Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 672 Dr. Dlocv's MocbenscbrlN. Nr. 42 „Unter den christlichen Bewohnern Prags seien nicht mehr als zwei bis drei mittelmässige Kaufleute“. Wir sehen aber während des 17. und 16. Jahrhunderts die Juden in allen deutschen Städten die gleiche Tätigkeit entfalten. Für jene Zeit bildet dieses geräuschlose Wiederauftauchen der jüdischen Kaufmannswelt ein geradezu charakteristisches Moment und erinnert in Ziel, Methode und Erfolg, wie schon oben erwähnt, an deren ökonomische Wirksamkeit und Bedeutung in Europa während der Zeit nach dem Zusammenbruche des antiken Reiches. Aber so interessant auch dieser Parallelismus sein mag — ihm steht noch ein viel merkwürdigerer zur Seite. Direkt, unmittelbar in der Gegenwart vollzieht sich unter den Juden ein wirtschaftlicher Prozess, für den ein klassisches Präzedenz in weitester Vergangenheit zu finden ist. Wir haben im ersten unserer Artikel erzählt, wie die phönizischen Handelsstädte, durch die griechische Konkurrenz aus dem internationalen Handel verdrängt, sich in Industriestädte metamorphosierten. Und was vollzieht sich in Oesterreich jetzt? Die jüdischen Händler, d. h. deren besseren Kräfte flüchten sich scharenweise in die Industrie, sie werden, wie einst die Phönizier, selbst Fabrikanten. Diese ganze Bewegung reicht zwar in ihren Anfängen bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück, hat aber speziell in den letzten Dezennien einen rapiden, bei längerer Andauer sicherlich die jüdischen Geschäftskreise geradezu umändernden Charakter angenommen. Dieselbe Wandlung ist auch in Deutschland zu bemerken; aber sie ist bei uns notwendig viel intensiver und stärker als in Deutschland, in dessen international grösserem Verkehr sein Kaufmannsstand ungleich mehr Raum hat als der österreichische in den kommerziell beschränkteren Verhältnissen seines Staates. Wir würden eine eingehende geschichtlich gruppierte Statistik dieses Ueberganges für ausserordentlich wertvoll halten, nicht bloss im allgemeinen Interesse, weil sie die ökonomisch hochbedeutenden Ursachen aufdecken könnte, welche gerade die besten Kräfte des Handelsstandes veranlassen, ihm den Rücken zu kehren, sie würde auch das Schlagwort vom jüdischen „Schachergeist“ kräftigst widerlegen. Wir gehen aber weiter: was uns Juden nottut, ist die Schaffung einer „jüdischen Wirtschaftsgeschichte!“ Nicht aus der jüdischen Religion holen die Gegner der Juden ihre Waffen, sondern aus der Unkenntnis, aus der falschen Darstellung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit. Diese Quelle ist es, die verstopft werden müsse, und es ist dringend zu wünschen, dass die neu geschaffene „historische Kommission für die Erforschung der Geschichte der Juden in Oesterreich“ sich lebhaft bewusst wird, wie sehrsie sich vor allem und in ernster Weise dieser Seite ihrer wissenschaftlichen Pflicht zuzuwenden habe. Wir* hier haben uns nur eine bescheidene Aufgabe gestellt. Niemand kennt das Ungenügende des von uns hier gelieferten Versuches besser als wir selbst; aber so schwach immer er auch sein mag, er hat vielleicht denn doch gezeigt, dass eine jüdische Wir tschaftsgeschichte überhaupt möglich ist. Und weiters haben wir noch eines zu zeigen versucht: Keinem Volke, ist etwa, wie von einer Vorsehung, der Handel als sein Beruf in die Wiege gelegt. Kein Volk ist etwa durch seine ihm vom Hause aus verliehene Qualität zum Handelsvolk prädestiniert. Der Boden, seine Configuration und seine Beschaffenheit, geschichtliche Ereignisse und soziale Gesetze von physikalischer Kraft schaffen das Handelsvolk; und gleiche, wenn auch nicht immer alle dieselben Faktoren zwingen dann das Volk zu Metamorphosen und Wandlungen, durch die allein es sich imstande ist zu erhalten. Diese Metamorphosen an einem Volke voll nachzuweisen, gibt nur das einzige, welches sich aus der