Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch’s Jahrgang XII Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. X- 8. k. Pofisparraffen-Amt Clearing-Verkehr Ar. 810.976. LrdarNon und Administrsttoa: Wien IX1, Vrrggaffe Ar. 39. Telephon Nr. 14.847. =X ""—H— =X Wien, 567. Mai 1904 4 (' W =X Erscheint jeden Freitag. - >ii 4 <• -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. SLprgsprrp» für Sesterrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. X= -m Inhalt: Leitartikel: Anarchie oder Rechtsstaats — Moses und Hamurabi. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Einer jüdischen Mutter Vermächtnis an ihre Tochter. Ein Wort über Samuel Smiles. Ern Ausspruch Gottfried Keller's. Biblische Klassiker. — Korrespondenzen: Schutz den Bedrückten. Budapest. Ter Konitzer Mord. Paris. Das Tuberkuloseserum Marmore!. Ein Verwandter Dreyfus' im Kriegsministerium. Marineminister Pelletan über den Antisemitisnius. Petersburg. Konstantinopel. New-Aork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Ischl, Krakau, Troppau, Prag, Klattau, Jerusalem, Moskau. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. Spaniolen in Salonichi. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Anarchie oder Rechtsstaat? (Aus Deutschland.) Wenn man sich davon überzeugen will, wie inkonsequent und widerspruchsvoll häufig die Regierungen in Deutschland handeln, dann braucht man nur irgend ein beliebtes politisches Schlagwort auf seinen Begriff zu untersuchen. Man sieht dann gleich, daß zwischen Theorie und Praxis, zwischen Gesetz und Verwaltung eine tiefe Kluft gähnt, die nur durch schwache Ausreden dürftig überbrückt wird. In den letzten Jahren spielt in der inneren Politik Deutschlands der Kampfruf „Gegen die Anarchie, für den Ordnungsstaat!" eine große Rolle. Man nennt dies Sammelpolitik und man erzielt mit dieser Parole gute Erfolge. Denn daß jede Anarchie zerstörend wirkt und daß ohne Ordnung und Gesetz kein Staat, keine Kultur denkbar ist, das leuchtet jedem ein. Nicht allein der biedere Bierphilister, auch der reifdenkende Bürger hegt eine Furcht vor anarchischen Zuständen. Gewiß, es gibt nichts Schlimmeres, als die alles zersetzende, alles vernichtende Anarchie, die ein Ausfluß des Fanatismus und nicht der Vernunft ist. Allein, was ist Anarchie? Hat man sich in den Kreisen der Regierenden darüber einen klaren Begriff gebildet? Es scheint, daß im modernen Chaos der Gefühlspolitik die Begriffe immer mehr verloren gehen und das leere Wort zur herrschenden Allmacht gelangt. Anarchie ist alles das, was das Gesetz untergräbt und das Rechtsgefühl verletzt. Anarchie ist alles das, was an Stelle des Rechtes die Macht setzt. Ob dieses durch Dynamitbomben oder durch „kluge" Verordnungen und zarte Winke, ob es durch hirnverbrannte Fanatiker oder durch aalglatte Diplomaten geschieht, das ist nur ein Unterschied des Grades. Denn wie es unter den Verbrechen Abstufungen aller Art gibt, so ist auch die Anarchie reich an Kategorien und Schattierungen. Und wie es dort einen gemeinsamen Namen für alle, die sich gegen das Gesetz versündigen, gibt, so muß es auch hier, einen gemeinsamen umfassenden Begriff geben für alle, die die Gewalt zum herrschenden Prinzip erheben. Die Anarchie fängt da an, wo das Recht aufhört. Auch das macht keinen Unterschied, ob die Anarchie im Geheimen arbeitet und dunkle Bahnen wandelt oder ob sie öffentlich Orgien feiert und sich der Anerkennung eines großen Teiles des Volkes erfreut Die Anarchie würde, selbst wenn fL* von der größten Majorität des Volkes gut geheißen würde, immer Anarchie bleiben. Die Vernunft hört ja auch darum nicht auf Vernunft zu sein, weil die meisten Menschen töricht sind. Ein anarchischer Zustand wird auch nicht dadurch um ein Haar besser, daß er durch die „heilige" Tradition sanktioniert wird. Ein Unrecht kann nie zum Recht gemacht werden. Eine Verwaltung, die das versucht, prostituiert sich und das Gesetz. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, treiben all diejenigen Regierungen eine gefährliche Anarchie, die fortwährend gegen den Geist der Verfassung handeln und das Gesetz zu einem toten Buchstaben machen. Sie untergraben dadurch die Gruudsäulen des Staates, dessen Geschäfte sie führen. Und das ist das Gefährlichste, was sie tun könnten, denn trotz aller Augenblickserfolge muß eine solche Politik zum Ruin sühnn DerGeist derGerechtigkeit ist keinPhantom, er ist und bleibt die einzige sichere St ü tz e desStaates. Seit 33 Jahren besitzen wir in Deutschland eine moderne Reichsverfassung auf liberaler Basis. Ihr wichtigster Grundsatz ist die Gleichheit aller Bürger. Alle Privilegien und alle Einschränkungen, die ein Erbe finsterer Zeilen bilden, sind verschwunden vor dem Hauche des modernen Zeitgeistes, es gibt im freien, großen Deutschland nur gleicheBürger mit gleichenPflichten und gleichenRechten. Auch die Juden sind hier zu vollen Bürgern erhoben worden, nicht als Gnade, sondern als selbstverständliches Gebot der Vernunft und der Gerechtigkeit. Die Verfassung spricht es deutlich aus, daß das religiöse Bekenntnis und die Abstammung eines Bürgers bei der Erlangung von Aemtern und Würden kein Hindernis bilden darf. Der Staat hat, streng genommen, gar kein Recht, nach diesen rein privaten Dingen zu forschen, ebenso wenig wie er nach denFamilienverhältnissen, nach der politischen Ueberzeugung und dir Weltanschauung eines Bürgers zu fragen hat. Bei der Arstellung von Beamten sollen im Sinne der Verfassung nur die geistigen und sittlichen Qualitäten, die Intelligenz und der Charakter maßgebend sein, alles andere existiert nicht. Das