Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 654 Dr. Mocb's Mocbenscbrttr. Nr. 34 Der Champagner wurde aufgetragen. Der Hausherr klopfte mit dem Messer an sein Glas und erhob sich. „Diese Zusammenkunft", begann er feierlichen Tones, die linke Hand zu dem riesengroßen Buffet ausstreckend, „dieser um das Andenken des genialen Meisters zu ehren, unter seiner Aegide zusammenberufene Kongreß ist von großer Bedeutung. Es ist nicht hier der Ort, um die wissenschaftlichen Arbeiten des Kongreffes, die den Sitzungen so außerordentlichen Glanz verliehen haben, des Breiteren zu erörtern; aber meine Herrschaften", (der Redner blickte sinnend zur Zimmerdecke empor), „es existiert noch eine zweite Seite der Frage, die, obgleich intim, nicht minder wichtig ist. Freunde, welche die unerbittliche Notwendigkeit auf dem dornigen Lebenswege verschiedene Richtungen einzuschlagen zwang, Freunde, die Jahrzehnte einander nicht gesehen, sind hier zusammengetroffen und haben die Erinnerung an chre gemeinsame alma mater aufgefrischt." Dymkin hielt inne. Man sah, daß er noch etwas sagen wollte, durch ein Uebermaß der Rührung jedoch daran verhindert wurde. Tief auffeuszend, stieß er mit seinem Glase an dasjenige des Freundes, verneigte sich freundlich vor seiner Frau und leerte den Becher mit Würde bis auf die Neige. Worobiejczyk erhob sich ebenfalls. „Ich, Bruderherz", sagte er mit trockener Stimme, „bin kein Redner. So gestatte mir denn einfach, dieses Glas auf die Gesundheit Deiner Gattin und die Deinige zu leeren. Besten Dank für die Gastfreundschaft." Nach dem Mittagessen begaben sich die Männer zum Kaffee ins Kabinet; Dymkin führte seinen Freund absichtlich durch den Salon, welchen Letzterer noch nicht gesehen hatte. Was war aber dort nicht auch alles! Fächer, Bilder, Majolikas, Lampen unter Schirmen, Statuetten, chinesische Basen, japanische Wandschirme, allerlei Sopha- und Fußkissen, niedrige Fauteuils, Bärenfelle, Tischchen, Etageren, Albums . . alles in einem modernen Durcheinander, d. h. so auseinandergestellt, daß es eine Unmöglichkeit war, sich zu. bewegen, ohne an irgend etwas zu stoßen. „Das ist der Bazar meiner Frau", sagte Dymkin nachlässigen Tones. Er war sehr zufrieden mit dem Eindruck, den sein Reichtum auf Worobiejczyk machte. „Komm' zu mir, dort werden wir uns behaglicher fühlen." Mit diesen Worten geleitete er den Gast in ein großes Zimmer, das mit Bücherschränken, schweren dunklen Saffianmöbeln, Elektrisiermaschinen und Reflektoren vollgestellt war. In der Mitte des Raumes stand ein großer Schreibtisch mit einem imponierenden Tintenfaß, einem Mikroskop und einem ganzen Stoß verschiedener Papiere. Bon den Wänden blickten die Porträts europäischer Berühmtheiten mit mehr oder minder authentischen Autographen nieder. Auf dem Schrank stand Pirogow's Gipsbüste und in der einen Ecke, auf einer Staffelei, dem Fauteuil, auf welchem der Arzt den Klagen seiner Patientinnen (er war Gynäkolog) teilnahmsvoll zuhörte, gerade gegenüber das Bild Scanzoni's. Der berühmte Gelehrte streckte beide Hände vor sich aus, als wollte er Doktor Dymkin, weil derselbe der leidenden Menschheit diene, seinen Segen erteilen. Worobiejczyk fühlte sich durch diesen Luxus sehr gedrückt. Er hüstelte, blinzelte mit den Augen, sein Herz war von einer Last beschwert; es war kein Neid, aber doch hatte sich ein unerklärliches Gefühl der Traurigkeit seiner bemächtigt. „Ja", sagte er, „das ist schon stilvoll..." und, nachdem er ein wenig zu sich gekommen, fügte er hinzu: „Nun, und wo ist die Inquisition? Wir auf der Provinz müssen uns mit einfachen Seffeln behelfen, aber ihr habt doch sicherlich alles dazu Erforderliche." „Nun fteilich", erwiderte Dymkin lächelnd". „Die letzte patentierte Neuheit habe ich aus London mitgebracht", und die Samtportiöre zur Seite schiebend, zeigte er mit der Hand auf ein schmales, langes Zimmer, in welchem ein Lehnstuhl auf Sprungfedern mit allerhand Kissen, ein