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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 356 Dr. Blocb’s MLocbenscbrlkr. Skr. 22 Nun machte ich meinen Besuch bei Prediger Löwenstein, wo die Elite der Gemeinde versammelt war. Gleich allen andern nahm ich auch den Hut ab, aber der kluge Löwenstein, der schon inzwischen den Zweck meiner Reise erfahren hatte, nötigte mich mit verständnisvollem Lächeln, den Hut aufzusetzen. Und in der Tat kam bald darauf Rabbi Mendel, dem es gewiß unlieb gewesen wäre, mich barhaupt zu finden. Tags darauf besuchte ich wieder das Kirz’sche Haus. Ich war zu schüchtern, um den Zweck meines Besuches zu berühren, und Rabbi Mendel war sehr redselig über — talmudische Themata, und mit dem Mädchen, das mir zur Frau bestimmt war, eine Unterhaltung anzuknüpfen — dazu fehlte mir der Mut. Nur ein einziges Mal richtete ich eine Frage an dasselbe, und diese Frage war auch recht dumm. Sie saß beim Stickrahmen. ,,Für wen sticken Sie das, Fräulein"? Das arme Mädchen, die wahre Tochter des schüchternen, bescheidenen Rabbi Mendel, ward purpurrot und gab eine ausweichende Antwort. Sie konnte doch nicht sagen, daß sie an ihrer eigenen Heiratsausstattung arbeite. Ich war eben ein zwanzigjähriger B o ch u r. Des anderen Tages schickte ich mich eben an, meinen Abschiedsbesuch zu machen. Ich wollte nach Hause fahren und den Eltern Bericht erstatten. Da kam der Gemeindediener und lud die Familie, bei der ich wohnte — zum „Tnoi m- Mahl" (Verlobung) für heute Abend zu Rcb MendeleKirz. Das war doch zu stark, das war denn doch ein zu arges Attentat auf meine persönliche Freiheit! Ich suchte sofort einen Verwandten auf, der zugleich ein Vertrauensmann der Familie war, und fragte ihn: „Sagen Sie mir, Reb Mordche Le!-, was ist das für ein Vorgehen, mich verloben zu wollen, ohne mich nur zu fragen, ohne ein Wort mit mir über die Sache zu sprechen?"DagehöreichdochamEnde auch dazu?" Gewiß! „Aber warum denn nicht verloben?" antwortete er, „Was können Sie deun dagegen haben? Das Mädchen muß Ihnen gefallen, denn sie ist eines der schönsten in Miklos, und gegen Reb Mendele haben Sie doch auch nichts einzuwcnden; warum sollten Sie nicht wollen?" „Aber ich kann mich doch ohne meine Eltern nicht verloben?" „Warum nicht? Ihre Eltern kennen doch die Bedingungen: Sie bekommen sechshundert Gulden und drei Jahre Kost." Ich suchte vergebens nach einer Ausflucht. Ich bemerkte, daß ich mich doch nicht verloben könne, ohne die Eltern auch nur befragt zu haben. „Sagen Sie der Kirz'schen Familie, daß ich künftige Woche mit den. Eltern komme, dann feiern wir die Verlobung." „Das geht ja aber nicht; die ganze Khille (Gemeinde) ist schon eingeladen. Wir sind überzeugt, daß die Eltern auch zufrieden sein werden." Und so wurde ich Bräutigam — fast wider Willen, allenfalls aber ohne meinen Willen, ohne daß ich mit derBraut mehr als einige Worte gesprochen hätte, ja ohne auch nur ihr Alter zu wissen, da ich selbst durch ihr Geburtszeugnis, welches man zur Heiratsbewilligung bedurfte, nicht erfahren konnte. Denn der jüdische Gemeindesekretär, der die Standesregister führte, schrieb, um die oft grausame Wahrheit mit der liebenswürdigsten Galanterie gegen die Damen zu verbinden, in das amtliche Geburtszeugnis jedes Mikloser Mädchens: „Fräulein N. N. hat bereits das neunzehnte Lebensjahr überschritten." Vor wie viel Jahren diese „Ueberschreitung" bereits stattgefunden hat, hat er wohlweislich verschwiegen. Glückliche Zeit, wo der Matrikenführer so galant sein konnte, ohne mit dem Gesetz in Kollision zu geraten! Als ich nach Hause kam, da strömten die Vettern und Basen aus Hunsdorf herbei, umMaseltow zu sagen; alle aber erklärten sie unisono, ich hätte mich zu wohlfeil hergegeben. Der