Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 566 Dr. Dlocb's Mocbenscvrlrr. Nr. 35 zu gründen. Die auf dieser Versammlung zur Sprache gebrachten Angaben über die Auswanderung der Juden lassen sich etwa in folgendem zusammenfassen. Alljährlich wandern 50.000 Juden aus Rußland aus, von denen 40.000 nach Nordamerika gehen. Unter den Auswanderern sind gegen 33 Perzent Handwerker, welche ihren zukünftigen Aufenthaltsort ganz ohne jedes System wählen. So läßt sich die größte Anzahl der emigrierten Juden in New-Iork nieder, wodurch die Konkurrenz stark gesteigert und die Löhne herabgedrückt werden. Das Erkundigungs- oder Auskunstsbureau soll daher in der Lage sein, jedem Auswanderer genaue Auskunft über das Ziel seiner Auswanderung zu geben, soll ihn mit den Gesetzen des Landes vertraut machen können, soweit sich diese auf die Auswanderung beziehen, und den Emigranten in der Ordnung der Paßftage behilflich sein. Derartige Erkundigungsbureaus sind schon in den einzelnen Städten Rußlands gegründet worden, und die Grodnoer Gesellschaft wünscht die Erlaubnis der Regierung zu erwirken, alle diese Abteilungen in ihrer Tätigkeit zu vereinigen, so daß dadurch auch die Möglichkeit geboten ist, mit einzelnen Dampfergesellschaften Verträge abzuschließen, welche die Kosten für die Ueberfahrt etwas verbilligen. Wie man hört, ist die Regierung bereit, diesen Wünschen nachzukommen. Russische Regierungsweisheit. Berlin. Struwe's Zeitschrift in Stuttgart veröffentlicht einen russischen Geheimerlaß, betreffend die Beauffichtigung der Mannschaften. Es heißt darin unter anderem: Um der Ausbreitung der politischen Seuche bei den Truppen vorHubeugen, müssen alle den Mannschaften, besonders Juden, zugehenden Briefe unausgesetzt kontrolliert werden Briefe in jüdischer Sprache dürfen nicht zugestellt, sondern müssen sofort an den Divisionsstab geschickt werden. Die in polnischer Sprache geschriebenen Briefe müssen von besonders ernannten Offizieren, die der polnischen Sprache mächtig sind, durchgesehen werden. Die Mannschaften, bei denen Briefe in jüdischer Sprache aufgefunden werden, müssen streng bestraft werden. In ähnlicher Weise must auch mit anderen, in einer fremden Sprache geschriebenen Briefen verfahren werden. Wenn in den von den Mannschaften erhaltenen Briefen etwas Strafbares gefunden wird, so müssen solche Briefe an die Gendarmerieve Wallung übergeben werden. Damit solche Briefe den jüdischen Soldaten nicht doch etwa durch Vermittlung von Bekannten und Verwandten zugehen, müssen oft, jedoch nicht in regelmäßigen Zwischenräumen, die Koffer der Mannschaften durchsucht werden; dann müssen, etwa unter dem Vorwände der Kontrolle der Reinlichkeit, die Stiefel, sowie Wäsche und Taschen besichtigt werden. Auch die Winkel in der Kaserne, Dachkammern, Kisten mit schmutziger Wäsche 2c. müssen durchsucht werden. Ohne die Kompagnie-, Schwadron- und Sotnienchefs. sowie ältere Offiziere in den Batterien von der Verpflichtung zu befreien, solche Durchsuchungen vorzunehmen, erachte ich es für notwendig, auch die Bataillons- und Batteriechefs damit zu beauftragen und ihnen die Verantwortung für die Folgen aufzuerlegen. Den Truppenchefs liegt es ob, sich von der Duräiführung dieser Instruktion durch persönliche Inspizierungen und Revisionen zu überzeugen. Es must besonders auf die strenge Durchführung der Regeln des inneren Dienstes Acht gegeben werden, damit in die Kasernenhöfe und Kasernen keine aufrührerischen Schnften eindringen können. Ueber die im politischen Verdacht stehenden Soldaten, besonders über die Einjährig-Freiwilligen und ihre Briefschaften muß eine spezielle Aufsicht organisiert werden. Strenge Maßnahmen müssen gegen eigenmächtiges Verlassen der Kasernen getroffen werden. Eine wirksame Gegenmaßnahme bilden die nächtlichen Besuche der Kompagnie-, Schwadron-, Sotnien-, Batterie- und Batallionschefs sowie der Chefs der selbständigen Truppenteile in der Kaserne. Dabei ist es nicht nötig, die Mannschaften zu Wecken. Man braucht sich nur zn überzeugen, daß alle auf ihren Plätzen schlafen. Solche Besuche sind zu verschiedenen Nachtzeiten zu machen. Urlaub muß überhaupt eingeschränkt werden, denn die Mannschaften treiben sich nur, wenn sie Urlaub haben, auf Plätzen und in der Stadt herum. Besonders streng muß man dabei mit den