Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2/ir. 42 Dr Jßlocb ö Mocbenscdrttt. äcu«. 671 sye wuchern, und des ist ihr behelfen.“ Ein noch gewichtigeres Zeugnis gibt die Reichspolizei-Ordnung von 1539. Diese macht den Versuch, den Juden den Wucher zu verbieten. Zu dem Zwecke „solle ihnen aber alle ziemliche Hantierung und Handel — damit sie dennoch ihre Leibesnahrung haben“ gestattet sein — e contrario: sie sind ihnen nicht gestattet. Die Frage der Schuld oder Nichtschuld der Juden ist jedoch ganz gleichgiltig. Die Weltgeschichte ist kein Weltgericht, wie der Gemeinplatz lautet — zumindest wäre sie ein sehr schlechtes — sondern eine naturgesetzmässige Entwicklung. Das Bedürfnis nach dem Gelddarlehen ist nicht von den Juden geschaffen worden, und hat ihr Geldgeschäft natürlich überlebt. Dasselbe ist dann von ganz anderen Geldmächten befriedigt worden: von den Fugger, Welser und deren zahlreichen grossen wie unzähligen kleineren Geschäftsgenossen. Die Mitglieder dieser Klasse hatten in dem Warenhandel, von dem gerade die Juden ausgeschlossen worden waren, seit dem grossartigen Aufschwünge desselben nach der Entdeckung Amerikas die grössten, für jene Zeit ganz unglaublichen Kapitalien angesammelt. Der Warenhandel jener Zeit hatte eben eine Gestalt angenommen, die ungeheuere Profite möglich machte. Was unter dem kommerziellen Uebergewichte der Juden, diesen sozusagen „fleischgewordenen“ Konkurrenten, ganz unmöglich gewesen wäre, ist nach Ausschaltung derselben eingetreten; Ringe und Monopole, zuerst nur für die Waren des Orientes und der Neuen Welt, dann für jene der inländischen Produktion, zu deren Handhabung sich allüberall Handelsgesellschaften bildeten, welche die Preise aller Artikel willkürlich festsetzten, machten den damaligen Handel ganz ausserordentlich gewinnreich. Vergebens klagen die Publizisten jener Zeit über diese Zustände: Geyler v. Keyserswerth nennt diese grossen Kaufleute grössere Ueberlister und Schinder des Volkes, als je die Juden gewesen; sie ziehen nicht nur den gar entbehrlichen Blunder an fremden Waren, sondern auch das, was zum Leben not, als: Korn, Fleisch, Wein und Sonstiges, in ihr Monopolium und schrauben die Preise nach deren Geldgier und Geizigkeit.“ Ebenso tritt Luther auf das Heftigste gegen die durch Monopole und Ringe hervorgerufene Preissteigerung und dagegen auf, dass die grossen Kaufleute die kleinen auffrässen, wie die Hechte die Weissfische. („Von Kaufshandlung und Wucher, Wittenberg 1524.“) Die Anklagen werden begreiflich durch die Nachrichten über die Bilanzen der damaligen Handelsgesellschaften. 900 Gulden, die in die Höchstetter’sche Gesellschaft eingelegt sind, werden in sechs Jahren 33.000. Nach dem Pagebuche Nikolaus Rems, eines Geschäftsführers der Fugger, welcher deren volles Vertrauen genoss, betrug 1546 das Vermögen des Hauses 63 Millionen Gulden, ein Kapital von einer Grösse in einer Hand, dem verhältnissmässig keines der heutigen Zeit in Europa gleichgestellt werden kann.*) Diese grossen Kaufleute können aber auch die „Fuggerei“, wie man später im Volksmunde das Geldgeschäft benannte, nicht nur mit ganz anderen Kapitalien, sondern auch in ganz anderer Weise als vormals die Juden betreiben. Sie, welche durch den ständigen und drängenden Geldbedarf Karl des V. und aller seiner Nachfolger sich selbst zu Mächten von einem politischen Einflüsse herausgewachsen hatten, gegen den das Gewicht der heutigen Haute finance verschwindet, konnten das Geldgeschäft mit der grössten Ruhe und Sicherheit betreiben, sie brauchten keine Konfiskationen zu fürchten. *) Einer der bedeutenderen unter den neueren Nationalökonomen, Werner Sombart bestreitet diese Rentabilität des mittelalterlichen Handels. Kein Praktiker aber wird seinen Argumenten beipflichten können, und auch von gelehrter Seite, wie erst jüngst v. B e 1 o f, hält man ihm gegenüber