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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 324 Dr. Blocb’s MlocbenscdrM. Nr. 20 Judaisierende Russen. Nichts vermag die überzeugende Macht des Judentums und die ihm innewohnende werbende Kraft besser zu bekunden, als die Tatsache, daß in den letzten Jahren die russischen Bauern zu Tausenden zum Judentume übertreten. Man würde die in den Blättern so oft mitgeteilte Nachricht von den „judaisierenden Sekten" in Rußland für ein Märchen zu halten berechtigt sein, wenn sie nicht von der Petersburger „Llission jorno je Obosrenje", dem offiziellen Organ der Miffionsabteilung der russischen Heiligen Synode, eben von Neuem bestätigt worden wäre. Die Mitteilung des Missionsblattes geht sogar noch weiter: Es handelt sich nicht mehr um „judaisierende", d. h. sich an das Judentum blos anlehnende christliche Sekten, sondern um Bauern, die richtig zum Judentum übergehen und deren Zahl namentlich im Gouvernement Astrachan sehr groß ist. Mit dem Christentum Wersen, nach Mitteilung des erwähnten Blattes, die zum Judentum übergetretenen Bauern auch ihr Russentum über Bord. Sie wollen nichts weiter als Juden sein und suchen es den russischen Juden in allen Stücken nachzutun. Da sie wissen, daß die Juden in Rußland von den Christen bedrückt werden, so hassen sie das Christentum, das christliche Rußland und den rechtgläubigen Zaren. Gemeinsam mit den russischen Juden fühlen sie sich in Rußland im „Golus", resp. in russischer Gefangenschaft. Rußland nennen sie nicht anders als „Assur", was rückwärts gelesen ..A Russa” bedeutet. Gelegentlich nennen sie es auch „Babel" und „Gog". Alles, was von den Propheten gegen Egypten, Assur, Babylon und das rätselhafte nordische Volk „Gog" einst verkündet wurde, wird von ihnen auf Rußland bezogen. Selbstredend erwarten auch sie sehnsüchtig die Ankunft des Messias, der den Zaren vom Throne stürzen und in Palästina ein großes Weltreich errichten werde. Wir können alle diese Nachrichten bestätigen und hinzufügen, daß überzeugungstreue Proselyten mit den russischen Juden auch die große Liebe zu Palästina, dem Lande „ihrer Väter" teilen und wie diese in erheblicher Anzahl dahin auswandern. Auch in den jüdischen Kolonien Palästinas befinden sich solche „Geirim". So bilden sic den dritten Teil der Bevölkerung der in diesem Jahre begründeten Kolonie Beth-Dagon. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß diese früheren russischen Bauern geradezu ideale Kolonisten abgeben. Die Proselyten von Beth-Dagon sprechen auch fließend hebräisch, das nunmehr ihre Umgangssprache geworden ist. Auch in dieser Hinsicht können sie den anderen jüdischen Kolonisten Palästinas, namentlich den älteren Leuten, die noch immer Jargon reden, als Muster hingestellt werden. London. Dem bekannten Unterhausmitglied sür Stepney, dem Antialienisten Major Evans Gordon gelingt es schon seit einigen Jahren zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Während er Schulter an Schulter mit nichtverschämten Antisemiten, schlimmen Reaktionären und Schutzzöllnern kämpft, sucht er, wahrscheinlich um cs auch mit den jüdischen Wählern von Stepney nicht zu verderben, bei jeder sich darbietenden billigen Gelegenheit den — Philosemiten zu spielen. Großes Mitleid will er namentlich mit den rumänischen Juden haben, deren Lage er aus nächster Nähe kennen gelernt hat. Schon seit länger als ein Jahr will er die rumänische Judenfrage „demnächst" im englischen Unterhause zur Sprache bringen. In einem Schreiben an Mr. Emanuel, dem Sekretär des Londoner Board of Deputies, hat nun Chacham Dr. M. Gastcr bekundet, daß er das durchsichtige Doppelspiel des famosen Major, der dem englischen Judentum die schwersten Wunden geschlagen hat, durchschaut. Dr. Gaster lehnte es in diesem Schreiben ab, in Bezug aus die rumänische Frage mit einem Judenfeinde, wie Major Evans Gordon Hand in Hand zu gehen. Die Folge war ein geharnischter Brief des Major an den Chacham, in welchem der Führer der englischen Antialienisten nochmals den Versuch machte, die gekränkte Unschuld zu spielen. Darauf schickte Dr. Gaster dem Major Gordon folgendes Schreiben, das dieser sich gewiß nicht hinter dem Spiegel stecken wird. Nach Weglassung der einleitenden Zeilen lautet