ältesten Vergangenheit bis in die Gegenwart erhalten hat, jenes der Juden, die Möglichkeit. Diese sind nicht nur aus einem Bauern zu einem echten „Handels Volk“ und aus diesem wieder, trotz der gewaltsamen vom 13. bis 16. Jahrhundert reichenden Unterbrechung, ein heimischer, im ökonomischen Sinne nationaler Handels stand geworden, sondern dieser bildet sich schliesslich jetzt wieder in seinen oberen Schichten zu einer „industriellen Klasse“ um. Diese Wandlungen haben wir versucht, zu schildern, — sine ira et studio, ohne die hässliche Neigung anzuklagen, ohne die unwissenschaftliche Sucht zu beschönigen, einzig in dem Sinne der Sätze Spinoza’s, die wir an die Spitze gestellt haben: „Die Geschichte der Menschen ist weder zu loben noch zu tadeln, sondern zu begreifen“. Dom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichle. (Alle Arbeiter sind L u m p e n. — Alle Juden sind Fälscher. — Alle Gegner sind unvernünftig. — Alle Gelehrten sind Esel.) Wenn alljährlich am 1. Mai in Wien die Arbeiterbataillone aufmarschieren, dann gibt das doch einen recht eindrucksvollen Anblick. Die Straßenzüge, die zum Prater führen, sind angefüllt von einer dichten, in breiten Reihen aufziehenden, schier endlosen Schar. Das sind die Arbeiter Wiens, die hundert-, vielleicht zweihunderttausend Mann stark ihre Frühjahrsparade abhalten. Wie immer man der Sozialdemokratie gegenüberstehen mag, — der Anblick flößt Respekt ein. Schon der Umstand wirkt ernst und weckt Sympathie, daß das Arbeiter sind, nicht müßiggängerische Flaneure, Arbeiter, die ihr Leben in harter Mühe verbringen und die sich da ihren eigenen Feiertag eingesetzt haben, von dem die Heiligengeschichte allerdings nichts weiß. Und dann die Disziplin, die diese Leute halten! Es war am 1. Mai des Jahres 1890, daß die Wiener Arbeiter zum erstenmale diese ihre Revue abhielten. Der Weltenbund der Arbeiterschaft hatte beschlossen, den ersten Mai zu einem Feiertage zu machen, nicht einem Kalender-Heiligere zu Ehren, sondern im Interesse der gemeinsamen Arbeitersache. Es war damals still in der Stadt, als die schwarzen, unabsehbaren Massen dröhnenden Schrittes aufmarschierten. Das sonstige laute Treiben schien gedämpft durch ein allgemeines, dumpfes, unklares Angstgefühl. Es lag etwas Schwüles, Atembeklemmendes in der Luft. Wie leicht konnte der verhängnisvolle Funke aufspringen, auf den dann die furchtbare Explosion folgen mußte. Man wußte, die polizeiliche Macht war einem solchen Massenaufgebot gegenüber machtlos. Ja, es war fraglich, ob die gesamte in den Kasernen konsignierte militärische Besatzung Wiens zahlreich genug sein werde, um mit einer solchen Arbeiterarmee fertig zu werden. Die Praterfahrt am 1. Mai, das traditionelle Fest der Wiener Gesellschaft, wurde nicht nur abbestellt, sondern überhaupt abgeschafft, und bei den Rennen in der Freudenau ze'gten sich in den angrenzenden Gehölzen Fähnlein von Uhlanen und Husaren. Man mußte ja auf Alles gefaßt sein. Seit anderthalb Dezennien wiederholt sich alljährlich das gewaltige Schauspiel. Hundert-, vielleicht zweihunderttausend Arbeiter, Vertreter des vierten Standes, Proletarier, tun sich zusammen, machen sich einen freien Tag, feiern, und doch ist in all den Jahren nicht der geringste beunruhigende Zwischenfall eingetreten. Nicht einmal die Statistik ist auf ihre Kosten gekommen, die doch Anspruch darauf hat, daß bei solchen Massenentfaltungen sich gewisse bedeutende und besorgniserregende Störungen, Unruhen und Unglücksfälle ereignen. Nichts von alledem. Das spricht doch, sollte man meinen, für den Ernst, für den Charakter, für die Disziplin der Arbeiterschaft von Wien. Es gibt noch eine Partei in Wien, die es an Zahl mit der der Sozialdemokraten aufnehmen kann, das ist die der Christlich-Sozialen. Es würde sich wohl der Versuch verlohnen, ob eine solche, periodisch sich wiederholende Massenentfaltung