Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Llocb's Mocdenscvrttl. Seite 649 Konfirmanden leitete, richtete an ihn eine schöne Ansprache, welche einen allgemeinen tiefen Eindruck bei allen Anwesenden zurückließ. Herr Kultusvorsteher E l t b o g e n, welcher als Obmann des Tempelvereines des XX. Bezirkes fungiert, hat, zur Thora gerufen, aus diesem Anlasse die Wohltätigkeitsanstalten dieses Bezirkes mit namhaften Spenden bedacht. Wien-Mariahilf. Der Vorstand des Israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau veranstaltet für sein verewigtes verdienstvolles Vorstandsmitglied Herrn k. k. Kommerzialrat Albert Janowitzer Dienstag, 4. Oktober d. I., '',7 Uhr abends einen Trauergottesdienst im Vereinstempel, VI., Schmalzhofgasse 3. Wien. Im israelitischen Tempel, XL, Braunhubergnsse, findet vom 7. Oktober angefangen jeden Freitag ein Jugendgottesdienst und jede zweite Woche eine Exhorte, gehalten von Herrn Rabbiner Dr. A b e l e s, statt. Wien. (Spende.) Laut Aufruf in Nninmer 38 unseres Blattes sind uns ferner für den armen Flickschuster Leiser Graf in Wien, II., Odeongasse 7, II. Stock, Tür 9 wohnhaft, der das Unglück bat, zwei blinde, taubstumme Kinder zu besitzen, von Herrn Albert L ö w y, in Königsberg K. 4.— zngekommen. Wien. (E r st e r Wiener jüdischer T n r n v e r e i n.) Herrenturnen: Montag und Donnerstag von 9 Uhr abends; Damenturnen: Mittwoch und Samstag von 7—*/,.9 Uhr abends; Kinderturnen und Fechtriege ab Oktober. Anmeldungen in den Turuzeiten im Turnlokale I. Mölkerbastei 5. Separate Kurse durch staatlich geprüfte Lehrer. — Unser treues Vereinsmitglied Herr Heinr. Löw, Chef der Firma Heinrich Löw und Compagnie, ist am lc>. d. M. nach kurzer Krankheit in Vöslau gestorben. Das Leichenbegängnis fand Sonntag den 18. d. M. in Baden statt. Namens der Vereinsleitung hielt der Obmann Herr Dr. Ludwig Werner dem Verblichenen am off»nen Grabe einen warmen Nachruf. Am 20. d. M. widmete der Obmann im Turnlokale vor den versammelten Turnern dem Verstorbenen eine Gedenkrede, in welcher er die trefflichen turnerischen und allgemein menschlichen Eigenschaften des Verblichenen rühmte. Der Verein wird dem Verstorbenen ein treues Andenken bewahren. Vrody. Auf Initiative der hiesigen Akademiker und Zionisten wurde am ersten Tage des Laubhuttenfestes im Saale des Knltusvorstandes eine vertrauliche Versammlung einberufen, die ein achtzehngliedriges Komitee wählte, dessen Aufgabe und Streben dahin gerichtet sein soll, das unbeschreibliche Elend und die jammervolle Not der armen russischen Flüchtlinge, unserer heimatlosen, geknechteten Glaubensbrüder zu lindern und ihnen die Möglichkeit zu bieten, irgend in einem andern Lande sich ein neues Heim zu begründen. Massenhaft überschreiten Jünglinge, auch Männer, unter unsäglichen Gefahren und mühevollen Beschwerden die Grenzen des verhaßten Zarenreiches, um nicht unvermeidlich als Opfer im werten Osten für die räuberischen Gelüste eines schonungslosen Selbstherrschers ihr jüdisches Blut zn vergießen, wozu sie eigentlich jetzt nur zum Militärdienst ausgehoben und in die Reihen der unfreiwilligen Streiter eingereiht werden. Aber welch tr..uriges Los wird auch den armen Flüchtlingen hier auf dem freien, ersehnten Boden Oesterreichs zuteil, auf dem