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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 47 Dr. Bloch’s Iahr-mt-XH l l Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. « — —=% A. ft. Postsxarcassrn-Arut Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Redarlion und Administration: Wien IX/1, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. -■ —* -■&— göt18. Movemirrr 1904. Erscheint jeden Freitag. -■>.» i> —- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien A - . M Serngsprri» für Sestrrrrtch: Halbjährig 8 fronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. Xm Inhalt: Leitartikel: Vom Zeitgeist. — Das neue israelitische Waisenhaus in Wien. — Die Abstammung der Apostaten und Proselyten, eine genealogische Untersuchung. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Nachruf. Wien, Prag, Lemberg. Willy Bambus. Paris, Warschau. Der Wucher in Rumänien. Judenanfiedlungen in Cypern. — Vermischtes: Wien, St. Pölten, Pardubitz, Wlaschim, Rom. — Feuilleton: Warum? Darum! — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. N-m Zeitgeist. Oh Zeit, die Geister werden wach; es ist eine Freude, zu leben! Mit diesem Jubelruf grüßte Ulrich van Hutten, ein guter deutscher Mann, seine Zeit, in der der menschliche Geist seine Schwingen zu regen begann, endlich befreit vom Banne Roms. Ob wohl der Verfasser der epistolarum virorum obscurorum auch heute dem Leben so vergnügliche Seiten abzugewinnen wüßte? Die Schuldebatte im niederösterreichischen Landtag ist zu Ende — Roma locuta est. Merke es wohl, geneigter Zeitgenosse: Rom hat gesprochen. Die Professoren der Wiener Universität — nicht in ihrer Gesamtheit; denn wir haben doch auch eine theologische Fakultät, die eine r ö m i s ch-katholische ist, und wir haben auch solche Professoren, die mit dem Zeitgeist gehen — haben ihr gewichtiges Votum abgegeben gegen das Attentat auf die Schule, das zugleich ein Attentat auf den politischen Anstand und aus die Gerechtigkeit ist. Die Unterzeichneten Namen bilden den Stolz der Alma mater; sie haben den Ruhm der Wiener Hochschule hinausgetragen in die weite Welt; diese Namen haben einen Glanz gebreitet über unsere heimische Stätte der Wissenschaft, aber was will das bedeuten? Herr Bielohlawek ist anderer Meinung. Und — oh Zeit, es ist eine Freude, zu leben! — Herrn Bielohlawek's Meinung ist die wichtigere. Im Gemeinderate wird über den Verkauf eines Baugrundes verhandelt, auf dem ein Theater errichtet werden soll, wohlgemerkt ein Privattheater, nicht etwa ein christlich-sozialoffiziöses. Da hat man schon an einem vollauf genug. Da der Baugrund ein städtischer ist, will man sich — man nennt das „Wahrung der öffentlichen Interessen" — auch über den Kaufpreis hinaus noch besondere Benfizien sichern. Gut. Die Unternehmer sollen sich verpflichten, über die nicht geringe Anzahl von obligaten Freikarten hinaus, die sie rnoro patrio sowieso hergeben müssen, deren noch wöchentlich vierhundert zur Verfügung zu stellen! Ein Theater, das schlecht geht, kann das ja tun. Es befindet sich in der Lage des Geschwollenen, der alles essen darf. Während aber der Geschwollene mit seinem erfreulichen Appetit noch immer die besten Aussichten hat, davonzukommen, muß ein Theater, das schlechte Geschäfte macht, einem ehernen Gesetze zu Folge zu Grunde gehen. Wenn jedoch ein Theater, das sich halbwegs anständig zu erhalten vermag, außer den üblichen Freikarten deren auch noch wöchentlich vierhundert an einen einzigen Kommittenten abliefern soll, dann ist eS in dem allgemeinen Handicap so schlecht gestellt, daß es sein Uebergewicht schwerlich noch zum Sieg oder auch nur aus Platz wird schleppen können. Die harmlose Gefälligkeit bedeutet da eine bisher in keinem Theaterbudget vorgesehene Steuer von gering gerechnet dreißig- bis vierzigtausend Kronen im Jahre. Das ist nur, weil es den Theatern in Wien gar so gut geht, und weiters weil der Wiener Gemeinderat doch auch etwas sür die Kunst tun will! Und nicht nur sür die Kunst soll etwas geschehen, sondern auch sür die Schule. Es unterliegt nämlich gar keinem Zweifel, daß für die harmonische Geistesausbildung der Jugend die Kunst einen sehr wichtigen und bedeutsamen Faktor vorstellt. Unserem Gemeinderate ist nichts zu teuer für die harmonische Geistesausbildung der Schuljugend, zumal wenn ein anderer die Kosten trägt. Ueber zwei Punkte bin ich dabei allerdings nicht ganz im Klaren. Erstens: hat das patentierte antisemitische Theater auch diese Steuer zu tragen? Zweitens: ob wohl der Wiener Gemeinderat dieses Theater als ein Bildungsmittel sür die Jugend wohl selber nicht empfehlen möchte? Nun und? Sonst nichts? O ja, es kommt schon. Im Uebrigen bist Du ja vollkommen berechtigt, so zu fragen, freundlicher Leser. Es ist von einer Debatte im Wiener Gemeinderate die Rede — und gar keine Infamie gegen die Juden? Man kann ganz ruhig sein. Es giebt keine Wunder. Die Infamie hat auch hier nicht gefehlt. Es wurde verlangt, daß die Begünstigung dieses doch immerhin noch etwas fragwürdigen Bildungsmittels nur christlichen Kindern zugute kommen solle. Es ist nicht genug, den jüdischen Kaufmann, den jüdischen Arbeiter, die jüdischen Männer der Wissenschaft und Kunst zu verfolgen, ihnen nicht nur die Ehre, sondern womöglich auch alle Erwerbsmöglichkeiten abzuschneiden. Es genügt weiters nicht, den denkwürdigen lapidaren Satz Ehren-Schönerer's in die Praxis umzusetzen: „Wir schonen auch der Judenweiber nicht!" (Aufgezogen ist er bei dem Genitiv!) Es müssen auch noch die Kinder proskribiert werden, auf daß sie bei Zeiten der Gerechtigkeit der herrschenden Gewalten auf den Geschmack kommen und es bei Zeiten zu schätzen lernen, was es heißt, in einem Rechtsstaate zu leben, in dem vor dem Gesetze alle Staatsbürger gleich sind.

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