Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 650 Dr. Blocb’s Wocbenscbuttt. 40 Feuilleton. Szimchath Thora! Von Dr. M. L. Ster n- Zwischen dem ganzen wechselvollen Neigen der Herbstfeicrtage und dem Schlußfeste ergibt sich eine merkwürdige Beziehung, durch die man sich veranlaßt fühlen kann, gegen die jnngjüdische Lyrik ernstlich Stellung zu nehmen. Ein beglückender Lichtschimmer ist und war auch in den jammervollsten Zeiten der Zurücksetzung. Verfolgung und Armut über die ganze jüdische Nation an den hohen Feiertagen ausgebrcitet. In den kleinsten Synagogen selbst zeigten sich reichgeschmückle Thorarollen, goldstrotzende Vorhänge, weiße Decken, ertönten gar wundersame Melodien, die keineswegs düster und herzbeklemmend, sondern mehr triumphierend, siegesbewußt, tröstend, hoffnungcrweckend, feierlich und weitausblickend erklangen. Nicht die engen, luftleeren, dichtbevölkerten Hütten des finstern, beschimpften Ghettos zitterten durch diese Gesänge heraus, sondern die weite Welt, das große Reich der Schöpfung, das nach Hoheit ringende Völkerstreben jubilierte in diesen gottverherrlichenden Tönen. Die Tafeln, selbst der Aermsten, waren dank der reichlich fließenden Spenden mit Delikatessen, mtt zarten Speisen, mit symbolisch runden Weißbroden, mit Süßigkeiten und süßen Früchten bedeckt. Daran schlossen sich die vom Kuustsiiiue der Kinder und Talmudgelehrten geschmückten Laubhütten in allen möglichen und unmöglichen Formen. Es gab in ellen jüdischen Gassen einen Wohlgeruch der prangenden grünlichgelben Ethrogfrüchte, der imuiergrünen Myrthe und der riesigen oder zwerghaften Palmenzweige. So windet sich eine schmuckvolle Guirlande über die vielen Jahrhunderte mn das wild umhergejagte Judentum seil der Zerstörung des jüdischen Reiches, dessen weit umher zerstreuten Söhnen die Gloriole der Gotteshuld doch noch nie abhanden kam. Und dieser Festesglanz ist doch nur der Helle Widerschein all der tausend Sabbathlichter der Festes- und Familienfreuden, der lebensfrohen Gesänge, der hoheitsvollen Weltgedanken, die durchs ganze Jahr in den tausendmal zerstörten und immer wieder glanzvoll aufgerichteten Hütten Israels sich emporrangen. Was Wunder, daß dann am Schlüsse solcher Herbstfcier ein lautes Hosiannah sich um die Thora erhob? Szimchath Thora! Nein, wir leben „nicht im Fluche des Gesetzes!" Der Gottcsfluch lastet nicht auf dem sündigen, von Gott verstoßenen Volke Israel, wir leben in der Freude der Thora, em gottbeschütztes, gottbegnadetes, ewig gerettetes, immer wieder geheiltes, in Geist und Kraft verjüngtes Volk. Das ist die Freude der Thora, sie ist gekrönt durch das Geschlecht, durch ihre Söhne, die sie erzogen und emporgehoben hat, trotz grausamer Niedermetzelung, trotz Zurücksetzung, trotz Aemterverweigerung durch Völkerwahn. Dem gegenüber erfaßt uns ein wahrer Ingrimm, so oft uns ein jungjüdischer hochgerühmter Dichter die Trostuub Freudlosigkeit des Judentums in düstern, herzbeklemmenden Farben vorführt. Sei es, daß sie das jüdische Weib mit dem bleichsüchligen Säugling an der abgezehrten Brust, mit trockenem Husten auf einem Fetzenlager, auf dreifüßigem, wackligem Bette in moderfeuchter, von Winden durchzogenen, fensterlosen Kämmerlein sterbend zeigen, sei es, daß sie einen verkrüppelten Judenknaben von einem blödsinnig ausgetrockneten Melamed Talmudweisen absingen lassen und sich dabei geberden, als hätten sie damit das in Wahrheit beängstigende Bild des gesammten Judentums zur Darstellung gebracht. Wer brächte es überhaupt nur übers Herz, alle die tristen Lieder und Gedichte von Juda, das nur die Gruft und keine Heimat hat, nur annähernd zu skizziren? Wir wollen keineswegs das Auge vor dem Maffenelend so vieler Juden in so vielen Gegenden gewaltsam verschließen. Warum soll aber all das gerade charakteristisch fürs Judentum sein? Entbehren etwa nichtjüdische Arbeiterviertel, Maffenquartiere und Auswandererhaufen solcher Schauerbilder? Weiß ein Tolstoi, ein Gorki nicht von daher Gleiches zu holen? Das ist fürwahr der internationale und interkonfessionelle Weltschmerz, der das Menscheuherz im allgemeinen zusammenschnürt. Warum also gerade das Judentum besonders damit schänden? Soll dadurch der Zulauf zum Zionismus größer werden? Ward je in solcher Laune gefreit? Es ist ei:: Gift, mit dem wir da getränkt werden. Ja, es sollte uns nicht wundern, wenn da jeder, der noch halbwegs in der Lage ist, Lebenslust in sich zu fühlen, vom Judentume sachte abzuschieben