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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-10-21 · 43 (21.10.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 Dr. JSlocb’s MocbenscbrM. Seite 689 Blick zu werfen. Hierbei muß es fraglich erscheinen, daß R. Jochanan, der Palästinenser, wirklich der Autor der babylonischen Version sei. Dazu wird im jerusalemischen Talmud, als dessen Redaktor er gilt, keine der beiden Stellen mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Dies läßt die Vermutung zu, daß hier entweder eine Namensverstümmelung oder aber eine Pseudepigraphie vorliegt. Wäre R. Jochanan's Autorschaft verbürgt, so ließen sich sowohl die babylonische, als auch die palästinensische Version auf eine und dieselbe Quelle zurückführen. Denn gleichwie Chama bar Chanina unsere Episode ans Salomos Leben von seinem Vater Chanina bar Chama, dem Freunde und Lieblinge Jehudas I. gehört haben mag, kann dies auch von R. Jochanan der Fall sein. Er war Genosse Chamas und treuer Schüler seines Vaters und erscheint überaus häufig als Tradent Chanina'scher Aussprüche (cf. Bacher, pal. Amor. I. S. 208 u. idiä. S. 7. Anmerkung). Doch liegt von R. Jochanan an mythischer Haggada sowohl autoritativ als traditiv so gut wie gar nichts vor, so daß wir nicht umhin können, in der babylonischen Version eine spätere nach der Palästinensischen Version von den Redaktoren der babylonischen Gemara präparierten Reproduktion zu sehen, in der sein Name lediglich als Pseudonym figuriert. Das ist umso wahrscheinlicher, als wir von der scharfen Denkweise R. Jochanans die Unterdrückung des entsprechenden Beleges von Achabs Tode und die Substituierung des mangelhaften Beweises von den Schreibern kaum erwarten. Denn Elichoref und Achijah haben ja selbst nichts getan, ihre Füße haben sie auch nicht geführt, sondern Salomo war es, der ihre Rettung versuchte. Und die hieraus resultierende Moral wäre eher im Bibelvev'e: „Keine Weisheit, kein Rat und kein Unternehmen hält Stand gegen Gott", denn in der Regel: „die Füße des Menschen bürgen für ihn" zu suchen. Dafür spricht auch die Schlußformel nobw nna ,tü sogleich Hut» Salomo an", die wir mit Anlehnung an Zunz (cf. Z. Gottesdienstl. Vortr 1892 S. 254 u. 326) als Zeichen spättalmudischer Bearbeitung halten. Nun hätte die Untersuchung ergeben, wie unsere Legende in der babylonischen Haggadawerkstätte bis zur Sagenhafligkeit sich entwickelt hat; ebenso, daß die Babylonier mit viel mehr Akribie zu Werke gingen als die Palästinenser. Dieses letztere würde sich gegen die bislang vertretene und nach allen Richtungen hin geltend gemachte Ansicht richten, daß die babylonischen Amoräer der Haggada weniger als die palästinensischen Beachtung geschenkt haben, (et. u. a. Funk, Juden in Babylonien 1902, S. 96). Diese Ansicht rührt schon von Zunz her, der idiä. S. 320 sagt: „In den Akademien Babyloniens wandte mau die meiste Tätigkeit der Halacha zu u s w. Haggada wurde weniges angebaut, und wenn es geschah, wie es scheint, mehr ihrer praktischen Nutzens der Belehrung und der Erheiterung halber, als um ihrer selbst willen. Erst in späterer Zeit ging man auch in Babylonien an die Haggada, doch meist an die ethische und geschichtliche". Aber die spätere babylonische Zeit, von der Zunz spricht, ist wohl nur im Verhältnis zur voramoräischen gemeint, über deren Arbeitsleistungen noch wenig Licht gebreitet war, als dies geschrieben wurde. Denn wenn auch nicht alle Gebiete zur Zeit der ersten babylonischen Amoräergeneration der Haggada eröffnet wurden, so behandelte man sie dafür umso sorgfältiger und gründlicher. Man mußte dies auch. Denn wie eben Zunz sagt, ging man hier nicht an die Haggada wie in Palästina, um ihrer selbst willen, sondern des Nutzens der Belehrung und der Ethik wegen. Und nicht erst unter Abaji, Rabbah oder Rabbah b. b. Chana, sondern schon unter dem aus der Schule Rabbis zurückgekehrten