Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Leite 358 Dr. JBlocD's Mocvenscdrill. Nr. 22 In seiner felsenfesten Frömmigkeit war er von der naivsten Glaubensseligkeit. Wenn jemand ihm hinterbrachte, der oder jener sei am Sabbat gefahren, so antwortete er: „Das glaube ich nicht, ein Jude fährt nicht am Sabbat." Einmal kam seine Fran und führte Klage gegen S., den erwachsenen Sohn des Hauses, er habe ihr die Gansleber aufgegessen. Der Beschuldigte leugnete und beteuerte seine Unschuld. „Nun, das werde ich bald herauskriegen", sagte der Rabbi. „Lea, bring' ein Glas Milch!" Die Milch ward gebracht. „Du Jung', da trinkst Du die Milch", sagte der strenge Vater; und der Sohn leerte ohne Anstand das Glas auf einen Zug. A u ch M i l ch t r a n k e r gern. „Nun, s i e h st Du, Lea", ries der Rabbi triumphierend aus, „daß S. die Leber nicht aufgegessen hat!" Die Geschichte kennt wohl manche Art des Gottesurteils: die Feuerprobe, die Wasserprobe: aber dieMilchprobe anzuwenden — das blieb nur diesem frommen, vertrauensseligen Rabbi Vorbehalten. Durchdrungen von der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß Glauben und Wissen, Bildung und Religiosität einander ausschließen, war er ein erbitterter Feind aller Wissenschaft, als der Quelle alles religiösen Abfalles, und da ließ er keine Ausnahme gelten^ Als im Jahre 1858 der edle Rabbiner Israel Hildesheimer aus Deutschland nach Eisenstadt kam, dessen wahrhafte Frömmigkeit und strengkonservative Richtung von aller Welt anerkannt und von Manchem — bekämpft wurde, war er auch im Mikloser Besz-liamidrasch einmal der Gegenstand des Gespräches, und da wußte jeder Einzelne etwas Rühmenswertes von ihm hervorzuheben. War doch Hildesheimer eine ganz neue Erscheinung in Ungarn: ein p h i 1. Doktor, den der P r e ßb u r g e r Rabbiner als Z a d d i k anerkennt! Das war ja ein lebendiger Protest gegen die bisher herrschende Anschauung, daß weltliches Wissen die Religion ausschließe, (Fortsetzung folgt.) Kpanrolerr in Salomchi. Von Adolf Strauß. Allemal, wenn mich der Weg auf meinen Orientfahrten nach Salonichi führt, bin ich voll Bewunderung für die spanischen Juden. Zwei Dinge sind es, die ich an ihnen bewundere: ihre körperliche Schönheit und der Konservativismus, mit dem sie an ihren avitischen Traditionen festhalten. Man findet nicht selten herrliche Männergestalten unter den Serben, den Albanesen, den Tscherkessen und unter den Griechen auf den Inseln des Archipels, aber keine derselben läßt sich mit dem spanischen Juden vergleichen. Wenn sie vor mir vorbeiziehen, diese kraftvollen, muskulösen, hochgewachsenen Männer mit dem vornehmen Exterieur, den Leib eingehüllt in den langen, verbrämten Kaftan, auf dem Kopf den reichen Turban, das imponierend ernste Gesicht von dem herabwallenden, üppigen Bart umrahmt und mit der wundervollen Ruhe im Gang, ist es mir, als ob sich die Gestalten des Alten Testaments wiederbelebt hätten. Unter den sechzigtausend Juden von Salonichi gibt es vielleicht keine einzige mißgestaltige oder degenerierte Figur. Der Hamal, der im Hafen die zentnerschwere Last keuchend auf den Schultern trägt, gibt sich im Aeußern ebenso vornehm und würdevoll wie sein reicher Glaubensgenosse, der das Dasein in Prunk und Bequemlichkeit verbringt Was ist die Erklärung dieser bewunderungswürdigen