Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 457 jährigen Raten, vom 1. Jänner 1865 angefangen, zu tilgen gestattet. Im Jahre 1866 wäre ich beinahe unter die Soldaten gekommen — als Feldgeistlicher. Wie sich das zugetragen? — Anfangs Juni dieses Kriegsjahres war ich über Samstag in Wien. Ich besuchte Dr. Jellinek nach dem Gottesdienste, wo gewöhnlich ein enger Kreis von Getreuen sich einfand. Der Mittelpunkt, um den sich alle scharten, war natürlich Jellinek, der da sein Kleingeld an geistreichen und wissenschaftlichen Bemerkungen in Umlauf brachte. Da sagte Jellinek: „Es wäre ein dankbares Thema, einen Tag aus dem Leben eines Juden z u r Z e i t d e r P r o p h e t e n zu beschreiben. Was hatte denn damals ein Jude in seinem rituellen Leben zu halten, wo es noch keinen Talmud, keinen S ch u l ch a n A r u ch und keinen I s s e r l s gab?" „So leicht, bemerkte ich, hatte es der Jude damals doch nicht — er hatte nichts weniger als die ganze Thora zu halten" — und ich zitierte eine ganze Menge von biblischen Geboten und Verboten. „Ach was!" rief Simon Szüntö, der geniale Redakteur der „Neuzeit", dem ich durch meine Arbeiten tu seinem Blatte bekannt war, — „zu den Zeiten der Propheten gab es ja noch gar nicht jenen Teil der Thora, den Sie da zitieren". Verblüfft schaute ich ihn an. „Pardon!" sagte er, „ich hatte vorhin ein gescheites Wort von Ihnen gehört, und so habe ich vergessen, daß Sie ein Rabbiner sind." Jellinek lud mich zu einem Spaziergange für Nachmittag ein; auf dem Wege begegnete uns ein Soldat, der in ungarischer Sprache eine Frage an uns richtete. Ich antwortete ihm, so gut ich konnte; denn damals wußte ich noch blutwenig ungarisch, weil bis zur Restitution der konstitutionellen Aera in Ungarn die Kenntnis der ungarischen Sprache kein unumgängliches Erfordernis war. Dem Dr. Jellinek aber imponierte mein Ungarisch gar gewaltig und er sagte mir: „Hören Sie, da kommt mir ein glücklicher Gedanke. Das Kriegsministerium hat dieser Tage an den Vorstand unserer Gemeinde sich gewendet, er möge demselben einen jüdischen Feldpater, vorläufig bloß für die Kriegsdauer, zur sofortigen Ernennung in Vorschlag bringen. Nun, wir werden S i e Vorschlägen; Sie sind jung, gesund, sprechen deutsch und ungarisch: wir finden wirklich keinen geeigneteren. Ihre Gemeinde wird Sie für die Kriegszeit beurlauben. Stellen Sie sich morgen dem Sekretär unserer Gemeinde Dr. Ludwig August Frankl vor und die Sache ist abgemacht". Ob i ch einwillige, darnach fragte er gar nicht. Ich äußerte mich nicht und er erwiderte hierauf nur, daß ich morgen schon nach Hause reise. „Das sollen Sie nicht, widmen Sie mir den morgigen Tag. Um 9 Uhr früh habe ich eine Funktion bei einem Leichenbegängnis; dg begleiten Sie mich auf den alten Währinger Friedhof, den Sie doch gewiß noch nicht gesehen haben; dann gehen Sie zum Dr. Frankl. Mittags habe ich eine Trauung, dann speisen wir gemeinsam." Und dabei blieb es auch. Ich begleitete ihn am nächsten Morgen auf den Friedhof und hatte Gelegenheit, von ihm eine geistreiche Leichenrede zu hören. Ich fragte ihn nachher, ob er nicht zu improvisieren pflege. „Nie!" war seine entschiedene Antwort; „ich schreibe jede Rede ohne Ausnahme nieder und memoriere sie." Ich gebe diese Aeußerung des gefeierten Redners als Mahnung für jüngere Rabbiner wieder, welche eine Bravour darin sehen, improvisirte Reden zu halten und gleichsam im Negligöe vor ihren Zuhörern zu erscheinen. Ich habe mir stets die Worte des Midrasch (Tanchumi zum II. B. M.) vor Augen gehalten, der da erzählt: Einst hatte der Vorbeter den Rabbi Akiba zur Thora gerufen, daß er den betreffenden Abschnitt vorlese. Er aber wollte nicht selbst lesen. Da fragten ihn seine Schüler: „Meister, hast Du uns doch gelehrt: Sie (die Thora) ist Dein Leben und die Dauer Deiner Tage (V. B. M. 30) und warum wolltest Du sie nicht vorlesen?" Und Rabbi Akiba antwortete: Bei Gott, nur deshalb nicht, weil ich nicht vorbereitet war, denn man darf die Worte der