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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-11-11 · 46 (11.11.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
46 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang XXI Dr. Bloch’s Centrstorgsn für die gelammten Interesse» des Iudenthums. *-- =* A. ft. Postsparcaffen-Aml Clearing -Vor Kel^r Nr. 810 976. Ledarlion und Administration Wien IX/1. Verggairr Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. Wien, 11. November 1904, -«. —- Lrsch eint jeden Freitag. -*—4-«—^- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »erugsprri» fite Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller. Für'» Nnslmrd r Halbjährig IO Krone». Banzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. Znhalt: Leitartikel: Ignaz v. Ruber und Ernst Schneider im Polnaer Prozesse. — Die Schächthetze im niederösterreichischen Landtag. — Samuel Hammerschlag. — Israelitische Landessynode im Großherzogtum Baden. — Handelsbeziehungen der Juden zwischen Ost- und Westeuropa im Mittelalter. — Korrespondenzen: Ans der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Wien. Alexander Scharf. Prag, Essek, Breslau, Berlin. Die Juden in Sibirien. Rom, London, Washington, New-Aork. — Vermischtes: Wien.. Preßburg, Nagy-Kanizsa, Lemberg, Breslau. — Feuilleton: Gesühnt. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Ignaz n. §ttthet nnd Ernst Schneider im Polnaer Prozesse. Am vorigen Freitag erhob der Abgeordnete Schneider im niederösterreichischen Landtage die Hand gegen den Abgeordneten Seitz, weil dieser ihm vorgehalten hatte, daß er zu tief-ins Glas geschaut habe. Aber am darauffolgenden Samstag war Herr Schneider unzweifelhaft nüchtern. Er nahm zu Beginn der Sitzung das Wort, um sein Benehmen vom Tage vorher zu entschuldigen. Er klagte über die „Verfolgungen" und „Provokationen", denen er seitens der Juden ausgesetzt sei, und als Ursache dieser angeblichen Verfolgungen führte er nach der offiziellen Landtags- Korrespondenz u. a. folgendes wörtlich an: „Weil ich den Juden nicht nachgegeben habe und es dem Minister Ruber unmöglich gemacht habe, den Polnaer Ritualmord und andere Ritualmorde todzuschweigen". Neuerlich muß betont werden, daß Herr Schneider während dieser Vormittagsrede noch vollkommen nüchtern war und sich volle Rechenschaft über die Tragweite seiner Worte geben konnte. Uebersetzen wir die zitierte Aeußerung ans dem Schneider-Deutsch ins Gemeinverständliche, so wollte Herr Schneider, zum Ausdruck bringen, daß der ehemalige Justizminister Doktor Ignaz Edler von Ruber, während dessen Amtsführung sich die Polnaer Affaire abspielte, in Uebereinstimmung mit dem die Vorerhebungen leitenden Polnaer Bezirksrichter Reichenbach für die Einstellung des Verfahrens gegen Hilsner war, daß er aber an dieser Absicht durch irgend welche Pressionstk 111 e I, die Herr Schneider gegen ihn zur Anwendung brachte, behindert worden sei. Der Abgeordnete Schneider hat durch diese in öffentlicher Landtagssitzung gemachte Enthüllung ein Geheimnis preisgegeben, welches für die Vorgeschichte des Prozesses Hilsner von großer Wichtigkeit ist. Seine Aeußerung vom 5. November 1904 steht offenbar im Zusammenhänge mit einem Drohrufe, den er in der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom 28. April 1899 ausgestoßen hat, dem Drohrufe : „Ob nicht wieder der Jnstizminister Geld eingesteckt hat? Der Justizminister Ruber ist auch bestochen, ich werde ihm schon zeigen V* Es war damals schon allgemein ausgefallen, daß Herr von Ruber diesen unerhörten Vorwurf ruhig hin genommen und Herrn Schneider nicht, wie es seine Amtsehre erfordert hätte, auf irgend eine Weise zur Verantwortung gezogen, resp. zur näheren Erklärung eines solch' schwerwiegenden Vorwurfes veranlaßt hat. Die Folge dieses Stillschweigens des Chefs der Justizverwaltung war denn auch, daß die antisemitischen Blätter die Behauptung wagen konnten, daß für die Polnaer Affaire sich „hochgestellte Persönlichkeiten" interessieren und daß insbesondere eine dieser Persönlichkeiten auf den Gang der Untersuchung einen bestimmenden Einfluß genommen habe. Ja mehr noch! Als in der „Deutschen Zeitung" vom 13. April 1899 der Brief eines tschechischen Journalisten aus Polua erschien, in welchem Herr Schneider aufgefordert wurde, sich sofort zum Justizminister zu begeben und bei diesem Beschwerde zu führen, daß der angeblich jüdische Bezirksrichter von Polna,Landesgerichtsrat Reichenbach, imstande sei, den Mördern zu helfen und die Spuren der eigentlicken Täler zu verwischen, als somit ein österreichischer Richter der Komplizität mit den Mördern öffentlich in einem Zeitungsartikel beschuldigt wurde, blieb dieser Zeitungsartikel unbeanständet und Herr von Ruber begegnete der Aufforderung, die Amts ehre dieses Richters zu schützen, mit unwirscher Abweisung. All das spielte sich in den ersten Tagen nach der Auffindung der Leiche der Agnes Hruza im Brezinawalde ab und gab schon damals zu merkwürdigen Gerüchten Veranlassung, welche die Einstellung des Verfahrens über ein Sittlichkeitsdelikt, das der Sohn eines bekannten Wiener Industriellen begangen haben sollte, in kausalen Zusammenhang mit der Wiederverhaftung des vom Landesgerichtsrathe Reichenbach als unverdächtig entlassenen Hilsner brachten. Mit absoluter Sicherheit steht fest, daß der Abgeordnete Schneider in jenen Tagen, und zwar noch ehe er im Landtage jenen Drohruf gegen den Chef der Justizverwaltung ausgestoßen hatte, bei Herrn von Ruber erschien und m!t demselben eine längere Unterredung hatte. Mit voller Gewißheit steht auch fest, daß erst m

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