Juden verfahren. Wenn die Juden zum Gottesdienst in die Synagoge kommandiert werden, so muß der Aelreste von ihnen das Kommando führen, der die Mannschaften dann nach der Kaserne zurückbringen muß. Einzelnen Juden darf nur mit besonderer Vorsicht Urlaub gewährt werden und zwar mit Erlaubnis des Chefs. Sollten trotzdem auch nach Durchführung aller dieser Maßnahmen verbotene Schriften in den Kasernen gefunden werden und sich Herausstellen, daß die Mannschaften ohne Urlaub die Kaserne verlassen, so müssen die Unteroffiziere degradiert, die Kompagnie-, Schwadron- und Sotnienchefs des Kommandos enthoben werden." Jedermann, der diese Verordnung durchgelesen hat, muß es klar sein, daß die zu Spitzeln degradierten Truppenchefs in der russischen Arme so sehr mit ihren polizeilichen Aufgaben überhäuft sind, daß sie nicht mehr Zeit haben, für die militärische Ausbildung der ihnen unterstellten Truppen zu sorgen. Und noch ein Punkt muß hervorgehoben werden: das ist die wahrhaft entsetzliche Lage des jüdischen Soldaten in der russischen Armee, die so ungeschminkt und grell in der angeführten Verordnung, wenn auch ohne Willen des Verfassers, zutage tritt. Wenn man bedenkt, daß solche Verordnungen, offenbar auf Veranlassung des Kriegsministeriums, gerade zu der Zeit erlassen werden, wo ein schwerer blutiger Krieg wütet, der die Kraft der Armee ganz und voll in Anspruch nehmen soll, so kann man nicht umhin, das alte römische Wort zu wiederholen: „Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit." Vermischtes. Wien, nnts n:wb (Enthebung von Neujahrsiv ü n s ch e n.) Aus Anlaß der religiösen Jahreswende findet auch in diesem Jahre eine Ablösung der Neujahrswünsche zum Besten der C h e w r a-K a d i s ch a durch uns statt. Die Namen der Spender werden in der „Oesterreichischen Wochenschrift" publiziert. Wien. Sonntag den 28. d. M., 2 Uhr nachmittags, findet im Stadttempel die Trauung des Fräulein Gisela Frater, Tochter des Herrn Karl Frater, mit Herrn Wilhelm Weiß, k. k. Rechnungsassistent im Finanzministerium, Sohn des Kommunal- und Religionslehrers Herrn Simon Weiß, statt. Wien. (Traun na.) Am 21. fand im Tempel des IX. Bezirkes die Trauung des Fräulein Julie Beck, Tochter des Herrn M. Beck. Inhaber der Maison Beck, mit Herrn Theodor Gelbhaus. Fabrikant in Taßhof, stati. Herr Ober'rabbiner Dr. Beck aus Bukarest, ein Onkel der Braut, nahm die Zeremonie des „Bedeckens" vor; Herr Rabbiner Dr. Gelb haus, ein Onkel des Bräutigams, vollzog den Tranungsakt. Theresienstadt. (Berichtigung.) In Bezug auf die uns zugekommene Meldung aus Theresienstadt, Nummer 32 der „Oesterreichischen Wochenschrift", ersucht uns der Herr Stabsarzt Dr. Ignaz Danneberg, mit einem Schreiben aus Oberhollabrunnn vom 23. August, dahin zu berichtigen, daß das Gerücht von seiner Taufe völlig unwahr ist. Derselbe gehört nach wie vor der jüdischen Gemeinschaft an. Wien. Die Beerdigungsfeier der am 19. August d. I. vormittags 11 Uhr zu Grabe getragenen, im kräftigsten Menschenalter Heimgegangenen Frau Laura von Rapoport Edle von Porada gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung all der überaus herzlichen Sympathien, deren sich die edle Heimgegangene im Leben zu erfreuen hatte. Lange vor Beginn der Feierlichkeit hatten sich im Trauerhause, I V., Plößlgasse 8, die Elite aller Wiener Gesellschaftskreise, sowie Vertreter der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine, denen die edle Verblichene im Leben angehörte, eingefunden. Nachdem Oberkantor Singer unter Assistenz der beiden Kantoren Peterselka und Smotritzky und dem vom Professor Joseph S u l z e r geleiteten, verstärkten Chorpersonale das Joschew beseser wehmütig angestimmt, wurde der Metallsarg gehoben und unter den ergreifenden Klängen obigen Gesanges über die Treppe getragen und auf den sechsspännigen Galawagen gestellt; an denselben schloß sich eine schier unabsehbare Menge von Equipagen, welche den Trauerzug zum Zentralfriedhof begleiteten. — In der Halle des Zentralfriedhofes hielt nach Rezitation der Trauergesänge durch Oberkantor Singer Herr Oberrabbiner D. G ü d e m a n n die Trauerrede, in welcher er Gelegenheit fand, all die edlen Eigenschaften der teuren Verblichenen in einen Kranz von empfindungsreichen Worten hineinzuflechten und deren herrliche Lebensbetätigung