Thora nicht vortragen, bis man sie nicht einigemal früher für sich eingeübt hat. Das lernen wir von Gott selber, von dem es heißt: Erst sah er die Thora durch und ordnete sie und setzte sie fest, dann erst übergab er sie Israel. Jjvb Kap. 28, B. 77. In die Stadt zurückgekehrt, stellte ich mich dem Dr. Frankl vor. Wir sprachen über Manches und ich glaube noch heute mich nicht besonders vorteilhaft bei ihm eingesührt zu haben, weil ich ihm meine lebhafteste Verwunderung darüber aussprach, daß er in seinem Reisewerke „Nach Jerusalem" sich darüber freut, daß auf dem Tempelberge, wo das Heiligtum Israels gestanden, jetzt eine Moschee sich erhebt. „Und wäre es Ihnen vielleicht lieber", erwiderte er mit seinen! Lächeln, „wenn das griechische Doppelkreuz dort glänzen tvürde? Es ist denn doch der Eine Gott, dem dort eine Stätte erbaut wurde." Trotz, oder vielleicht wegen dieser meiner freimütigen Bemerkung war er mit der Wahl Jellinek's bezüglich meiner Person zum Feldgeistlichen vollkommen einverstanden. Vierzehn Tage später erhielt ich von Dr. Jellinek einen Brief, worin er inir mitteilt, daß der Wiener Gemeindevorstand nur meine Zustimmung abwartet, um mich der Regierung.vorzuschlagen; ich möge daher um einen Urlaub bei meiner Gemeinde ansuchen. Zugleich schickte er mir eine Abschrift der folgenden Verordnung des k. k. Kriegsministeriums ein, deren Veröffentlichung von allgemeinem Interesse sein dürfte. Dieselbe lautet: „Kopie der Zuschrift der Regierung an den Wiener Vorstand. «Jellinek's Handschrift.) Der israelitische Feldprediger hat in der Charge und Gebührenbehandlung mit den Militärkaplänen 3. Klasse zu äkquiparieren, bei seinen geistlichen Missionen den im 8 20 des G. R. für protestantische Feldprediger bestimmten Diätenbezug anzusprechen und beim Antritt seines Dienstes den für zeitlich angestellte Militär-Seelsorger bemessenen Equipirungsbeitrag votl 125 fl., nach beendigten Feldzug aber bei seiner Enthebung als Abfertigung eine dreifache Monatsgage nebst Vergütung der Reisekosten bis in sein gewöhnliches Domizil zu erhalten, welche letztere Vergütung ihm auch bei seiner Ernennung für die Reise von seinem Aufenthaltsorte in das Armee-Hauptquartier zu erfolgen ist. In Betreff der Bekleidung in und außer Dienst haben auch für die israelitischen Feldprediger, die vom Zeitpunkt ihres Dienstantrittes an den Militürgesetzen und Vorschriften unterstehen, die laut Zirkular-Reskript Abt. 9, Nr. 1243 <ls 1865 (Armee-Verordnungsblatt Stück 5, Nr. 36 <lo 1865) festgesetzten Bestimmungen über die Adjustierung der Feldgeistlichkeit zur Anwendung zu kommen, mit der Ausnahme jedoch, daß sie die als Klerikal-Kleidnng bezeichneten Adjustierungsbestandteile «d. i. der schwarze Talar und das geistliche Collar) nach israelitischem Ritus geformt zu tragen haben. An gottesdienstlichen Requisitionen hat jeder israelitische Feldprediger die Thvrarvlle, drei Gebetmäntel und mehrere kleine Gebetbücher mit sich zu führen. Zur Assistenzleistung bei kirchlichen Funktionen ist jedem israelitischen Feldprediger ein Osfiziersdiener seines Glaubensbekenntnisses beizugeben, auch sind ihm zur Vornahme der israelitischen Zeremonien bei Sterbenden aus sein Ansuchen mehrere Soldaten israelitischer Konfession zur Disposition zu stellen." — Der unmittelbar daraus geschlossene Friede enthob mich aber dessen, den wohlgemeinten Antrag Jellinek's resufieren zu müssen, was ich allenfalls getan hätte. Und es war gut, daß ich zuhause geblieben war, denn es war mir hier Gelegenheit geboten, den R a b b i n a t s v e r - Weser Deutschländer in Puch 6, der wegenHochverrat und Spionage angeklagt war, von den schweren Folgen eines kriegsgerichtlichen Urteils zu retten. Der Festungskominandant FML. Ritter von Lilia kannte mich und ich hatte das Glück, mir sein Vertrauen zu erwerben. Der Auditor aber, der Ankläger, Verteidiger und Richter in einer Person war, der war gewohnt, daß die Urteile des Kriegsgerichtes, eigentlich seine Urteile, ausnahmslos vom