Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021573--13669-3038334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jahrgang XXI Nr. 25 1 Bloch’s Centrslorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. A. k. Pofilpsrcsffen-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Lrd.irUon und Ndminiyrstton wir« IX/1, Bersgaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. )i- ■ ~ -——^- Wien^ 11* Jrrm 1904. --’V« 'h 4> «■<’'— — Erscheint jeden Freit ag. -■»— -H-H»- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m ■ ■■ I Srrugsprri» für Srsterrrtch:! I Halbjährig 8 äkronen. Einzelexemplare SO Heller. Dir'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. > ..■ - =* Inhalt: Leitartikel: Der rassenreine Bankskandal in Berlin. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen znr Tagesgeschichte. — Das Trachom in Palästina. — Kahal, Ehewra und der „Jüdische Arbeiterbund". — Korrespondenzen: Ausstellung im Volksheim. Die Enthüllung des Lamey-Denkmals in Mannheim. Breslau. Ter Konitzer Mord. Danzig. Herr Ballin und die „Kreuzzeitrrng". Die Ursache der Plehwe'schen Toleranz. Ein Hohnmanifest. Der Geruch der Europäer. Brüssel. Bukarest. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Ezernowitz, Preßburg, Prag-Smichow, Dobrisch, Ledeo. — Feuilleton: Jüdische Kultnrbilder. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der rassenreine Dankskandal in Kerlin. Wir wissen allerdings längst, daß für die Antisemiten nur jenes Geld einen üblen Geruch hat, das sie nicht besitzen oder aus den Taschen anderer nicht stehlen können. Seit dem berüchtigten Ealonne und dem noch berüchtigteren Schotten Law hat es eine Anzahl arischer Jndustrieritter gegeben, die dem Volke seine sauren Ersprarnisse herausschwindelten. Und auch der Spekulanten auf den frvmmgläubigen Sinn der Menge, die für Anweisungen auf den Hinimcl klingende irdische Münze nahmen und dabei jauchzend einstimmten in den Ruf des alten Römerkaisers: „Non ölet!“, gab es von jeher Viele Hunderte. Nor zwei Jahren konnte man von einem Pfarrer in der Schweiz lesen, der Schuldverschreibungen ausgab, die im Himmel rückzahlbar seien. Allerdings dieses fromme Pumpgenie ist ein armseliger Stümper gegen jene hochragenden arischen Finanzgrößen, die den religiösen Sinn oder selbst den konfessionellen Haß in schwindelerregenden Bankgründungen zu fruktifizieren trachteten. Die Dachauer Bank der Adele Spitzeder, die Union Generale des Ritter von Bontoux, die in ihrem Falle Hunderttausende von Existenzen und Milliarden von Werten begruben, waren Schöpfungen ausschließlichster arischer Korruption. Ihnen gesellten sich der Bankbruch der arischen Leipziger Diskontogesellschaft, der Zusammenbruch der „asemitischen" Lemberger Sparkasse und die Malversationen in der antisemitischen Union catholica bei, die mit Stolz auf ihre Judenreinheit hinwiesen. Alle diese wirtsvölkischen Gründungen haben und hatten Eines gemeinsam: die Täuschung des Publikums durch Fälschung der Bilanzen und unrichtige Buchungen. Und sie alle brachen zusammen, nicht durch eine äußere vi« major, sondern in dem Augenblicke, wo die arischen und antisemitischen Ehrenmänner, die an ihrer Spitze standen, nichts mehr davontragen konnten. Sie alle hätten von sich dasselbe sagen können, wie jener Direktor der Leipziger Diskontogesellschaft, der, auf die über sein Institut umlaufenden Gerüchte aufmerksam gemacht, mit eiserner Stirne erklärte: „Seit Jahren habe ich auf diese Stunde gewartet. Ich. bin ein Lump und ein Betrüger, ich schulde der Bank mehrmals Sie annehmen". Die Enthüllungen aber, welche in den jüngsten Tagen der langwierige Pommernbankprozeß brachte, haben die Geschichte der arischen Korruption um eine interessante Spezies bereichert. „Man vergegenwärtige sich, sagt F. Svendsen in der „Nation", die tatsächlichen Vorgänge: die Pommernbank feierte den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch Versendung prachtvoll ausgeftatteter Prospekte, in denen der erstaunten Welt die Mitteilung gemacht wurde, daß diese Hypothekenbank als „Hofbank der Kaiserin und Königin" anzusprechen sei. lieber dem Geschüstslokal wird ein prachtvolles Wappen angebracht. Die Börsenwelt ist erstaunt, hält das Ganze aber für den schlauen Coup eines gerissenen Bankdirektors, der den Pfandbriefen der Bank auf diese Weise eine größere Anziehungskraft verleihen will. Eine Hypothekenbank muß ja ausgezeichnet solide fundiert sein, der es gestattet wird, ihr Geschüstsschild mit dem Namen der ersten Frau des Landes zu zieren. Bald darauf verkrachte die Hofbank der Kaiserin, und zahllose gutgläubige Aktionäre und Pfandbriefabnehmer verloren ihr Geld. Schon damals, ehe man noch den Zusammenhang der Dinge überschaute, wunderte man sich, daß die Persönlichkeiten am Hofe, die für die Verleihung des Titels Hofbank die Verantwortung trugen, nicht sofort ihrer Posten entsetzt wurden. Ein wie unglaublicher Skandal hinter der ganzen Affaire steckte, weiß man erst seit kurzer Zeit, seitdem zeugeneidlich festgestellt ist, daß dem Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherrn von Mirbach, aus den Mitteln einer Filialbank durch deren jetzt wegen betrügerischer Geschäftsmanipulationen angeklagte Direktoren mehrere hunderttausend Mark überwiesen sind, wie es scheint, zumeist für Kirchenbauzwecke. Der Kausalzusammenhang zwischen der Zahlung dieser Riesensummen und der Verleihung des Hofbanktitels liegt auf der Hand, selbst ohne daß man sich vergegenwärtigt, wie nahe diese beiden Tatsachen auch zeitlich zusammenfallen. Aus diesem Tatbestände erhebt sich nun eine Reihe von Fragen an den Oberhofmeister Freiherrn von Mirbach. Ist es denkbar, daß derselbe so naiv und weltunkundig war, um zu glauben, daß die ihm durch die Direktoren der Pommernbank zur Verfügung gestellten Hunderttaufende persönliche milde Gaben seien, mittels deren ein frommes Gemüt seinen kirchlichen Sinn betätigt? Mußte er nicht wissen, daß diese Summen dem Bankvermögen entnommen wurden und daß kein Bankdirektor der Welt berechtigt ist, mit den Kassen der Bank entnommenen Almosen, die nach Hunderttausenden zählen, Kirchenbau oder ähnliche Zwecke zu fördern? Konnte der Oberhofmeister ferner darüber auch nur einen Augenblick im Zweifel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.