dasselbe ungefähr folgendermaßen: „Wir vermögen die Menschen nur nach ihren Handlungen zu beurteilen und Sie selber werden doch zugeben müssen, daß es dem schlichten Verstände unverständlich bleiben muß, wie man ein fremdes Land der Judenverfolgung b schuldigen und zugleich im eigenen Lande auf Ausnahmegesetze gegen einwandernde Juden drängen kann. Sie haben in England sich derselben Taktik bedient, welche Sie bei derrumänischenRegierung so verwerflich fanden. Wer, wie ich, ein Leben lang gegen eine betrügerische Regierung im Kampfe steht, welche stets „Fremde" sagt und immer „Juden" meint, der law: nicht genug eine Agitation verdammen, welche angeblich gegen „Fremde", in der Wirklichkeit aber sich ausschließlich gegen „Juden" richtet. Daß die ganze fremdenfeindliche Agitation nur auf die Juden gemünzt ist, beweisen die Verhandlungen vor der Friedenskommission sowohl, wie Ihre eigenen Reden und Zeitungsartikel. Sie haben die in einem oder zwei engumschriebenen Bezirken bestehenden Mißstände zu einer Fremdensrage aufgebauscht, um die Notwendigkeit von Gesetzen zu beweisen, auf die der rabiateste rumänische Antisemit stolz sein müßte. Die von Ihnen empfohlenen Gesetze sind ein Gemisch von rumänischer Heuchelei und russischer Brutalität. Sie sind auch nicht vor der schlechten Rückwirkung auf das Ausland zurückgeschreckt und haben sich nicht einen Moment lang besonnen, Gesetze vorzuschlagen, welche geeignet sind, die von Ihnen so lebhaft bedauerte Lage der Juden in Rumänien noch mehr zu verschlimmern. Dürfen Sie sich nun wundern, wenn mancher englische Jude in Bezug auf Sie „Gott schütze mich vor meinen Freunden!" ausruft? Ich selber sah mich, getreu dem Spruch „limeo Danaos et dona ferentes“, veranlaßt, me'ne Anhänger vor einem Freunde wie Sie, der gefährlicher als der schlimmste Feind ist, dringend zu warnen. Sie haben jetzt die Gelegenheit, sich vor jedem Verdachte zu schützen. Die Fremdenbill steht jetzt auf der Tagesordnung. Suchen Sie durch Einbringung und Unterstützung von Amendements dieselbe so zu gestalten, daß sie nicht mißbräuchlich angewendet werden kann und der Willkür nicht Tür und Tor öffnet. Vor Allem suchen Sie es unmöglich zu machen, daß sie ausschließlich gegen die schutzlosen Juden angewendet werden kann." Wir sind neugierig, was Major Gordon auf diese unzweideutige Erklärung erwidern wird. Vermutlich wird er nicht mehr umhin können, sich auch offen und umwunden zu dem zu bekennen, was er im Stillen von jeher war, nämlich ein richtiger unverfälschter Antisemit. Konftantiuopel. Am Sonntag den 17. April beging das Komitee der Deutsch-Israelitischen Schulgemeinde (<§cole Germano Israölite-Fondation Goldschmidt) zu Konstantinopel in dem herrlich geschmückten Festsaale des Schulgebäudes Rae Chiche-Hane, Pera in solenner Weise das 25jährige Amtsjubiläum des Herrn Oberlehrers und Sekretärs der österreich.- ungar. Kultusgemeinde S. Springer, zu welcher Feier außer dem Schulrate, vielen Mitgliedern des Schulvereines auch Repräsentanten anderer Vereine und die ehemaligen Schüler des Jubilars in großer Zahl erschienen waren. Die Feier wurde eingeleitet durch einen beim Eintritt des Jubilars in den Festsaal von dem Musiklehrer Herrn M. Körber geleiteten vierstimmigen Begrüßungsgesang der ganzen Chorklasse. Hierauf ergriff der Präsident des Schulrates Herr A. Hefter das Wort zu einer Ansprache im Namen des Deutsch-Israelitischen Schulvereines und der ehemaligen Schüler, worin er mit Worten der innigsten Dankbarkeit und Verehrung ganz besonders die aufopfernde, uneigennützige Wirksamkeit des Herrn Springer während seiner 25jährigen Tängkeit hervorhob, der eigentlich als erster Mitbegründer der Schule betrachtet werden könne. Herr Lehrer I. Wochenmarkt beglückwünschte den Jubilar im Namen des gesamten Lehrkörpers. Ein Schüler der VI. Klasse richtete ebenfalls Worte des Dankes und der aufrichtigen Liebe im Namen seiner Mitschüler an den Lehrer und wünschte ihm auch weiterhin segensreich fortzuwirken. Nach einigen Ansprachen, gehalten von Repräsentanten der anderen Vereine, bestieg der Jubilar tiefgerührt die Tribüne, um dem Schulrate des Deutsch- Israelitischen Schulvereines herzlichst zu danken für die Veran-

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