Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 246 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 15 cBtc nur von der „Gänslerei" seiner Frau, die ihn sehr kurz hielt, — die Frau, nicht die Gänslcrei. — Sie setzte ihn zum Federschleißen und da saß er stundenlang — wie einst der von den Philistern gesesselte Simson an der Handmühle, und wehe dem Armen, wenn er — hustete. Sein Fläschchen füllte sich jetzt nur dann, wenn Jemand am Jahrzeittage oder aus der Fremde zum Gräberbesuch kam und von ihm sich auf den Friedhof begleiten ließ. Noch Einer kam, den ich bis dahin nicht gekannt hatte. Es war ein „Schnorrer", ein verwahrloster, in Lumpen gekleideter Mensch, eine wahrhafte Bassermann-Gestalt, und dieser stellte sich mir — a l s Vater vor! Verblüfft schaute ich ihn an, ich hielt ihn für verrückt; aber die Mutter beeilte sich, mir den Sachverhalt auszuklären, indem sie die volle Berechtigung seiner Ansprüche auf mich anerkannte!! „Als einjähriges Kind warst Du einmal sehr gefährlich krank und wir waren in Verzweiflung. Du warst unser einziges Kind und der Arzt hatte Dich aufgegeben. Wir haben Thillim ') sagen, aus den Gräbern der Frommen für Dich beten lassen — alles umsonst. Da riet man mir, wir mögen Dich an einen armen Menschen verkaufen. Wir schickten in die „S chlafstatt" um einen Schnorrer und da hat dieser Dich für einen Gulden uns abgekauft! Denn man sagte uns: „Vielleicht ist es vom lieben Gott Euch nicht „auferlegt", daß Ihr ein Kind haben sollt, und wenn der „Maloch hamowes“ ') kommt und will das Kind von Moriz Schnitzer holen, so findet er das Kind von Garsche Orach, (Bettler) — unter einem anderen Namen kannte man ihn nicht — und das muß er in Ruh' lassen". „Nachdem das Mittel sich bewährte", fuhr die Mutter fort, „und Du nach zwei Tagen gesund geworden bist, bekam der Mann den Kaufpreis als Geschenk doppelt zurück, denn vorsichtshalber blieb der Kauf in Kraft ..." Die Mutter gab dem Schnorrer seine Gabe und er ging. So hatte die Adoption, die der Vater zwölf Jahre später für mich in Aussicht genommen hatte, sich eigentlich in meiner Kindheit schon an mir vollzogen; nur war es nicht der Leipniker Rabbiner, sondern Garsche Orach gewesen. Er kam in der Regel nur in Zwischenräumen von zwei bis drei Jahren nach Hunsdorf, wenn ihn eben sein Weg auf der „Reise um die Welt" dahin führte. Am Sabbath ging ich natürlich in den Tempel und da „kaufte" mir einer meiner Onkel „M a f t i r" (die Berechtigung, nach Vorlesen des Wochcnabschnittes das zugehörige Kapitel aus den Propheten vortragen zu dürfen). Ich wurde „h o ch" (besonders laut) aufgerufen, was nur bei besonderen Anlässen, bei einem Bräutigam, einem Konfirmanden und einem aus der Jeschiwa heimgekommenen Bachur geschah. Aber ich fand mit meinem Maftir-Vortrage ungeteiltes Mißfallen. So sehr ich auch jedes einzelne Tonzeichen zur vollen Geltung brachte, und so zierlich ich auch das „Schalseheletr* * 3) trillerte und den „sukefgodanl“3) hinausschmetterte, meine deutschländische Aussprache des Hebräischen wurde einfach ausgelacht. Trotzdem Hürde von aller Welt Mittags „geschickt": V chvv e d dem O r a ch?) Der jüdische Wohltätigkeitssinn bezeichnet den wandernden Bettler mit demselben Worte, mit dem man den G ast nennt: Orach. Denn auch der Bettler soll ein Gast an unserem Tische sein. Und so galt die schöne Sitte, in der Khille einen Gast dadrwch zu ehren, daß man zu Mittag „schickt". Man schickte: eine Apfelsine, eine Zitrone, 3 bis 4 Eier mit einer Serviette zugedeckt, auch wohl Zuckerküchel mit einer Flasche Wein, und die Mutter ließ sagen: Man möge „zusprechen". Und in der Tat kamen Nachmittags zu Gaste alle, die geschickt hatten. Das war eine schöne altjüdische Sitte, welche von dem rnnigen Zusammenleben der von der Außenwelt abgeschlossenen Juden Zeugnis gab, wo jeder Einzelne durch irgend ein Liebes¬ ') Psalmen. z) Todesengel. 