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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 538 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 33 diesem für die Bewohner des Schulhofes denkwürdigen Tage ein doppelt gutes Geschäft zu verzeichnen gehabt haben mögen. Wir verteilten all unser kleines Bargeld und waren gezwungen, auch noch größere Münzen wechseln zu lassen, zu welcher Arbeit viele aus der Reihe der Bettler sich frei* willig meldeten, meist in der Hoffnung, daß bei diesem kleinen Geldgeschäft noch ein kleiner Nutzen für sie zu erübrigen sein werde. In der allerehrlichsten Weise lieferten uns die armen Leute bis auf die letzte halbe Kopeke — ein bis anderthalb Pfennige — den ganzen Betrag ab und wurden demgemäß in einer sie zuftiedenstellenden Weise belohnt. Dabei fingen aber schließlich auch die größeren Münzen an, aus die Neige zu gehen, und wir machten uns auf dem Heimweg. Wir waren bereits ein Stück gegangen, als uns durch mehrere Straßen und Gassen ein hinkender, schmutziger, zerlumpter Bettler mit aufgeregtem, aufgedunsenem Gesicht und gläsernen Augen, redend und mit dem ganzen Körper gestikulierend, nacheilte. „Was wollen Sie noch von uns?" fragte mein Freund auf Jargon, in welcher Sprache übrigens die ganze Unterhaltung mit den Lcidensgenossen des Schulhofes vor sich gegangen war. Und von dem schnellen, beschwerlichen Nachlaufen ermüdet, erwiderte der Augefragte stotternd: „Ich habe noch nichts bekommen." Wenn wir auch ob der schon unverschämt erscheinenden Aufdringlichkeit kein gerade freundliches Gesicht machten, mußren wir uns doch sagen, daß, wenn die Angabe dieses in Lumpen gehüllten Bettlers auf Wahrheit beruhte, wir ihm nach Lage der Dinge wegen seiner Dreistigkeit nicht gerade Unrecht geben konnten. Im Augenblick war aber Geld für uns sehr rar und wir mußten lange suchen, bis mein Freund glücklicher Weise in der tiefften Falte einer seiner Taschen eine silberne Münze im Werte von 10 Kopeken fand. „Geben Sie mir 5 Kopeken zurück", sagte mein Begleiter in etwas ernstem Tone. Unser Freund holte nach langem Ueberlegen aus seinen Lumpen ein Portemonnaie hervor, und nachdem er es von den vielen Bändern und Bindfäden, die es umwickelten, befreit hatte, bestand seine ganze Barschaft im ganzen nur aus 3 Kopeken. Es fehlten ihm zur Herausgabe 2 ganze Kopeken. In der Nähe wechselte mein Freund die Silbermünze und gab dem Mann hiervon in aller Eile ein Dreikopekenstück. Damit glaubten wir uns von der Zudringlichkeit des Bettlers befreit zu haben. — Wir täuschten uns aber. Mit derselben Ausdauer wie vorher rannte uns der hinkende Mann trotz der unerträglichen Hitze weiter nach. „Was wollen Sie noch", schrie mein Freund. „Sie wollten mir doch ein Fünfkopekenstück geben und haben mir nur ein Dreikopekenstück gegeben." Es war eigentlich selbstverständlich, daß wir diesen um einzelne Kopeken kämpfenden Bettler im gewissen Sinne Unrecht getan hatten. — Hätte er sich, als er uns traf, des Besitzes von 5 Kopeken erfteut, so hätte er ja statt 3 Kopeken ein Fünfiopekenstück erhalten. Frohen Mutes und mit innigem Behagen zog der von allen Genüssen des kapitalistischen Zeitalters Ausgeschlossene seiner Zufluchtsstätte, dem Schulhof, zu, um sich dort seines Reichtums zu erfteuen. „Wie genügsam hat doch die göttliche Weltordnung die Menschen gemacht", sagte ich zu meinem Freund, und erschüttert von dem Eindruck, den der Vorfall auf ihn gemacht, erwiderte er: „Diese zwei Kopeken bilden das Tagesbudget eines jüdischen Bettlers in Wilna." Literat«,!. Kuriose Uebersetzungen. Herr Dr. S. Freund in Ostrowo gibt in der „A. Ztg. des Judentums" einige interessante Beispiele, wie oft christliche Gelehrte bei Uebersetzungen aus dem Hebräischen kuriose Schnitzer machen. So gibt der hochbedeutende Orientalist, Professor Merx in Heidelberg mittelalterliche Texte heraus und stolpert dabei über mnbf/ das wohl mancher auch ungelehrte Jude als ^ina- K37! nb'.jrn "nb hätte entziffern können. Der Lehrer der semitischen Sprachen am orientalischen Seminar zu Berlin, Professor M. Hartmann, liest am Schluffe eines Werkes : TKi “bin nbtwi an, und deutet die Abkürzung künstlich auf eine Jahreszahl, um weitere Folgerungen daran zu knüpfen, während sie die so gewöhnliche aus Jesa. 40, 29 stammende Danksagung enthält: na*v naarp b'3ik na ep'b jn: (Beendet mit Hilfe dessen, der dem Müden Stärke verleiht und der Schwachen Kraft vermehrt.) Professor Smend (Altt. Religion, S. 324, Anm. 2) doziert, daß Purim in späterer Zeit zu einem der höchsten Feste der Juden geworden sei; der hochangesehene Forscher, Professor Schürer, zählt Purim zu den fünf Festen des Jahres, und Bousset (die Religion des Judentums im neutestam. Zeitalter 1903. cf. die treffliche Gegenschrift von Perles) druckt das neuerdings nach, ja spricht sogar von „Hauptfesten" — und nun ist die Sache wissenschaftlich erledigt: jeder Gelehrte, der von neuem darüber schreibt, kann sich auf seine Vorgänger berufen; ein Jude, der für solche Phantasien ein Lächeln hat, ist eben voreingenommen, unwissenschaftlich und darum ohne Recht auf eine Meinung. Als ganz charakteristisch erscheint mir ein Beispiel, das aus der eben zitierten Schrift von Perles entnommen ist. Bousset (1903) behauptet, daß man in der talmudischen Zeit am Sabbath Geldsammlungen für die Armen veranstaltet habe. Diese Wissenschaft hat er aus Winer's biblischen Realwörterbuch. Winer seinerseits entnimmt sie der 1694 erschienenen Synagoge vetus der gefeierten Canpegius Vitringa, der die talmudische Quelle bietet: n-w anyb na» anpa naip. Wenn nun ein jüdischer Theologe sagen würde: Was ihr da berichtet, das ist ja unmöglich. Am Sabbath haben die Juden des Talmud ganz sicher keine Geldsammlung vorgenommen, und unter na» any ist nicht „der Abend des Sabbath" auch nicht der „Vorabend", sondern einfach der Freitag zu verstehen — dann wird ihn jener vergleichende Religionshistoriker einfach ob seiner Befangenheit und Unwissenschaftlichkeit verdonnern: Ereb Sabbath heißt eben der „Abend des Sabbath" und aus der Vergleichung mit den Gebräuchen der christlichen Kirche ist zu entnehmen, daß man bei den Gottesdiensten Sammlungen für die Armen vornahm. Also abgemacht! — Und so erhält sich ein derartiger Fehler schon über 200 Jahre. (Erev Schabbos Abend des Sabbath heißt genau ebenso Freitag wie Abend des Sonntag Sonn abend Samstag heißt.) Der „Unionkalender". Der neue Jahrgang 5665 (1904/5) des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebenen „Kalenders für Israeliten" ist soeben erschienen. Die Vorzüge dieses bewährten Hilfs- und Hausbuches sind längst bekannt. Auch der neue Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Teile wurde die größte Sorgfalt gewidmet und im schematischen Teile war die Redaktion bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichischungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstehungen, Funktionäre, und rituellen Institutionen, zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen Vereinswesen die größte Aufmerksamkeit zugewendet. Neu ausgenommen wurde ein Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen. Der literarische Teil bringt eine fein empfundene Würdigung der dichterischen Persönlichkeit des im Vorjahre verstorbenen Schriftstellers Karl Emil Franzos aus der Feder des Rabbiners Dr. Simon Mandl, dann eine interessante Reminiszenz unter dem Titel „Die Juden und das Jahr 1809" von Dr. Tänzer, ferner eine spannende Erzählung aus dem modernen Wiener Leben von „Nom de guerre“. Die handliche Form und elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß volle Anerkennung finden. Der billige Preis (K 1.60) ermöglicht auch den Minderbemittelten die Anschaffung. Der „U n i o n k a l e n d e r" ist zu beziehen vom Bureau der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Wien, IX., Universitätsstraße 8, sowie in allen jüdischen Buchhandlungen.

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