nimmt sie in seinem sollst so ungastlichen Hause auf und überwindet sein Mißtrauen und seine alte Engherzigkeit. Warum tut er das? Nach der früheren Schilderung des Charakters Abinoems ist ihm dieser schöne Entschluß nicht zuzumuten und der Verfasser blieb uns die psychologische Erklärung desselben schuldig. Respha lebt still im Hause des Oheims, sie erwirbt sich rasch seine verwandtschaftliche Zuneigung, sie wäre glücklich, doch sie ist es nicht. Ein jüdischer Page des königlichen Hofes hat ihr Ritterdienste geleistet, als sie auf der Straße von zwei übermütigen Söhnen des Adels beinahe verunglimpft wurde. Ihn sucht das Auge ihrer Seele, den Beschützer ihrer Ehre, den stattlichen Jüngling, dem sich nun ihre erwachende, jungfräuliche Liebe in aller Innigkeit zuwendet. Gaddis sucht den Vater seines verstorbenen Reisegenossen und er entdeckt ihn in Serubabel, den Fürsten des verbannten Israels. Serubabel betrauert seinen Sohn und nun wendet er sein ganzes

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