Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021594--14044-3038730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 746 Dr. Blocb’s Mocvenscvrtn. Nr. 46 „Verzeih, verzeih!" flehte sie mit dem Aufgebote aller ihrer Kräfte. Da warf er sich au den Rand des Bettes nieder und begann heftig zn schluchzen. „Ich habe längst verziehen. Viele, Du siehst es ja. Ich denke nur an unser Glück und wie lieb ich Dich habe," „Unser Glück, ja, es wird es uns niemand mehr rauben." Wie ein Hauch war, was sie sprach, dabei hielt sie ihre Hand auf feinem Haupte. Ihre Hand glitt von seinem Haupte und klammerte sich an seine Rechte; nun schwieg sie wieder. Der Kopf war in die Kissen zurückgesunken. Er wußte, daß nach menschlichem Ermessen ihre Stunden gezählt seien. Ihr Vater hatte es ihm gesagt; aber warum sollte nicht ein Wunder geschehen. Gott kann ja Helsen! Und wenn dieses Wunder geschehen könnte, wie glücklich wäre er dann! Wie reichlich entschädigt für all die Schmerzen und Leiden! Dann hob sie wieder den Kopf und sprach: „Josef, ich möchte unser Glück jetzt durch die Weihe der Religion heiligen lassen." Joses eilte davon. Als er hinausgegangen war, kam tiese Abspannung über Ricke. Sie lag regungslos. Nur der Atem ging schwer und unregelmäßig und auf den eingefallenen Wangen lag eine leichte Röte. Endlich kam Josef mit dem greisen Rabbiner. Im Nebenzimmer waren zehn Männer der frommen Brüderschaft versammelt, um Zeugen des Trauungsaktes zu sein. Rick: schlug die Augen wieder auf. Der Seelsorger verrichtete die Segenssprüche, Josef steckte ihr den schmalen Goldreifen an den abgezehrten Zeigefinger. Ricke richtete sich ein wenig aus, um noch einmal vom Traukelche zu nippen und Josef stützte sie. Dann breitet Josef seine Arme aus und hielt sie fest umschlungen und küßte sie lange und innig. Sie ließ sich langsam zurückgleiten, dann schloß sie die Lider. „Josef, ich danke Dir, danke Dir vom Herzen!" Er mußte sich über sie hinbeugen, um die abgerissenen Laute aufzufangen, denn das Sprechen schien ihr inrmer schwerer zu fallen. Maseltow, mein Joses, Maseltow Euch Allen", flüsterte die Sterbende. „Maseltow", antworteten Vater und Mutter und alle Änwesenden. . „Nun wird alles gut. Mir wird so Wohl. „Schema jisroel“, flüsterte sie. Plötzlich streckte sich ihr Körper, es war ein einziges Zucken. „Schema jisroel“, ries der Vater unter heftigem Schluchzen und die Umstehenden stimmten in diesen Ruf ein. Rieke war schmerzlos in gnädigen: Tode in ein besseres Jenseits hinübergegangen. Auf ihren Zügen lag verklärter Friede, als Josef ihr den letzten Liebesdienst erwies und ihr die erstarrten Augen, die im Sterben sich wieder geöffnet, zudrückte. „Gesühnt, gesühnt", sprach er tränenden Auges vor sich hin. „Gesühnt, gesühnt", rief der Vater und zerriß sich nach altjüdischem Brauche den Rock. - Ende. Kiteratar. Biblische Geschichte nach den Worten der heiligen Schrift, von Dr. Adolf Weisi, k. k. Professor I. Teil, Preis y K 40 k. Wien, k. k. Schnlbücher-Verlag. Hinsichtlich der Bedingungen einer guten Ueberßtzung aus der einen in die andere Sprache stimmt das Urteil aller Autoritäten auf diesem Gebiete genau überein. Ein Ludwig Fulda, der gewandte Uebersetzer französischer Dramen auf der einen, ein Juda ibn Tibon, der klassische Dolmetsch arabischer Originale, auf der anderen Seite, sie begegnen einander fast wörtlich in der Anschauung, daß derUeberrtzer sowohl die Sprache des Originals, wie nicht minder die Feinbeiten der Redeweise beherrschen muß, in welche er jenes überträgt. Hiezu kommt aber noch ein wichtiges Moment: Der edle, sanfte Hauch, der über der Ursprache schwebt. Dieser muß, will die Uebersetzung daß Gemüt des Lesers dauernd gefangen nehmen, auch in derselben ihm entgegenwehcn. Alle diese Bedingungen erscheinen in der vorliegenden „Biblischen Geschichte" erfüllt. Dieselbe will von vornherein als eine Uebertragung nach den Worten der heiligen Schrift aufgefaßt werden. Der Herr Verfasser hat da eine dankenswerte Leistung vollbracht, ein pium desiderium für alle diejenigen erfüllt, die den Marmel einer biblischen Geschichte, bei allem Ueberfluß an jüdischen Geschichtsbüchern, empfunden. Ein pädagogischer Behelf fehlte, der in dem stiefmütterlich karg zugemessencn Zeiträume von 1—2 Stunden wöchentlich dem Schüler den unnachahmlichen Zauber vermirtelte, der im Gottesworte ruht. Diesem empfindlichen Bedürfnisse kommt das vorliegende Buch wirksam entgegen. Die Methode desselben ist unseres Wissens mit Ausnahme der analogen „Erzählungen und Religio ns sätze der heiligen Schrift" von Dr. S. Bäck (Lissa 1885) eine