Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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eite 670 Dr. Llocd's Mocbenscbrtlt. Nr. 35 die Existenz von Symphonien und Sonaten etwas ganz Unbekanntes. Mit einem Wort, sie besaß keine von den affen- und papageiartigen Eigenschaften, deren Mischung man ein „gebildeles", jüdisches Mädchen nennt." „Nun mein lieber", protestierte Dymkin, „das ist schon mit zu dunklen Farben aüfgetragen. Es gibt ganz entzückende Geschöpfe unter ihnen." „Als ob ich das nicht wüßte! Aber diese entzückenden... die sind nicht für unser Einem. Und die jungen Provinzmädchen, die das Gymnasium absolviert haben, enge Mieder, krause Stirnlöckchen, kecke Hüte, lange Handschuhe und Kneifer tragen? .. Brr! Gift, Unglück, Pest!" Du hast, wie es scheint, ein solches Mädchen gründlich kennen gelernt!" bemerkte Dymkin. „Nun fteilich! Sobald ich ein solches Ungeheuer geheiratet habe!" „Wa—aas? Wieso? fragte Dymkin, dem es, bei der Nachricht, daß es auch dem Freunde mißglückt, etwas leichter ums Herz wurde. „Ja! . . ." seufzte Worobiejczyk. „Man entgeht seinem Schicksal nicht. Ich muß Dir sagen", fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, „daß auch in Zagnansk mehrere „ehrenwerte" jüdische Familien ansässig sind. (Fortsetzung folgt.) Tunefische Irnxresfioneu. Von Jakob Nußbaum. T u u i s, Ende Jänner. Weinstöcke, die hunderte von Jahren alt sind, machen aus der Straße einen Laubengang. Hinter den niedrigen weißgestrichenen Mauern der Häuschen und dem schlanken Minaret einer Moschee breitet sich der graue Regenhinimel aus. Den Wipfel einer dunklen Zypresse biegt ein frischer Windstoß. Der Regen fällt. Da ist es gar traulich in den Souks. In einem abgelegenen Winkel dieses gewölbten Labyrinths braut ein alter Araber Kaffee und er reicht ihn mir täglich in seiner schönsten Tasse. In den Gewölben rings herum sitzen fleißige Juden. Ehrwürdige Greise von vielleicht achtzig Jahren sind darunter. Sie spinnen und weben, sie verfertigen Goldstickereien und nähen Burnusse. In den hohen Nischen sitzen sie auf dem Boden, der mit aus Halfagras geflochtenen Matten belegt ist. Eine ernste zuftiedene Ruhe liegt über dieser Stätte der Arbeit ausgebreitet und selten tönt ein Wort in diese Stille hinein. Ganz verändert ist das Aussehen der Louks am Samstag. Tausende Arbeiter feiern heute; die Arbeitsstätten sind verschlossen. In der verlassenen Stadt langweilen sich die Araber und spielen Karte, wobei sie leise miteinander murmeln und ihre Worte mit kurzen, blitzschnellen Handbewegungen begleiten. Auch einen Transport gefangener Araber, die „geschlossen" in das nahe Eingeborenengefängnis gebracht werden, kann man dann wohl sehen. Ein Kronleuchter mit Kerzen hängt von der Decke herab. An den Wänden Handstickereien, Teppiche, Fahnen und grüne Zweige. Hellgekleidete fünf- bis sechsjährige Mädchen sitzen auf amphitheatralisch aufgestellten Bänken. Davor Musiker, Guitarre, Zither uud Tambourin. Frauen und junge Mädchen; viele sind Schönheiten. Weite Beinkleider aus weißer Leinwand oder dunklem goldgesticktem Samt, zartrosa oder gelbe Unterkleider, darüber eine Weste aus Seide, goldgestickt. Ein in matten Farben gestreiftes seidenes Kopftuch oder die „Koufia", der hohe spitze Kopfaufsatz, lassen nur wenig von dem schwarzen glänzenden Haar erkennen. Schwere goldene Ketten stimmen wunderbar zu der Pracht der dunklen Augen. Die Damen bieten Blumen und Süßigkeiten an, sie feiern das Fest der Reinigung des Altars des zweiten Tempels zu Jerusalem durch die Makkabäer. Die reizenden kleinen Mädchen singen mit ihren hellen Kinderstimmchen und in diesen alten Festgesängen wiederholt sich immer wieder eine zartklagende Melodie, die so traurig is!, -wie die langen Jahrhunderte des Exils des jüdischen Volkes. Ein großes Zimmer. Weißbärtige Juden in der alten blauen oder braunen Tracht gekleidet, mit Kniehosen, hellen Strümpfen uud schwarzem Turban um