an den nun einmal unbestreitbaren Tatsachen fest. An dem Juden aber ist gegen Ende des 16. Jahrhunderts der Prozess, dem ihn die Geschichte des Mittelalters unterzogen, vollendet. Er hat seine Bedeutung vollständig verloren, an dem grossen gewerblichen und kapitalistischen Aufschwünge, wie er den grossen Entdeckungen gefolgt ist, durch zwei Jahrhunderte den Wohlstand Europas grossartig emporgehoben, namentlich aber Deutschland zu dessen reichstem Lande gemacht hat, nimmt er keinen Anteil, und in seinem Geldgeschäft ist er ein armer Teufel geworden. In dieser Gestalt tritt er uns jetzt in den Quellen überall entgegen. Nirgends spielt der Jude mehr eine Rolle, nicht einmal — was sehr charakteristisch — erscheint er in den zahlreichen Holzschnitten, in denen die Kaufleute karikiert und angegriffen werden. Hat er für immer ausgespielt? Keineswegs. Da entsteht ein Brand, welcher die Welt, besonders aber Deutschland aufs Aergste verwüstet, den durch die Arbeit von Jahrhunderten geschaffenen Wohlstand vollständig vernichtet — der dreissigjährige Krieg! Deutschland ist eine Wüste, eine grosse Leere breitet sich über seine Gefilde. Da vollzieht sich ein merkwürdiges Ereignis. Wie schon mehr als tausend Jahre vorher, nach der Zerstörung der antiken Kulturwelt durch die Barbaren, die jüdischen Kaufleute mit ihrer Handelstätigkeit eine Brücke hersteilen zwischen alter Kultur und neuer Barbarei, wie sie die Reste der alten Zivilisation in die kulturnackte Fläche einpflanzen, so ist auch jetzt wieder Zeit und Raum für sie, eine ähnliche Kulturarbeit nochmals zu leisten. Von der Zeit nach dem westfalischen Frieden an erscheinen allmählich die Juden wieder mit ihrem Warenhandel an der Oberfläche. „Vertrieben aus den giessen und grösseren Städten, waren sie Hausierer auf dem Lande geworden, bildeten sie für die vom Handel noch unberührten Gegenden gleichsam ein Kapillarsystem, welches den Strom des Güterverkehrs aus den Hauptadern in die entlegensten Teile des Organismus führte“. Jetzt tauchen sie auf zuerst als Kleinhändler in den Flecken und Kleinstädten und bereiten sich auf diese Weise zu einer neuen Mission, zu einer Reihe von solchen Missionen vor. Sie werden von neuem die Grossisten in den Städten, wie in den Zeiten der Auflösung des römisehenR eiches. Allüberall sieht man sie wieder scheu, aber emsig arbeiten: in Amsterdam, in Hamburg, wo speciell die aus Spanien und Portugal vertriebenen „portugiesischen“ Juden durch die altererbten Verbindungen mit Spanien, Portugal und deren überseeischen Kolonien dem Handel wesentliche, vom Senat anerkannte, Dienste leisten. Charakteristisch können wir namentlich in Frankfurt sehen, wie die jüdischen Kaufleute dort einen grossen Textilhandel, einen Wechselplatz schaffen wie der Senat vergebens sich bemüht, diese zum Bedürfnis gewordene jüdische Tätigkeit durch eine Behandlung, die schlechter und schimpflicher ist als in irgend einer deutschen Stadt, zu unterdrücken. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich in den meisten deutschen Städten. Wo immer sich das Bedürfnis nach Handelsleben zeigt, eine offene oder von den anderen nicht erkannte Lücke auszufüllen gilt, sehen wir die jüdischen Geschäftsleute an der Arbeit. Der Verfasser hat an einer anderen Stelle bei einer anderen Gelegenheit) historisch dargelegt, wie die in Wien gesetzlich verpönten Juden sich nicht haben abhalten lassen, in dieser Stadt, welche damals, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, keinen eigenen selbständigen aktiven Handel besessen hat, diesen Wiener Handel zu schaffen; wie sie den Absatz der durch die Regierungspolitik Karl VT., Maria Theresias und Josef II. hervorgerufene Industrie organisiert und hiedurch diese Industrie selbst erst möglich gemacht haben. Die Prager Statthalterei remonstriert noch unter Maria Theresia gegen die beantragte Ausweisung: