Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 520 Dr. Dlocb's 'MocbenscbrLtt. >Jtr. 32 Die Juden auf dem Schlachtfeld. Der Kriegsberichterstatter der „Kölnischen Zeitung", welche bekanntlich nichts weniger als judenfreundlich ist, gibt in seinem Berichte über die jüdischen Soldaten im russischen Heere ein höchst günstiges Urteil ab. Der Korrespondent, welcher das japanische Heer begleitet, nahm Gelegenheit, mit russischen Verwundeten zu sprechen, und sagt wörtlich: „Es scheinen zahlreiche polnische Juden in den ostsibirischen Regimentern zu dienen. Wie ich höre, haben manche von ihnen den Japanern gegenüber wegen der üblen Behandlung jüdischer Soldaten seitens der Offiziere und auch darüber geklagt, daß ihnen manche dem Christen gewährte Rechte vorenthalten werden. Wenn man bedenkt, daß diese Söhne eines verfolgten Stammes sehr widerstrebend unter dem russischen Militärsystem nach dem fernen Osten verschickt werden und daß sie keine Anhänglichkeit für eine Herrschaft empfinden können, der sie zu dienen gezwungen sind, scheint es wunderbar, daß sie so wacker gekämpft haben, wie sie es am Mlufluffe getan haben." Patriotifche Rede eines russischen Rabbiners. Pastor H. Meyersohn, Minsk, sandte einem Hamburger Missionsblatt eine aus dem Russischen übersetzte Ansprache eines Rabbiners, damit die Leser des Blattes sehen, daß die dortigen Juden — trotz der so schwierigen Lage, in der sie sich befinden — eine patriotische Gesinnung für das russische Reich bekunden. Die nachstehende Rede hielt kürzlich Rabbiner I. Hurwitz in der Synagoge vor den jüdischen Schülern der Minsker Realschule: „Die Liebe zum Vaterland ist ein Funken Gottes, das höchste moralische Gefühl eines jeden Menschen. Sind denn wirklich nur die Juden unfähig, das zu fühlen, was ein jeder Mensch fühlt, ist denn der Funke Gottes, welcher die Herzen aller Menschen erwärmt, nur dem einen jüdischen Volke fremd? O nein! Die Geschichte der Juden, nachdem sie ihre politische Selbständigkeit verloren haben, zeigt unsviele Beispiele, wie die Juden, wo sie ein ruhiges Obdach fanden, wo sie sich mit anderen Nationen vereinigten, ihre Sprachen, Sitten und Gebräuche annahmen, ihre jetzige zeitweilige Heimat liebten: sie interessierten sich nicht nur für ihr äußeres und inneres Leben, sondern sie zeigten auch ein sehr reges Interesse für die Nation, in deren Mitte sie lebten. Wie eine Pflanze, welche Luft und Licht braucht, so auch das Judentum, wo es Luft und Licht findet, dort ist auch sein Vaterland. Wenn auch die Liebe zum geistigen Vaterlande Palästina in unserem Herzen wohnt . . ., so muß diese unsere Vorliebe für unsere geistige Mutter nicht die Liebe aus unserem Herzen verdrängen zu unserem jetzigen konkreten Vaterlande, unserem großen Rußland, wo wir geboren, erzogen sind, wo wir leben und wirken. Hier haben wir das Licht der Welt erblickt, hier erwachte in uns zuerst das Bewußtsein, -hier gruben wir das Grab für unsere Eltern und stellten die Wiege für unsere Kinder, hier empfanden wir Freud und Leid, hier arbeiten wir, kämpfen, siegen oder werden besiegt. Diese Liebe zu diesem unseren, nun schon seit Jahrhunderten gemeinsamen Vaterlande muß uns mit geistigen unzertrennbaren Ketten verbinden, muß uns bewegen, sein Wohl, seinen Ruhm und seine Ehre höher als unser Wohl, Ruhm und Ehre zu stellen, muß uns zwingen, sein Unglück, seine Unehre und Erniedrigung tiefer als unser eigenes zu fühlen, muß uns zwingen, ihm, unserem Vaterlande, große Opfer zu bringen, ihm unser Vermögen zu geben und unser Blut für dasselbe zu vergießen. Denn das Vaterland ist ein großes Vaterhaus, eine zahlreiche Familie des einen Landesvaters, und die Söhne des Vaterlandes sind unsere Brüder. — Ermutigt durch solche lobenswerte Gefühle, wirken wir im Geiste unserer alten Religionslehrer, welche in der Volksencyklopädie, im Talmud, uns die goldenen Sprüche hinterlasscn haben, wie z. B. folgende: „Der Jude muß dem Lande dankbar sein, wo er seine Existenz gefunden hat." (Bereschit, Raba, Kap. 79.) — „Ich verlange von euch" — sagte Gott den Juden, als sie in die Gefangenschaft gingen, — „ihr sollt euch nicht empören gegen die Regierung, wenn sie euch auch mit schweren Gesetzen belästigt." „Das irdische Reich ist das Abbild des Reiches Gottes." „Die Regierung unternimmt nichts in Bezug auf ihre Untertanen, ohne den Einfluß des Höchsten." (Midrisch Kohelet 10.) Und also, ihr jüdischen Jünglinge und Kinder, die ihr euch vorbereitet, ehrliche russische Bürger zu werden, lasset uns zum König aller Könige beten für die teure Gesundheit unseres Königs und für den vollen und baldigen Sieg des tapferen russischen Kriegs- Heeres, in dessen Mitte, lute bekannt ist, auch nicht wenige von unseren Glaubensbrüdern sind! Der HErr aller Heerscharen wolle aber unsere aufrichtigen Gebete gnädiglich erhören zum Preise Seines Namens und zum Ruhme unseres gemeinsamen Vaterlandes. Amen!" Vermiscbtes. Wien. (H o f r a't P r o f e s s o r D r. G r ü n h u t als Jubilar.) In vollster geistiger und körperlicher Frische beging am 3 d. M. der o. ö. Professor für Handels- und Wechselrecht an der Wiener Universität Hofrat Dr. Karl S. Grünhut seinen 60. Geburtstag und am 1. November d. I. sein 30jähriges Professorenjubiläum. Der Jubilar, welcher zu den glänzendsten Lehrern unserer Universität zählt, wurde am 3. August 1844 zu Bur-St. Georgen in Ungarn geboren. Ein geistvoller, schöpferischer Interpret des österreichischen Handelsrechtes, dem Generationen von Schülern dankbare Verehrung bewahrt haben. In seinem „Wechselrechte" hat er die umfassendste historische und dogmatische Darstellung dieser Disziplin geboten, er hat dadurch nicht bloß bahnbrechend auf diesem Gebiete wissenschaftlicher Erkenntnis gewirkt, sondern sich auch in die erste Reihe der Koryphäen der modernen Juristenwelt überhaupt gestellt. Obwohl es eine überaus nüchterne Materie ist, die Professor Grünhut tradierte, darf er sich einer seltenen Popularität rühmen. Von Grünhut als Lehrer wissen die Besucher seines Seminars zu erzählen, wo er sein starkes persönliches Interesse und sein außerordentliches Wohlwollen aus jeden einzelnen übertrug. In der ersten Kammer unserer Reichshälfte, der der berühmte Handelsrechtslehrer angehört, hat er wiederholt bei aktuellen Fragen das Wort ergriffen, sein seltenes Fachwissen, seine gründliche Beobachtungsgabe und seine glänzende Eloquenz in den Dienst des Herrenhauses gestellt. In lebhafter Erinnerung steht noch seine monumentale Rede in der Terminhandels- Enquete. Die in dieser Frage bestehenden heftigen Gegensätze konnten den Ausführungen des Gelehrten nicht die einmütige Zustimmung sichern, aber darin stimmten alle überein, daß sie, wie keine zweite, das schwierige Problem durchleuchteten. Die Grünhut'schc „Zeitschrift für das Privat- und öffentliche Recht" hat als ernstes wissenschaftliches Organ einen festgefügten Ruf; in diesen Blättern hat bekanntlich auch Dr. Ungcr seinen Reformentwurf zum bürgerlichen Gesetzbuche veröffentlicht, der den Anstoß zur Einsetzung einer Reformkommission gab. Auch über die Grenzen der Monarchie hinaus genießt Hofrat G r^ü n h u t das Ansehen eines der ersten Rechtslehrer unserer Zeit. Wien. Der israelitische Tempelverein „Brigittenau" hat Herrn Josef B a s s e r aus Neusatz, welchen ein ausgezeichneter Ruf vorangeht, als Oberkantor akzeptiert und wird derselbe bereits heute Freitag Abends das erste Mal funktionieren. Die klangvolle, sympathische Tenorstimme des Herrn Josef Bass er hat ungeteilten Beifall gefunden, so daß derselbe bei Aufnahme sämtliche Stimmen des Vorstandes und des verstärkten Vorstandes auf sich vereinigte. Der Tempelverein „Brigittenau" ist zu dieser ausgezeichneten Akquisition zu beglückwünschen. Wien. (Silberne Hochzeit.) Der bekannte Philanthrop und Begründer zahlreicher humanitärer Vereine Herr Michael Back feierte mit seiner Gattin Marianne am 3. d. M. im engsten Familienkreise das Fest der silbernen Hochzeit. Wien. (Stiftungen beiderisraelitischen K u l t u s g e m e i n d e.) Es gelangen zur Verleihung: 1. Die Klara Krasnopolski-Stiftung für Arme, insbesondere Verwandte, zusammen K 100. 2. Die Josef und Cäcilie Adler-Stiftung für Wohnungsmiete-Beiträge in Beträgen von K 40 bis 60. 3. Die Heinrich S. Reitlinger - Stiftung für eine verarmte, würdige, religiöse Familie; Verleihungsbeitrag K 200.