Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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U-. 26 Dr. Bloch’s Jahrgang XXI Centrslorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. -—^ Wir«. 34. Juni 1904. -'?■» 4 <■ - Erscheint jeden Freit ag. ->■« -4- —(■- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Eine Kredit- und Vorschuß-Genossenschaft für den II. und XX. Bezirk. — Die Juden von hervorragenden Nichtjuden beurteilt. — V o m Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesg.sch'chte. — Die Fortschriltsfabigkeit der Menschenrassen. — Jüdischer Frauenbund. — Korrespondenzen: Wien Jüdische Slislungen in antisemitischer Verwaltung. Berlin, Bremen. Die Konitzer Affaire. London. Ein Schreiben des früheren Kultusministers Saenger. Odessa. Moskau ttiegeuwehr. New- Aork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien. Floridsdorf, Prerau, Budapest, Ledeö, Ingolstadt. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. ] Srpigsprrt» fltr Sesterrrtch: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 . Aazeig en; Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. 3- ■— =* #= A. ft. Pofispsrr»ssrn-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdartton und Adminipratto«: wir« IX/1, Vrrggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. #= Girre Kredit- und Vorschuß-Genossenschaft für den II. und XX. Kezirk. Wie wir erfahren, wurde von sehr achtbarer Seite dem Wiener israelitischen Kultusvorstand folgendes Memorandum überreicht: Zu den bedenklichen Mitteln, deren sich der Antisemitismus bedient, um die Erwerbssähigkeit unserer Glaubensgenossen zu untergraben, gehört der gegen sie gerichtete Boykott seitens der Kredit- und Vorschuß-Genossenschaften. Der jüdische Kreditwerber erhält entweder überhaupt kein Darlehen oder nur zu unerschwinglichen Bedingungen. Zuerst hat man ihm die Kundschaft abwendig gemacht und nun benimmt man ihm die Möglichkeit, durch Bareinkauf und Krediterteilung an die Abnehmer neue Kunden zu gewinnen. Wie die Dinge liegen, kann aber der jüdische Handwerker oder Kleinhändler ohne genossenschaftlichen Kredit nicht existieren. Bisher haben die jüdischen Finanzkreise von dem Genossenschaftswesen wenig Notiz genommen, daher sich dasselbe fast ausnahmslos in arischen Händen befindet. Darum könnte eine Remedur nur durch Errichtung jüdischer Genossenschaften geschaffen werden. Dieselben brauchten die konfessionelle Einschränkung nicht in ihre Statuten auszunehmen, müßten aber dem jüdischen kleinen Manne auf den Leib geschnitten sein. Nur durch zureichende und zweckdienliche Krediterteilung kann derselbe vor Proletarisierung bewahrt werden. Daß die genossenschaftliche Krediterteilung der richtige Weg sei, wird durch die gewaltige Entwicklung des Genossenschaftswesens in Deutschland erwiesen. Seit Schulze-Delitzsch 1850 die erste auf gegenseitige Haftung beruhende Kasse begründet hat, sind Tausende von Kassen entstanden, welche alljährlich Milliarden umsetzen. In Oesterreich hat man später Aehnliches versucht und sind größere Erfolge erst dann eingetreten, als man die beschränkte Haftung einführte. Die Entwicklung der Genossenschaften in Oesterreich zeigt sich in folgenden Ziffern: 1880 1900 Zahl der Genossenschaften . 462 1.586 „ „ Mitglieder . . . 153.000 721.000 Eingezahlte Anteile... 23,000.000 77,000.000 'Spareinlagen. 120,000.000 605,000.000 Reserven. 4,000.000 39,000.000 Anleiher. 6,000.000 67,000.000 Darleiher. 134,000.000 650.000.000 In Würdigung dieser Verhältnisse wurden auch von jüdischer Seite ähnliche Kassen begründet. Die Jca (Jewish Colonisation Association) errichtete seit 4 Jahren in Galizien 9 Kreditgenossenschaften, welche Vortreffliches leisten; die „Volksvorschußkasse" in Prag nimmt einen befriedigenden Fortgang und die sogenannten „Kronenbanken" in Ungarn sind sehr nützlich, obschon an denselben Mancherlei auszusetzen ist. Alle diese Kassen erteilen Darlehen bis herab zu 100 Kronen, gestatten Rückzahlungen in Wochenraten, trachten aber auch die Verwendung der Darlehen tunlichst zu kontrollieren. Daß fie rationell verwaltet werden, erhellt aus dem Umstande, daß fast niemals eine Wochenrückzahlungsrate gestundet werden mußte und daß sich bei strengster Bilanzierung stets ein Gewinn ergibt. Es find das Ziffern, die in der Finanzwirtschaft immerhin eine Rolle spielen. Dabei ist es nicht zu übersehen, daß dieser Kreditverkehr nicht nach bankmäßiger Schablone beurteilt werden darf; diese Millionen stückeln sich in kleinste Bruchteile, welche den Kleinverkehr weit intensiver befruchten, als dies bei den regulären Krediten der höheren Schichten erzielt werden kann. Auch bietet die Solidarhaftung und die Gliederung der Genossenschaften sehr weittragende erziehliche Momente. Diesen ist es zuzuschreiben, daß rationell geleitete Genossenschaften keine Verluste aufzuweisen haben. Zum Gedeihen der Genossenschaft find zwei Vorbedingungen unerläßlich: Hinreichender Anfangsfond und fachtüchtige Leitung. Eine neue Genossenschaft muß die Mittel besitzen, um das erste Geschäftsjahr ohne wesentliche Beihilfe zu überstehen; die Fachtüchtigkeit der Leitung muß die Verwendung der Kredite zu beurteilen und zu überwachen verstehen. Der Kredit muß im richtigen Augenblicke erteilt, ausgedehnt oder eingeschränkt werden, die Rückzahlungsraten find angemessen zu bestimmen, die Garantiesorderung auf das Minimum zu reduzieren. Die Prager Anstalt weist in den drei Jahren ihres Bestandes folgende Ziffern aus: 1900 1903 Anteile der Mitglieder.... 28.300 75.560 Mitgliederzahl. 379 700 Darlehen.K 123.454 357.541 Reserve. — 10.956 Umsätze. 744.000 5,982.996 Gewinn. 1.160 4.693