3) Name von Tonzeichen. ') Zu Ehren des Gastes. zeichen, und wäre es auch noch so unbedeutend, bekundete, daß er Freud und Leid des Nächsten mitfühle und innigen Anteil darall nehme. Der feierliche Sabbath war vorüber und es kam die graue Alltagszeit. Ich sah den Vater bei seiner schweren Arbeit, die Mutter bei ihren Plackereien. Meine Ferien näherten sich ihrem Ende und ich sollte bald die Rückreise nach Nikolsburg antreten, um meine Gymnasialstudien fortzusetzen. Da sagte ich zum Vater: „So wie bisher kann es weiter nicht gehen. Oeffentlich studieren und dabei mit Erfolg Talmild lernen — das kann ich nicht. Um vom Schulgeld befreit zu sein, lnuß ich ein Vorzugsschüler sein, außerdem muß ich, um mich zu erhalten, Privatunterricht erteilen, weil ich Euere Unterstützung llicht annehme. Das Talmudstudium aber fordert viel Zeit, lvelin man es zu etwas bringen will. Bachur oder Student — das i st die Frage, beides zugleich ist ausgeschlossen. Der Vater stellte mir die Wahl anheim; die Mutter aber schüttelte mißbilligend den Kopf: „Habe ich doch stets zu Gott gebetet, daß er mich erleben lasse, Dich „d a r s ch e n e n"') zu hören." Um die Wahrheit zu gestehen, zog es mich zum Gymnasium hin. Da hatte ich eine sichere Zukunft vor mir, der Weg zu einer angesehenen Lebensstellung war der gerade und die Laufbahn des Arztes oder Anlvaltes schien mir verheißungsvoller und fteundlicher. Ein Bachur hat wohl noch nie das Lied angestimmt: Gaudeamus igitur. juvenes dum sumus (Freuen wir uns, so lange wir jung sind), für ihn gilt das Wort der Schrift: „Es ist gut für den Mann, wenn er das Joch schon in der Jugend trägt." Dieser Satz hat in den Klageliedern Jeremias seinen richtigen Platz gefunden. Schon wollte ich, dem Zuge meines Herzens folgend, die Entscheidung treffen. Da trat die Gestalt des Großvaters mir vor die Seele, wie er, in den Sterbekleidern gehüllt, am Vorabende des Join Kippur an mein Krankenbett getreten war und mir das Gelöbnis abgenommen hatte, daß ich nie aufhören werde, Talmud zu lernen. Das entschied über meine ganze Zukunft. Es war nun die wichtige Frage: Wohin? Welche ungarische Talmudschule sollte ich wählen? Der Vater meinte, ich möge nach Balassa-Gyarmat gehen, zu dessen Rabbiner er, wenn auch nur entfernt, in verwandtschaftlicher Beziehung gestanden. Doch ein Zufall vereitelte den Plan. Der Wagen, der allzweiwöchentlich den Verkehr zwischen der Zips und der ungarischen Hauptstadt vermittelte, war überfüllt und dieser Zufall war ein Glück für mich; denn wie ich nachträglich erfuhr, herrschte in Balassa-Gyarmat ein zelotischer, wissensfeindlicher Geist, und ich wäre mit meinen freieren Anschauungen und dem Streben, den Kreis meines weltlichen Wissens zu erweitern, ganz gewiß ausgewiesen oder aus Selbsterhaltungstrieb — ein Heuchler geworden. Inzwischen hörten wir, daß nach Gyöngyör, einer größer» Stadt im Heveser Komitate, ein neuer Rabbiner gekommen war, Rabbi L a z a r Fürst, dessen Ruf als scharfsinniger Talmudist und toleranter Mann sogar bis in unsere entlegene Gegend gedrungen, was bei dem Mangel eines jüdischkonfessionellen Blattes in Ungarn nichts Geringes war. Anfangs der Fünfziger-Jahre gab es meines Wissens außer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" von Philippson überhaupt keine jüdische Zeitschrift, und gegen diese hatte Hunsdorf einen Kordon gezogen. Ich sollte also nach Gyöngyör. Die Metamorphose von dem Studenten zum Bachur vollzog sich gar rasch. Meinen etwas burschikosen Studentenhut tauschte ich für einen recht breitkrämpigen ein, in welchem ich alle meine Papiere sicher plazierte, denn er war mir viel zu weit — umso besser, um so „bucherischer" sah ich aus. Aus Vaters Mantel, der viel Aehnliches mit dem des seligen Diogenes hatte, machte der „barmherzige Schneider" — warum er so hieß, konnte ich nie ') predigen.