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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 250 Dr. Liocb's TÄllocbenscbritt. Nr. 16 rungen des Wiener Gemeindestatuts und der Wahlordnung erfolgten, austrat. Seither, durch vier Jahre, ist infolge der auf jene Gesetze fußenden Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofcs der erste Wahlkörper des größten und nahezu steuerkrästigsten Bezirkes Wien im Gemeinderate ohne Vertretung geblieben, und Dr. Stern hat ungeachtet mehrfach an ihn ergangener Aufforderungen es abgclehnt, sich Wiederwahlen zu lassen. Man kann mit vollem Rechte sagen, daß die Lücke seither nicht auSgesüllt, daß eine derartig wisscn- - fchaftlich und mit eingehender Sachkunde geführte Behandlung der Voranschläge, Rechnungsabschlüsse und aller großen finanziellen Transaktionen der Gemeinde und der Wiener Ratsstube, wie solche in den bekannten Reden des Dr. Ster n, der unter der liberalen Aera als Budgctreferent fungierte, in den letzten vier Jahren nicht gehört wurde. Es bot sich das eigentümliche Schauspiel, daß selbst die antisemitische Partei den gegen ihre Wirtschaft gerichteten, aus voller Sachkunde beruhenden Angriffen Gehör und Beachtung schenken mußte, daß beispielsweise ein ebenso wichtiges und ungeschicktes Referat deS antisemitischen Stadtrates, betreffend die Besteuerung von Gcrneindeanleihencoupons, unter den Angriffen, die Dr. Stern gegen dasselbe richtete, förmlich zusammenbrach und zurückgezogen wurde, worauf ein neues Zieserat erstattet werden mußte und so die Gemeinde vor großer Schädigung bewahrt wurde. Die Finanzartikel, welche Doktor Alfred Stern in unserem Blatte von Zeit zu Zeit veröffentlicht, finden allenthalben die größte Beachtung. Doktor Stern, der seit fünfzehn Jahren Mitglied des israelitischen Wiener Kultusvorstandes ist, hat nun als sein Altenteil das Präsidium der Kultusgemeinde erwählt, und in der Rede, mit welcher er dasselbe übernahm, unter anderm erklärt, daß e r v o n n u n ab jewdeder anderen Betätigung im öffentlichen Leben entsage. Ein trauriges Zeugnis unserer öffentlichen Zustände, wenn denselben solche Männer den Rücken kehren." Ansprache des neuen Präsidenten. Der neugewählte Präsident Herr Dr. Alfred Stern übernahm das Präsidium mit folgender Ansprache: Nehmen Sie, meine hochgeehrten Herren, meinen innigen und herzlichen Dank entgegen für die auf mich gefallene Wahl, für die Ehre und Auszeichnung, die Sie mir hierdurch erwiesen haben. Indem ich das Amt, aus welches niich Ihr so ehrendes Vertrauen berufen hat, gerne und bereitwillig annehme, glaube ich es unterlassen zu können, Ihnen ein Programm für meine künftige Tätigkeit zu entwickeln. Ein solches Programm ist durch meine nahezu sechzehnjährige Tätigkeit im Vorstande gegeben. Eine Aenderung dieses Programines ist in meinem Alter kaum mehr anzunehmen, umsoweniger, als ich Ihre Wahl als eine gewisse Zustimmung zu demselben betrachte. Nahezu die Hälfte meiner Wirksamkeit im Vorstande fällt unter das Präsidium meines ausgezeichneten unmittelbaren Vorgängers, dessen unermüdliche Hingebung, dessen Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit ich mir zum Vorbilde nehme. (Lebhafter Beifall.) Dieses Vorbild und meine eigene Erfahrung haben mich gelehrt, daß es der vollen Zeit, der vollen ungeteilten Arbeitskraft eines Mannes bedarf, um den fortwährend sich mehrenden Agenden des Vorstandes, speziell des Präsidenten, in gewissenhafter Weise gerecht zu werden, und es ist leicht erklärlich, daß ich unter solchen Umständen auf manche mir lieb gewordene Tätigkeit im öffentlichen Leben verzichten muß und verzichten werde. (Lebhafter Beifall.) Binnen wenigen Tagen werden Sie, meine Herren, — wieder in öffentlicher Sitzung — über den Rechnungsabschluß für das Jahr 1903 beraten und Beschluß fassen. Sie werden aus demselben ersehen, was im abgelaufenen Jahre geleistet wurde. Sie werden, meine Herren, aber auch ersehen, wie viele und große Ausgaben dem Vorstände noch obliegen, Aufgaben, deren Erfüllung mehr oder weniger in den Finanzvorlagen, im Rechnungsabschlüsse, sowie im Budget der