Raffenreinheil? Nichts Anderes als die Enthaltung von der Blutmischung. Während jener 460 Jahre, die verfloffen sind, seit sie, aus Spanien vertrieben, sich auf diesem Punkte des Aegäischen Meeres angesiedelt, haben die Juden spanischer Zunge immer bloß unter sich geheiratet. Die Kinder Israels haben sich vor der „heiligen" Inquisition auch nach anderen Gegenden aus dem Lande der Hidalgos geflüchtet: nach Deutschland, Frankreich und Polen, aber die Nachkommen dieser Emigranten haben ihren charakteristischen Typus eingebüßt und sind meist verkümmert. Kein Zweifel, daß auch das Klima Einfluß übt auf den menschlichen Körper. So wie die Palme des Südens in nördlichen Strichen und in Mitteleuropa verfällt, mußten auch die aus den südlichen Ländern nach den Norden Europas gewanderten Juden dem Verkümmerungsprozeß unterliegen. Jedoch in Salonichi. wo der Himmel ewig lächelt und die sengende Glut der tropischen Sonne durch den kühlenden Hauch des Meeres gemildert wird, mochten die Ahnen der spanischen Juden sich so fühlen wie in ihrer alten Heimat. Wer die religiöse Toleranz der Türken kennen lernen will, der möge nach Salonichi kommen. Diese zweitgrößte Stadt des europäischen Osmanenreiches ist eine Judenstadt. Es ist dazu geworden am Ende des XV. Jahrhunderts durch den Sultan Bajazid, den weisen und vorausschauenden Herrscher, der, als er den aus Spanien vertriebenen Juden ein Asyl bot, bei der Nachricht von der massenhaften Einwanderung den Ausspruch tat: „Spanien wird verarmen, wir aber können durch sie reich werden!" In der letzteren Voraussetzung hat sich der Padischah getäuscht, jedoch darin nicht, daß die spanischen Juden die friedlichsten und verläßlichsten Untertanen der osmanischen Herrschaft geworden sind. Die christlichen Völker der Balkanhalbiusel hatten bis auf den heutigen Tag von der türkischen Tyrannei viel zu leiden, die spanischen Juden jedoch hatten nie Ursache gehabt, zu bereuen, daß sie unter den Getreuen Mohammed's eine neues Heim gesucht haben. Ihnen gegenüber zeigte sich die türkische Macht immer zuvorkommend und andererseits haben auch sie mit Stambul das freundschaftlichste Verhältnis unterhalten. Dieses freundschaftliche Verhältnis hat es ermöglicht, daß die Genieindeorganisation der spanischen Juden in ihrer Jahrhunderte alten Unberührtheit verblieben ist und die „Spaniolen" trotz ihrer Abgeschlossenheit mit der moslemitischen Einwohnerschaft im friedlichsten Einvernehmen lebten. Der Oberrabbiner von Salonichi, der Ehachambaschi, genießt nicht bloß bei der Judenschaft, so.ndern auch bei den Behörden großes Ansehen. Vor nicht langer Zeit starb der Ehachambaschi von Salonichi, Samueli Arditti, der Jahrzehnte hindurch an der Spitze der Gemeinde gestanden hat, und bei seinem Begräbnis wurden ihm die einem Pascha gebührenden letzten Ehren erwiesen. Anwesend waren der Bali, der Gouverneur mit einem großen Trupp Offiziere, und als der Trauerzug sich in Bewegung setzte, wurden in der Festung Kanonenschüsse gelöst. Der Ehachambaschi achtet streng darauf, daß die Mitglieder der Gemeinde die religiösen Vorschriften befolgen. Es kam vor, daß der Chef eines der großen Waarenhäuser sein Geschäft auch am Sabbat offen hielt. Die Folge davon war, daß die Juden auf Weisung des Chachambaschl nicht bloß das Geschäft nicht mehr betraten, sondern selbst das Trottoir