sie aufzuatmen glauben und freudig die Morgenröte der Freiheit begrüßen. Gleich beim Uebertritte der Grenze werden sie von herz- und ruchlosen, leider jüdischen Müßiggängern, die sich ihnen als Agenten und Ratgeber aufwerfen, überrunipelt, betört und geprellt, oft der letzten Kopeke auf betrügerische Weise beraubt, so daß manchen Unglücklichen die Weiterfahrt unmöglich wird. Diesem Unfuge ztt steuern, das Handwerk diesen heuchlerischen Ausbeutern zu legen, wird nun Sache des Komitees sein, das ans braven, angesehenen, bewährten Menschenfreunden besteht. Die Emigranten werden von nun an bei der Grenze schon gastfreundlich empfangen, beherbergt, mit billigen Reisekarten versorgt, den Unbemittelten solche gratis angeschafft, auf die Bahn zur Weiterreise befördert. M. Markstein. Ingenieur-Oberst Moses Burstyn. Nach kurzem, aber hoffnungslosem Leiden ist der oberste Elektroingenieur der Kriegsmarine, Moses Burstyn, am 18 d. M. in einem Kurorte Steiermarks im Alter von 63 Jahren gestorben. Er gehörte der Kriegsmarine seit 1870 an und stand seit 1903 an der Spitze der Elektroingenieure der Marine. Von unermüdlicher Schaffenslust und Arbeitsfreude erfüllt, hat Burstyn im Laboratorium, an Bord, im Lehrfaale und auf dem Büchermärkte Verdienstliches geschaffen, ganze Generationen von Schülern herangebildet und seinen Namen über die Monarchie hinaus zur Geltung und zu wissenschaftlichem Klange gebracht. Seine Leistungen auf dem Gebiete der Nutzbarmachung der Elektrizität für das Schiffswesen haben ihm auch den Franz Joseph-Orden eingetragen. Oberst Burstyn war ein treuer Jude, ein Schwager des Wiener Kultusvorstehers und Fabrikanten Gottlieb Tauffig. Sneznwa. Ein „entgegenkommender" Amtsvorstand ist der Leiter des neu kreierten Gebührenbemessungsamtes in Suczawa, der Finanzsekretär Hilarion Gulka. Davon wissen die ihm unterstehenden jüdischen Beamten ein Lied zu singen. Am jüdischen Neujahrsfeste (heuer am 10. und 11. d. M.) wurden die jüdischen Beamten aller Aemter vom Dienste dispensiert, wie dies alljährlich stets auch für Griech.-Orientalen an ihren Feiertagen der Fall ist und heuer überdies für die hohen jüdischen Feiertage im Wege eines Erlasses der Landesregierung angeordnet gewesen sein soll. Nur der Finanzsekretär Gulka in Suczawa machte eine Ausnahme. Er wollte seine jüdischen Beamten aus keinen Fall an ihren höchsten Feiertagen sreigeben, trotzdem der 11. September auf einen Sonntag fiel und demnach bloß der Samstag für die Dispensierung übrig blieb. Der eifrige Amtsvorstand, der im raschen Fluge über die Suczawaer Amtsräume Finanzrat werden möchte, hatte für das religiöse Empfinden seiner Beamten keine Rücksicht. Er blieb unerbittlich, selbst dann, als die jüdischen Beamten bei ihm vorstellig wurden und an Stelle des freizugebenden Samstag, den 8. d. M. (Maria Geburt) Dienst zu halten sich erbötig machten. London (S t r a ß e ii k ä m p f e im I u d e n v i e r t e l.) Die Neujahrswoche hat den Juden in Ostende von London eine nuangenehme Ueberraschung gebracht. Der Friede in der Kolonie ist gestört und die zwei Parteien, die sich schon lange mit Mißtrauen und Haß betrachteten, befinden sich in offener Fehde. Die Ruhestörungen die am „Jom-Kippur“, dem hohen Festtage, sich ereigneten, entspringen