Gelehrtenpaare Rab und Samuel finden wir die babylonische Haggada in ziemlicher Blüte. Doch das nnr nebenbei. Auf den Kern unserer Haggada hat schon ein jüdischer Gelehrter des Mittelalters hingewiesen. Es ist dies kein geringerer als Abraham, der Sohn Maimunis. In seinem rationellen Essay über Deraschoth (nach einem Manuskript als Einleitung zum En Jakob 1883 und Kerem Chemed, Teil II, zu Anfang abgedruckt) teilt er die im Talmud vorkommenden Geschichten in mehrere Klassen ein und zählt unsere Sage in der babylonischen Version zu denjenigen haggadischen Darstellungen, die einen geschichtlichen Hintergrund haben. Er legt sie folgendermaßen aus: Salomo sah, daß das Leben seiner beiden Schreiber durch Krankheit oder durch irgend eine andere Ursache gefährdet sei, wenn sie hier verblieben. Um sie der Gefahr zu entziehen, sandte er sie in ein fremdes Land, von dem er glaubte, daß ihnen dort der Aufenthalt gut tun werde. Dort starben sie aber. Da sah er, daß es vor Gott kein Entrinnen gebe und so sagte er: Die Füße des Menschen u. s. w. Die Sache kann sich in der Tat auch so zugetragen haben. Nach Wiesner im Ben Chananja, Jahrg. 1867, p. 76 und Neubauer Geogr. du Talmud, p. 394 ist Lus identisch mit der Ortschaft Lisan in Kurdistan, dessen Klima sehr gesund ist und das Bedürfnis nach Luftveränderung sowie nach Sommerfrischen mag nicht erst unserem nervenschwachen Zeitalter Vorbehalten gewesen sein. Daß man Salomo für den Entdecker von Gesundheit fördernden Gegenden hielt, dafür liegt ein altes Zeugnis vor. Josephus (Altert. VIII. 8, 7) sagt: „Nun baute er (Salomo) auch noch andere Städte, die sich durch ihre milde Luft, ihr günstiges Klima und ihren Reichtum an Quellen zur Erholung und zum Sommeraufenthalt eigneten." Bekannt dürfte es sein, daß es zur Zeit Rabbis in Palästina und auch in Babylonim gerühmte und besuchte Kurorte gab. Salomo hätte demnach seine erkrankten Beamten in einen solchen von ihm selbst begründeten Kurorte geschickt. Wer wollte nun darin ein frivoles Unternehmen gegen die Vorsehung erblicken? Derart legt unsere Haggada ihrem Helden nicht nur einen philanthropischen Zug bei, sondern klingt an eine andere Tradition an, die ihn zum Urheber von Wohlfahrtseinrichtungen erhebt. Wegen ihrer Vielseitigkeit mag auch diese babylonische Dichtung mindestens ebensoviel wie eine gediegene Auslegung biblischer Stellen zuguunen Salomos, zu seiner Glorifizierung beigetragen haben. Schon weil sie volkstümlicher war als selbst die besten Deutungen von Schriftversen, die ja selten die Türe des Lehrhauses passieren, fand sie Anklang in den weiteren Kreisen des Volkes und konnte so dem neuen Urteile über Salomo Verbreitung verschaffen. Von ihrer Popularität zeugt die Tatsache, daß sie auch in die arabische und persische Literatur Eingang gefunden hat. (Schluß folgt.) Korrespondenzen. Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 16. Oktober 1904, unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Vor Uebergang zur Tagesordnung hält der Vorsitzende an die Versammlung folgende Ansprache: Nachdem die letzte Plenarsitzung am 26. Juni 1904 stattgefunden hat, erachte ich es heute als meine Pflicht, Ihnen von den wesentlichen Vorkommnissen in dem abgelaufenen Quartal Kenntnis zu geben. Bevor ich jedoch zu dieser Berichterstattung schreite, geziemt es sich, einiger Männer zu gedenken, durch deren Hinscheiden die Wiener Kultusgemeinde schmerzliche Verluste erlitten hat. Am 3. Juli d. I. starb der Führer der zionistischen Partei, Dr. Theodor Herzl; Ihnen Allen, meine Herren, ist bekannt, mit welchem Feuereifer, mit welcher Liebe für seine Stammesgenossen, mit welch hoher Begabung in Wort und Schrift Herzl für jene Ideale eintrat, die er als glückbringend für uns erachtete. Ich habe in einer unmittelbar nach dem Leichenbegängnisse stattgehabten Sitzung des Vertreter-Kollegiums

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