Trumeauspiegel und ein schneeweißer Marmorwaschkasten stand. „Das ist bequem!", lobte Worobiejczyk. „Sagte ich doch immer, daß Du ein kluger Kerl bist. Diese Teppiche, Portiören, Bronzen, die Zeitungen in verschiedenen Sprachen... ach, wie das auf die Patientinnen wirkt! Nun und wie hältst Du's mit der Taxe?; in seiner Stimme klang kaum merkliche Ironie, jene Ironie, mit der Menschen, die keinen Erfolg haben, ihr Herzeleid zu beschwichtigen suchen und in der die Ueberzeugung ihres höheren Wertes und gleichzeitig eine gewisse Geringschätzung des Lieblings der „blinden Fortuna" deutlich hörbar. Dymkin fühlte sich verletzt. „Wie konntest Du nur derartiges von mir vernmten", erwiderte er. „Und übrigens mein Lieber, ist dies ein zweischneidiges Schwert. Es fand sich bei uns ein solcher Herr, der in seinem Wartesaal eine Karte aufhing, auf der es stand: „Die Konsultation 10—15 Rubel". Eine Patientin, der es augenscheinlich an Witz nicht mangelte, schrieb mit Bleistift darunter: „Ist das prix fixe, oder kann man etwas abhandeln?" Nun, und dieser eine Satz machte so viel Lärm, als sei es ein Ausspruch Bismarck's, nicht aber derjenige irgend eines verrückten Weibes. Man hat den Mann förmlich zu Tode gequält. Ein anderer wiederum verlangt nicht 10—15, sondern ganz einfach hundert Rubel per „Konferenz" ..., zu allem muß man eben Glück haben. Was mich anbetrifft, so blicke ich nicht mal hin, ob die Kranke etwas hingelegt hat oder nicht." „Mit einem Wort, Du hast das Gelöbnis der Armut abgelegt", lachte Worobiejczyk, den Freund auf die Schulter klopfend, „und zum Lohne dafür sendet Dir Gott die Fülle des Guten." „Immer derselbe", bemerkte Dymkin gutmütig. „Ewig lacht er und spottet, als ob ihm jeder Unrecht tun würde. Auch Dein Aeußeres ist wenig verändert", fuhr er fort, die nicht große Gestalt des Freundes, sein struppiges Haar, das hübsche, dunkle Gesicht mit den durchdringenden, hellbraunen Augen und die scharfe Zeichnung des Mundes prüfend betrachtend. „Nur den Bart hast Du Dir unnützer Weise wachsen lassen." „Er gefällt den Patientinnen", sagte Worobiejczyk, sein dünnes, rotes Bärtchen streichend, „und in Ermangelung anderer Vorrechte. . ." „Hör' doch auf mit diesen Witzen", unterbrach Dymkin. Erzähle lieber etwas von Dir selber. Du warst doch wie ins Wasser gefallen. Zwölf Jahre lang hat man nichts von Dir gesehen noch gehört. Setz' Dich her, nimm' Deinen Kaffee und fange an. Was willst Du? Zigarette oder Zigarre?" „Gib mir eine Zigarette. Ich danke. Aber", Worobiejczyk trank einige Schluck Kaffee aus der Taffe, „Du mußt schon entschuldigen, daß ich nichts zu erzählen habe. Weder fördere ich die Wissenschaft, noch mache ich Vermögen, noch weine ich vor Hunger. Mit Dir steht die Sache anders. Du kannst Dich Deiner Erfolge rühmen. Ergo, schenke ich Dir meine volle Aufmerksamkeit." Es wurde an die Tür geklopft und die Hausfrau trat ins Kabinet. Sie war in Balltoilette; ihr hellseidenes Kleid war mit Spitzen und Brillanten, das rote flache Gesicht dick mit Puder bedeckt. In den krausen, am Hinterkopf hoch aufgesteckten, auf der Stirn sorgfältig in Löckchen geordneten Haaren wiegte sich eine Straußenfeder, die vermittelst goldener Nadeln festgehalten wurde. „John", sagte sie lispelnd, „ich habe angeordnet, daß man Dir und Deinem Gaste ein kaltes Abendbrot reicht. Du hast nur zu läuten. Bitte, lieber Doktor, erinnern Sie ihn daran, er ist so zerstreut! Werden Sie glauben, daß er manchmal vollkommen daran vergißt, daß ein Mensch essen und trinken muß? Ich weiß nicht, was aus ihm werden würde, wenn ich nicht da wäre!" rief sie lächelnd und ihre gelben, großen Zähne zeigend." Aber heute muß ich zu meinen Verwandten fahren, sie geben einen Ball anläßlich der Verlobung ihrer Tochter. Eine glänzende Partie; die Braut ist reich, schön, im Ausland erzogen ... der Bräutigam ist ein Rechtsanwalt; das hat freilich heute keine große Bedeutung, und sie würde ihn auch niemals nehmen, wäre er