religiösen Meinungsverschiedenheiten. Unter den 18 000 bis 23.000 Inden im Bezirke Spitalsfields befindet sich eine große Anzahl namentlich rnisischer und polnischer Juden, die ihre Religion verleugnen und nur ihren politischen Idealen leben. Ihr Sammelplatz ist der jüdisch-sozialdemokratische Klub. Während der ganzen Festwoche taten die Sozialisten ihr Möglichstes, um die orthodoxen Juden zu verhöhucu und ihre Religion lächerlich zu machen, und null setzten sie allem die Krone auf, indeni sie einen mit Früchten, Fleisch und anderen Nahrungsmitteln, deren Genuß den Juden an dttsem Tage bekanntlich verboten ist, beladenen Riesenwagen durch die Straßen führten und dabei rauchten! Die Orthodoxen nahmen das natürlich sehr übel und es kam bald zu Gewalttätigkeiten. Die Sache fing mit Anrempelnngen an, bald kam man zu Faustschlägen und Steiuwülfeu. Die Sozialisten flohen in ihr Versammlungslokal und hatten sich dort stark verschanzt. Die Orthodoxen wollten das Haus im Sturm nehmen und hätten in solchem Falle natürlich übel gehaust, aber die Sozialisten wehrten sich verzweifelt und inzwischen war ein starkes Polizeiaufgebot erswienen. dem es nach und »ach gelang, Ruhe zu stiften oder wenigstens die Kämpfenden für kurze Zeit zn trenne», nachdem mehrere ziemlich schwer Verwundete vom Kampfplatz getragen worden waren. Augenblicklich ist wieder alles ruhig. London. Die Auseinandersetzungen, zu deren Unterdrückung eine Polizeunacht von 200 Mann Aufgebote» werden mußte, hatten auch ein Nachspiel vor dem Polizeirichter Mr. Cluer in Worshipstreet. Vier der Sozialisten waren als Urheber des Krawalls verhaftet worden und behaupteten vor dem Richter schlankweg, daß sie nicht die Angreifer, sondern die Angegriffenen wären. Der Sekretär des israelitischen sozialistischen Klubs in Wilkesstreet, einer der Angeklagten sagte: „Unsere Partei ist die verfolgte. Wir sind Atheisten und Freidenker; wir essen jede Sorte von Fleisch, die uns zusagt. Es fällt uns nicht ein, zu fasieu, weil gerade die othoooxen Juden fasten. Der Wagen mit Lebensmitteln, der jene so in Harnisch brachte, kam am Versöhnungsfeste genau, wie an allen andern Tagen auch, und wir sahen nicht ein, wie ein solcher Umstand als absichtliche Beleidigung angesehen werden kann." Bei Abgabe seines Urteils über die vier der Ruhestörung Angeklagten Mitglieder des Wilkestreet-Klubs erklärte der Richter, daß dies alles, was bei der Verhandlung über die Ursache an den Tag gekommen sei, ihn veranlasse, zu sagen, daß er hoffe, im nächsten Jahre die orthodoxen Juden als Angeklagte vor dem Gerichtshöfe erscheinen zu sehen. Er halte es höchst beklagenswert, daß eine Klasse von Leuten, die selber Jahrhunderte lang Verfolgungen ausgesetzt gewesen, jetzt, da sie in dem einzigen freien (!) Lande der Welt leben, sich gegen diejenigen wendeten die nicht mit ihren religiösen Ueberzeugungen übereinstimmten, und sie verfolgten und steinigten. Es sei klar, daß diejenigen, die den Fasttag nicht beobachtet hatten, die Angegriffenen gewesen seien, und in diesem Laude (England) würde allen ihrer Ueberzeugung wegen Verfolgten der vollste Schutz des Gesetzes zuteil. — Zwei der Angeklagten hatten bloß die geringfügigen Gerichtskosten zu zahlen, während die anderen beiden einfach entlassen wurden.