Gemeinde zum Ausdrucke kommen müssen. Das Gleichgewicht im Haushalte der Gemeinde ist eine notwendige Voraussetzung, ist das Mittel zum Zweck, um den bevorstehenden Aufgaben nähertreten zu können. Dieses Gleichgewicht herzustellen und dauernd zu erhalten, wird mein eifrigstes Bestreben sein. Die möglichste Ausgestaltung des Religionsunterrichtes, die Hebung unserer Kultus- und Wohlfahrtseinrichtungen sind die wesentlichsten Aufgaben des Knltusvorstandes, und nach wie vor will ich im Vereine mit Ihnen, meine Herren, nach dieser Richtung tätig sein. Aber auch weitere Kreise sollen zur Mitarbeit an unseren Aufgaben herangezogen werden. Eine Reihe von Korporationen und Vereinen, die Bethausvorstände, die Bethaus- und Wohltätigkeitsvereine, neuestens die Bezirkskommissionen, sie alle sind in der Lage, innerhalb ihres Gebietes Gutes und Ersprießliches zu leisten. Diese Korporationen zu gemeinsamer Tätigkeit heranzuziehen, deren Wünsche und Anregungen entgegenzunehmen, gewissenhaft zu prüfen und ihnen, wenn es im Interesse unserer Gemeinde gelegen ist und die Einheitlichkeit derselben nicht darunter leidet, nach Möglichkeit Rechnung zu tragen, wird mein stetes Bemühen sein. In unserer Gemeinde sind verschiedene Richtungen vertreten, Richtungen religiöser, Richtungen politischer Natur. In Einem sind wir alle einig: In dem Streben nach Erhaltung unseres Judentums, unserer glaubensbrüderlichen Gemeinschaft, der ehrenvollen Tradition unserer Gemeinde, die mustergiltig voranleuchten soll: in diesen gemeinsamen Zielen und Bestrebungen treffen wir uns alle, mögen auch die Wege, die wir gehen, verschieden sein. Die mehrtausendjährige ruhmvolle Tradition unseres Volkes unseren Nachkommen zu überliefern, wie sie uns von unseren Vorfahren überkommen, das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Schichten unseres durch gemeinsames Leid geeinigten Volkes zu heben und zu fördern, ist unsere große gemeinsame Aufgabe. Meine Herren, vor 37 Jahren, nach 3ojähriger Amtstätigkeit, ist ein ausgezeichneter Mann, ein Mann, der in seinem ganzen Leben durch Wort, Schrift und Tat für das Recht unserer Glaubensgenossen, nicht blos in Oesterreich, eingetreten ist und sich unvergängliche Verdienste erworben hat, von der Stelle geschieden, zu welcher Sie mich heute berufen haben. Josef Ritter von Wert he im er, an dessen Seite lange Jahre, bis zu seinem Tode gewirkt zu haben, zu meinen schönsten und unvergeßlichsten Erinnerungen gehört; er hatte damals die Vorsteher und Vertreter der Gemeinde um sich versannnelt — keiner von ihnen weilt mehr unter den Lebenden — und in seinen Abschiedsworten als die Leitsterne aller seiner Handlungen bezeichnet: „Wahrung des Friedens, Hebung des Ansehens und der Würde unserer Gemeinde." Diese Worte lvaren die Grundsätze seines langen Wirkens, waren die Leitsterne aller seiner Amtsnachfolger, sie werden auch die Leitsterne für die Tätigkeit sein, zu welcher Ihr Vertrauen mich heute berufen hat. Nochmals herzlichsten Dank! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ein jüdischer Künstler. Zu den minder erfreulichen Charaktereigenschaften der Juden wird von ihren Gegnern auch rhr Mangel an Schönheitsgefühl gezählt. Sie haben auch keinen schöpferischen Geist, besonders in den bildenden Künsten, heißt es. Und wenn man ihnen auch in der Zeit der Israels, Antokolskis und ihresgleichen hervorragende Leistungen auf diesem Gebiete nicht absprechen kann, so sagt man, sie seien eben Nachahmer und haben die Nachahmung auch erst in neuerer Zeit begonnen. Dem gegenüber ist es von großer Bedeutung, wenn man von der Existenz eines hervorragenden jüdischen Künstlers aus dem fünfzehnten Jahrhundert genaue Kenntnis gewinnt, eines Künstlers, dessen Meisterwerke noch jetzt zu den wertvollsten Stücken mancher Museen gehören. Wir müssen freilich gleich bekennen, daß er nicht als Jude gestorben ist. Er ist, „der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe", der Religion seiner Väter nicht treu geblieben. Da er aber sckon vor seinem Uebertritt zum Christentum ein

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