Vater aber, der den Wert Reb Mendels zu schätzen wußte, war stolz darauf, daß sein Sohn zum Schwiegervater einen Mann haben werde, der die Verehrung einesHeiligen genoß, und die Mutter war überglücklich, daß ich ihr nun erhalten bleibe; mich aber überlief ein Gruseln, so ich an das asketische Leben dachte, das mich erwartete . . . . Da sollte ich rm Alter von zwanzig Jahren „den Mühlstein auf den Hals" mir laden, wie der Talmud das Heiraten nennt, und dazu von früh morgens bis spät in die Nacht hinein immer und immer Talmud lernen, den „H auptschiur" und den „N e b e n s ch i u r" und die Codices alle, und zur Erholung den Midrasch, und das Leben nach dem Vorbild und Beispiel Reb Mendels, des „Heiligen", einrichten und die Flügel nicht regen und bewegen können und dürfen — das war eine Perspektive, die für einen nichts weniger als pietistisch angelegten jungen Menschen sehr wenig Verlockendes hatte. Wahrlich gar oft während des elfmonatlichen Brautstandes war ich auf dem Sprunge, mit einem kühnen Ruck all das, was mich drückte, abzuschütteln und in die weite Welt zu laufen; aber mir fehlte der Mut hiezu. Mich dauerte das arme, gute Kind, das an mir hing. Ich hatte auch das Herz nicht, dem guten, edlen Mann das schwere Leid zu bereiten. . . . Der Tag der Hochzeit wurde bestimmt. Da es damals noch keine gedruckten Einladungskarten gab, so schrieb der Vater mit seiner wunderschönen Handschrift einige hundert „Chassene- B r i e f e l" (Hochzeitskarten), welche der „Sarver" auch in die benachbarten Ortschaften trug, wofür er von den Geladenen bewirtet und mit Geld beschenkt wurde. Also ward ich verheiratet und es begann für mich ein neues Leben, ein Leben ernster, unermüdlicher Tätigkeit, aber auch ein Leben voll Entsagung undEntbehrungen. Liptä-Szent-Mikläs. Die Mikloser jüdische Gemeinde, bis vor kurzer Zeit noch die einzige des Liptoer-Komitates, besteht seit beinahe zweihundert Jahren. Die ersten jüdischen Ansiedler waren aus Mähren, namentlich aus Holleschau gekommen und haben darum auch die synagogalen Bräuche Mährens beibehalten, im Gegensätze zu den anderen Gemeinden des nördlichen Ungarns, welche den polnischen Ritus eingeführt haben. Diese Gemeinde war stets als eine Stätte der Intelligenz und der Pflege der Wissenschaft gekannt und geschätzt. „Mikulasch", wie es slavisch heißt und auch von Juden genannt wurde, galt als „eine Stadt voll von Gelehrten und Schriftkundigen." Viel trug dazu R. Löbisch-Holleschau bei, der Großvater meines Schwiegervaters und Neffe des Rabbi Jonathan Eiben schütz, der infolge der kaiserlichen Verordnung Josef II. vom 23. Juli 1787, nach welcher jeder Jude in Ungarn einen deutlichen Familiennamen haben müsse, den Namen Kirz angenommen hatte. Er hatte acht Söhne und vier Schwiegersöhne, allesamt, gleich ihm, Talmudkundige; besonders waren unter den Schwiegersöhnen hervorragende Gelehrte. Er war bezüglich derselben sehr wählerisch. Der erste und hervorragendste unter ihnen war der in Miklos 1765 geborene Rabbi Sinai Simandel unter dem Namen R. Sinai Lamdan bekannt, der eine wahre „Zisterne, die keinen Tropfen Wasser verliert" gewesen. Die anderen drei berief er aus Amsterdam, Rußland und Fürth (Bayern), so daß ein Witzbold diese vier Schwiegersöhne mit den vier Söhnen der „Hagada" verglich und sagte: „Der Fürter (Vierte) ist derscheöno jodea lisch’ol, weil er als schwacher Debatter im talmudischen Disput „Fragen aufzuwerfen" nicht verstanden hat. Es ist begreiflich, daß eine solch stattliche Anzahl von Männern, welche ausschließlich der Thora und deren Verbreitung lebten — denn für das Geschäft, den Broterwerb, sorgten die Frauen — der ganzen Gemeinde das Gepräge und die Richtung gaben.

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