sich gedrängt fühlt, und das trifft Gott sei Dank ja noch immer die Mehrzahl der Juden. Es kann keineswegs unsere Aufgabe sein, die Triftheit des Judentums, sondern die bessere, historische und zeitgenössische Wahrheit darzustellen. Szimchath Thora, die Freude der Thora, ihre Erfolge, unser verhältnismäßiges Emporkommen an Geist, Tüchtigkeit und Verwendbarkeit, wenn wir Treue, Ausdauer, Stolz, Begeisterung für zionistische, oder nationale oder auch nur religiöse Erhebung erwecken wollen. Gesühnt. Von Dr. F. Rich. Heinschel. II. Im Salon des Hoftraktes — das einfach möblierte ehemalige Lernzimmer ihres Vaters — saß Frau Sarah Schwarz auf einem niedrigen Stuhlchen. Das hochgeschlossene dunkle Kleid war am Hals so breit wie eine Handfläche aufgerissen. Ein schwarzes Tuch bedeckte die Haartour. So klaffend wie der Riß am Kleide, war auch der Riß im Herzen. Ein Zug schweren Seelenleidens war auf dem edelgeformten, sehr bleichen Gesichte ausgeprägt. Sarah Schwarz hielt die Schiwoh (siebentägige Trauer) und es war ein Lebendigtoter, den sie beweinte. Heiße Zähren flössen aus den geröteten Augen und die Hände verzweifelnd brechend, saß die schlanke Gestalt auf dem Holzschemel zusammen gekauert. Mit stieren Augen wie geistesabwesend vor sich hinbrütend, ganz apathisch und nicht achtend auf die Trostesworte ihrer Freundin. Wer jemals ein teueres Wesen beweinte, er weiß es, daß man die Wirklichkeit des Verlustes erst nach langen Wochen oder Monaten glaubt. Man bäumt sich gegen den Verlust auf, denkt, cs wäre unmöglich, eS könne nicht wahr sein. Die Lebhaftigkeit, mit der man das verlorene Wesen im Geiste vor sich sieht, erweckt die Vorstellung, man brauche nur ins Nebenzimmer zu gehen oder die Portiere zur Seite zu schieben, um das geliebte Wesen vor sich zu sehen, seine Stimme zu vernehmen. Später erst lernt man begreifen, daß das geliebte Wesen für immer von uns gegangen, dann aber-, wenn das entsetzliche „Nimmerwiedersehen" im Herzen sich festsetzt, dann kommt erst jene geistige und physische Apathie, jene unsägliche geistige Erschöpfung, in welcher der Schmerz von unserem ganzen Sein Besitz ergreift. Dann brechen jene endlosen Tage schwerer düsterer Trauer herein, die uns erbarmungslos mit gellender markerschütternder Stimme immer wieder die Größe des Verlustes zurufen. Doch die Zeit linden auch das herbste Weh. Was die Erde bedeckt, muß einmal vergessen werden und stumme Resignation folgt dem namenlosen Weh des aus tausend Wunden blutenden zermarterten Herzens. Wer aber eine verlorene Seele betrauert, einen Lebendigtoten beweint; ein Wesen, das lebt, vielleicht noch Jahrzehnte unter den Lebenden wandeln wird und für uns doch verloren ist, da sind die ersten Zeichen des Schmerzes schon entsetzlich und kein Balsamstrost vermag solches Weh zu lindern. Seit 15 Jahren schon lebte sie still und zurückgezogen im Hinterhause, ihr Gatte wollte nicht mehr dulden, daß sie ein streng-jüdisches Haus führe und so beschränkte sich der Verkehr mit ihm auf eine tägliche kurze Morgcnvisite, die der Erkundigung nach ihrem und des Kindes Wohlbefinden galt. Die Erinnerung an die einstige Liebe aber lebte noch in ihrem Herzen, wenn auch eine unüberbrückbare Kluft sich zwischen ihr und ihrem Gatten aufgetürmt. Er war doch noch Jude, jetzt aber, nachdem er auch den Namen von sich gewiesen, wie man einen abgetragenen Rock von sich wirft, nachdem er ein „Anderer" geworden, war auch der letzte Faden gerissen, der sie bisher noch mit ihm verband. Zu ihrer Rechten saß ihre Freundin und Hausgenossin, Rachel Thalheim, die Rabbinerswitwe aus M., der sie nach dem Tode ihres Gatten, welcher sie in bedrängter Lage zurückließ, ein sorgenloses Dasein in ihrem Hause bot. Rachel redete auf Sarah beständig ein; man hörte es aber der Trösterin an, daß ihr die Trostesworte nur schwer von den Lippen stoffen; war sie ja selbst zu sehr erregt, auch war der Schicksalsschlag zu herb, als daß es dafür eine Linderung geben sollte. Schließlich versiegten ihre Trostesworte ganz. Zur Linken von Sarah saß der achtundzwanzigjährige Sohn der Rabbinerin, Josef Thalheim; der Schmerz seiner mütterlichen Freundin machte ihn sprachlos und Entsetzen malte sich auf seinem ernsten Gesichte ab. Als sein Vater starb, besuchte er die Schule in S. und der sechzehnjährige Gymnasiast verdiente sich durch Korrepetieren die kärglichen Mittel für seinen Unterhalt. Die Ferien verbrachte er immer bei seiner Mutter in D. Der junge Gymnasiast hatte