mieden, auf das die Türe des Ladens schaut. Der Eigentümer ging schließlich zum Ehachambaschi Butze tun, der ihm verzieh, jedoch zu Gunsten der Armen eine Geldstrafe von hundert Napoleons auferlegte. Interessant ist es, zu sehen, wenn die spanischen Juden am Samstag ihre Rosenkränze herabsingern. Diesen Gebrauch haben sie von den Mohammedanern übernommen, den sie jedoch nur Samstag beobachten, wenn das Tabakrauchen verboten ist. Die ans Zigarettendrehen gewöhnten Finger spielen, wie mechanisch mit den meist aus Bernstein verfertigten Kügelchen des Rosenkranzes, vielleicht ohne zu ahnen, welche Bedeutung der Rosenkranz für den Katholiken hat. Am Samstag treffen wenig Schiffe rm Hasen ein, weil die Mehrzahl .der Hamals Juden sind, die um keinen Preis der Welt sich gegen das Arbeitsverbot vergehen würden. Diese jüdischen Hamals sind von einer erstaunlichen Körperkraft, fleißig und verläßlich. Ein spanischer Schiffskapitän hat mir erklärt, daß er seine Ladung bloß unter der Bedingung dem Spediteur übergibt, wenn alle seine Taglöhner Juden sind, denn nur dann kann er sich im Vorhinein pünktlich berechnen, wann die Arbeit beendet sein würde. Jeder Ausländer ist von der Tatsache überrascht, daß in Salonichi die finanziellen Geschäfte nicht von den lpanischen Juden, sondern von Griechen und Armeniern versehen werden. Unter den Großhändlern gibt es jedoch einige spanische Juden, deren Firmen in der ganzeu Levante bekannt sind. Solche Firmen sind die der Allatini, Misrachi, Fernandez u. s. w., welche, vom Vater auf den Sohn überkommen, iu puulrto Solidität und Vertrauenswürdigkeit sich auch in Westeuropa des besten Rufes erfreuen. Der überwiegende Teil der Judenschaft besteht aus Industriellen und Taglöhnern. Aus ihren Reihen kommen die besten Schmiede, Spengler, Tischler und sonstigen Industriellen hervor. Es gibt keine harte Taglöhnerarbeit, vor der der arme spanische Jude sich drücken würde, um die paar Groschen zu verdienen, mit welchen er seine Familie erhält. Die spanischen Juden von Salonichi besitzen em ungewöhnliches Sprachentalent Türkisch versteht ein Jeder; zuhause, sowie im Tempel bedienen sie sich der spanischen Sprache, außerdem erlernen sie auch die griechische und die bulgarische Sprache. In der intelligenten Klasse gibt es Tausende, die überdies noch das Italienische, Englische und Französische sprechen. Ueberraschend ist es, daß es deulschsprechende unter ihnen kaum Einen gibt, obwohl die Deutschen besonders in der letzteren Zeit sich bestreben, mit Salonichi in enge Handelsbeziehungen zu treten und sich an den Gestaden des Aegäischen Meeres festzusetzen, um von hier aus Einfluß auf die Levante und die Dardanellen auszuüben. Die Frauen und Mädchen der spanischen Juden sind typische Schönheiten. An Festtagen schmücken sie sich mit Juwelen und behängen nach orientalischer Art den Busen, den Hals, sowie die wohlgeformten Arme mit Goldmünzen. Im übrigen hocken sie meist zuhause und streifen nicht durch die Straßen, wie ihre westlichen Glaubensgenossinnen. Auch sind sie überaus religiös. Ich versäume es nie, den jüdischen Friedhof von Salonichi zn besuchen. Er zieht sich an der Westseite der Stadt in der Ausdehnung von mehreren Quadratkilometern den Bergabhang hinan und unterscheidet sich von den benachbarten türkischen und griechischen Cimeterien