durchaus originelle. Die Sprache ist überall eine edle, fließende und ist allenthalben geeignet, das Gemüt des Schülers, dieses Alpha und Omega jeglichen Religionsunterrichtes, zu wecken, zu erheben. Ohne gerade sklavisch an den Text der heiligen Schrift sich zu binden, gewährt sie gleichwohl einen Seelengenuß an den Geist der heiligen Sprache. Dies kommt vornehmlich in den erzählenden Stücken, wie Josef in Egypten, das goldene Kalb, Gräber der Lüsternheit u. s. w. zur Geltung. Was die lehrhaften Partien des Buches, die ethischen, r'chtlichen, humanen Vorschriften der Bibel betrifft, so ist die Anordnung derselben wertvoll. Dieselben erscheinen nämlich durd) gesperrten Druck genau markiert und bieten sid) solchermaßen von selbst als empfehlenswerter Memorialstoff, der entsprechend auf mehrere Unterrichtsstunden verteilt werden kann. Nicht minder praktisch ist die typographische Kennzeichnung der poetischen Stellen der heiligen Schrift, wie „Der Segen Jakobs", „Das Siegeslied", „Bileams Huldigung", „Moses Abschiedsgesang". Dieselben erscheinen in ihrer ursprünglich rhythmischen Form und soniit ebenfalls als spezieller geeigneter Uebungsstoff. Ganz besonders wertvoll sind die in den Fußnoten gegebenen Lehren, gewissermaßen der Extrakt ans den betreffenden markanten Bibelstcllen. Der gelehrte Verfasser schöpft denselben aus allen möglichen späteren Quellen „der mündlichen Ueberlieferung", vom Sifre bis zum Seforno. Er eröffnet somit dem Lehrer einen weiten Spielraum, der auf Grund derselben dem Schüler die Traditionskette veranschaulichen kann, die sid) vom Bibelworte bis ans unsere letzten Moral- und Sittenlehrer erstreckt. Vom jüdisch-pädagogischen Standpunkt darf den weiteren Folgen dieses höd)st anerkennenswerten Unternehmens mit Interesse und Spannuirg cntgegengesehen werden. Russische Dorfgeschichten, Heft I, von Dr. I. Rabbinowitz, 1904, M.-Weißkirchen. Was die Bibel dem jugendlichen, das ist die Belletristik dem gereiften Gemüt. Diese bildet das Erziehungsmittel der Erwachsenen. Und so gilt von der vorliegenden Schrift in ihrer Art dasselbe, was von der erstangekllndigten: Eine flott und fließend geschriebene, durchwegs spm nende Handlung. Ihr Schauplatz bildet ein weltvergessenes russisches Dorf. Die Technik des Herrn Autors, der das russische Dorfleben laut Autopsie schildert, erinnert vielfach an die besten Muster dieses Genres. Stellenweise erweckt die Lektüre Anklänge an Tschechov, Pruschanski und Gorki. So dünkt uns einer der packendsten und zugleich feelenvollsten, der Natur geradezu abgelauschten Momente des Buches (S. 53) die plastische Schilderung der Erfrierungsgefah'L des Schneiderleins Schloimke samt seinem Söhnchen Abromke. Wir se^en die beiden in öder schauerlicher Winternacht auf der Suche nach Chanukalichtlein, und dies auf der weiten russischen Steppe. Eingewiegt von den sanften Banden des Schlafes droht beiden der starre Tod. Diese Szene ist von einer ergreifenden Realistik, würdig eines der Besten Lebendig ausgeprägte Gestalten treten uns ferner in Reb Schajeh, dem Haupthelden, in Znaida, dem allezeit hilfsbereiten Bauernsamariter entgegen. Gewiß wird die Schrift das Bestreben des Verfassers vielfach realisieren und das Vorurteil, das die bedauerlichen Vorfälle in Rußland in manchem Gemüte gezeitigt, zerstreuen. Geht doch seine löbliche Absicht dahin, „die Beziehungen der Juden zu den Bauern in ein richtiges Licht zn stellen". Wenn nur leider nicht dieses Lid)t immer wieder durd) unheimliche Finsternis verscheucht würde! Ad), wie ungern läßt sich das Menschenherz herbei, den Stab über seinesgleidien zu brechen! Leider stürzt es aber immer wieder aus allen erträumten Himmeln Die Botschaft hört es wohl, allein ihm fehlt der Glaube. Seit Kischenew und Homel hat das russische Bauerntum neue blutige Seiten der Weltgeschichte einverleibt, sie heißen : Ezenstochan, Sosnowice, Milo, Rudnia. Allein als ein konfessionelles Idyll, das uns über die rauhe Wirklichkeit geschickt und angenehm hinweghebt, darf die Erzählung unser ungeteiltes Interesse beanspruchen. Taknlnckös ölom. 17 Betrachtungen über Aussprüche der Weisen und über aktuelle Tagesfragen. Von Salomon I. Horowitz, Lemberg 1901. Wenn auch die vorliegende Schrift im Vergleid)e zu den beiden erstgenannten nicht als Novität betrachtet werden kann, als Rarität ersten Ranges verdient sie unsere Aufmerksamkeit. Schon durch die exzeptionelle Stellung des Autors gegenüber der Mehrheit von Verfassern derartiger Schriften. Derselbe ist seines Zeichens Kaufmannn zugleich bekleidet er die Stelle eines beeideten kaiserlich russische,