den Fez, sitzen auf den breiten Bänken. Jeder Ankommende nimmt von den Myrtenzweigen, die auf dem Tisch liegen. Neben einem Stuhl mit hohem Sitz, auf dessen Lehne Sätze aus der Thora zu lesen sind, leiern alte Juden mit lauter Stimme Psalmen herunter. Im Nebenzimmer eine junge Wöchnerin; sie sitzt aufrecht im Bett und neben ihr im Bett sitzen ihre Freundinnen. Die Hebamme stößt von Zeit zu Zeit laute langgezogene Rufe der Freude aus, und sie bringt das Kind, das heute acht Tage alt wird, heraus. Auf einem kleinen Tisch liegen nach altem Brauch seltsame Blumen. Man gibt jedem Anwesenden Datteln, Rosinen und Nüsse, und Gott wohlgefälliger als Gebet ist es, von d.'esen Früchten zu essen. — — Rechts und links vom Schienenstrang sind schattenspendende Bäume angepflanzt. Dann fährt der Zug durch Olivenhaine nach La Marsa. Ich steige aus, die Straße führt durch den Hof eines Palastes des Bey und durch das freundliche Araberdorf. Da weitet sich das Mittelmeer. Die Straße hört auf, aber dieser Strand muß dahin führen, wo einst Karthago war. Ein prachtvoller Strand, aber ich versinke bei jedem Schritt bis an die Knöchel im weichen Sande. Kühe trotten hart am Meeressaum, wo die vergehenden Wellen über hellen Sand rinnen. Also muß man dort besser gehen können. Und wirklich trägt der feuchte Sand besser, als der trockene, und ich freue mich königlich, von einem Rindvieh etwas gelernt zu haben. Das Meer, das große, gute, plumpe Ungeheuer! Will ich ihm in die tiefen grünen Augen sehen, so läßt es einen weißen Schaumschleier herniedergleiten. Kleine Muscheln in den Farben des Himmels und des Wassers liegen von den Wellen angeschwemmt umher, plötzlich erheben sich Felsen und der Strand ist auf weite Strecken mit Steinen, die vom Wasser geglättet sind, bedeckt. Die Brandung tost gegen die Felsen, und Tonberge schieben sich bis aus Meer vor, wo sie senkrecht abfallen. Ueber die Felsen. Es ist gar lustig, jeden Tritt und jeden Sprung vorher genau abzuwägen. Der Berg öffnet sich und ich komme auf einen Fußpfad. Noch eine Biegung, und ich bin inmitten fruchtbarer Gärten; Obstbäume blühen und Schwalben zwitschern. Das Geräusch der Brandung dringt nicht heraus. Und über mir liegt im Glanz der hellen Sonne das Araberstädtchen Sidi bou Said. Von hier aus erstreckte sich das Häusermeer von Karthago bis nach Goletta am Eingang der Bai von Tunis und bis an die fernen Berge. Langsam wandere ich weiter über sanft ansteigende Felder und Hügel. Auf fruchtbarem Sandboden sproßt Weizen und Gerste empor und zwischen den grünen Halmen liegen überall kleine Marmorsteine und Mosaikstücke. Ich gehe über tiefe, hunderte Meter lange Gewölbe — das sind Zisternen, die eine Stadt von mehr als anderthalb Millionen Einwohner mit Wasser versorgten. Beduinenkinder kommen aus den Hütten und bieten Kupfermünzen, Steine und Relief-Fragmente an, die sie gefunden haben. Ueber freigelegte Mosaikböden und an ausgeraubten Gräbern vorbei wieder ans Meer. Weithin dehnt der Strand seine gewaltigen Arme. Welle auf Welle. Hier landete einst Dido. . . Ueber die junge sprossende Saat aufwärts. Droben Hotels, Kloster, Kathedrale und Museum. Diese geheiligte Höhe! der natürlichste Herrschersitz über Mittelmeer und dessen Länder. Die Burg der Suffeten. Sechs breite gepflasterte Straßen führen hinunter in die volkreiche Stadt, und so weit der Blick reicht, ist das Meer mit einer laugen Kaimauer eingefaßt. Breite Treppen führen ans Meer. Schiffe; die ganze Welt sendet ihre Güter. In dem großen runden Hafen liegen die Kriegsschiffe, die Boten der Weltherrschaft. Weißgekleidete Mönche kommen den Hügel herauf, den Kopf mit dem Fez bekleidet. Die Sonne ist hinter Tunis verschwunden und schleudert noch die stärksten Strahlenbündel empor, die das spanische Kastell Karls V., das mitten in der Bai von Tunis steht, und die ganze Wasserfläche in Flammen auflodern lassen. Auf der anderen Seite liegt das stille Mittelmeer und