Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021561--13466-3038119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
leite 202 Dr. Wwcb's ‘töHocbenscbritt. Nr. 13 Streitmann zu feiern. Man schrie vor Entzücken, klatschte mit ausgehobenen Händen und stampfte mit den mißratenen Füßen wie rasend. Die wenigen Christen und Girier waren über dieses ansdringliche Benehmen der Unartenlosen ans das Tiest'te empört. Eine Gemeinheit jedoch war es — und eine solche sollte energisch schon im Keime erstickt werden — daß bei den im höchsten Grade zufriedenstellenden Darbietungen der arischen Kräfte sich nicht nur keine Judenhand zur Beifallskundgebung gerührt hatte, sondern daß sogar einige besonders unartenlose Judenbuben sich erfrechten, die Christen — niederzuzischen! Es fanden sich jedoch einige Herren und Damen, die schließlich statt dem alternden Tenoristen Streitmann zuzujubeln, laut und kräftig in die Ruse: „Heil Meister, Heil" ausbrachen, was die Juden ruhig, ohne sich zu muksen, aber sehr gedestet über sich ergehen ließen. Das geht denn doch schon zu weit, daß man den christlichen Theaterbesuchern förmlich vorzuschreiben wagt, der Jude oder die Jüdin müsse verhimmelt, christliche Künstler jedoch -— niedergezischt werden. Das könnte einem der Plattsüßler doch vielleicht einmal unangenehm werden. Von den Daiftellern müssen besonders lobend erwähnt werden die Damen Psautcr, Seidel und Saccur, ferner der Liebling des Publikums, der treffliche Tenorist Meister, und Herr Minnich." Wir haben kein Wort ausgelassen und keines dazngesetzt. Der Leser soll in natura und in Lebensgröße sehen, was antisemitische Kunstkritik ist. Es wird eine Wohltätig!'eit svorstellung abgehalten, an einem christlichen Feiertage, in einem Vorstadt-Theater, aus der Wieden, die nicht wie die Leopoldstadt m dem Ruse steht, verjudet zu sein. Und trotz alledem nimmt dieser Aesthetiker ohneweiters und ohne sich im mindesten zu besinnen, an, daß das ganze Haus voll Juden sei. Warum? Gibt es denn gar keine Christen, die auch ihr Scherslein zu einem wohltätigen Zwecke beisteuern möchten? Wollen sich die Christen an einem Sonntagnachmittage nicht auch ganz gerne unterhalten? Gibt es aus der Wieden und in den anderen Bezirken gar keine Christen mehr? Warum sollen denn nur die Juden scharenweise erschienen sein? Das Alles glaubt der feinfühlige Aesthetiker selber nicht. Er braucht nur einen Borwand, die Juden zu schmähen. Er sucht ihn und er findet ihn, und ihm ist geholfen. Nun darf er des Beifalles seines Auftraggebers und seines Publikums sicher sein. Er kann hohlköpfig und talentlos sein wie er will, sofern er nur aus die Juden schimpft, wird ihm Alles vergeben. Er weiß nichts zu sagen über Johann Strauß' seine Tonkunst, nichts über die Aufführung, in drei vier Zeilen werden einige bevorzugte Namen hervorgehoben — der Rest ist Schmähung des Publikums. Aus Alles achtet er, nur nicht daraus, woraus er als Kritiker achten sollte, er sieht sogar die mißratenen Füße unter den Bänken. Ja, wenn jeder so schöne Füße haben könnte, wie Herr Vergani, oder seine ganze zaubergewaltige Erscheinung! Whig. Oolurubus — der Sohn einer Jüdin? Während sich im Altertum nur sieben Städte um die Ehre stritten, Homer s Geburtsort zu sein, sind es deren über ein Dutzend, die beanspruchen, die Geburts- oder Vaterstadt des Entdeckers der neuen Welt zu sein. Ueber seine Religion herrscht keine Meinungsverschiedenheit, da er sich stets als frommer und eifriger Katholik benommen und geäußert hat. In neuerer Zeit hat freilich in der Beurteilung großer Männer neben der Religion, ja mitunter mehr als diese, die Raffe oder Nationalität Wichtigkeit erlangt; aber auch in dieser Beziehung konnte über Cvlumbus nicht viel gestritten werden; Ob Italiener, Spanier oder gar Franzose — er gehörte jedenfalls der „lateinischen Rasse" an, obwohl man nicht mehr angeben konnte, ob und wieviel iberische oder ligurische Blutkörperchen neben den römischen in seinen Adern Herumliesen. Nun ist aber in neuester Zeit für eine andere Rasse aus die Zugehörigkeit des großen Entdeckers Anspruch erhoben worden, und da eine spanische wissenschaftliche Zeitschrift, das Boletin de la Seal Academia de la Historia, den Anspruch ziemlich ernsthaft behandelt und die betreffende Abhandlung eine ernste und vorsichtige nennt, so dürfen auch wir davon Notiz nehmen. Es ist Don Vieente P a r e d e s, der in der B-evista de Estremadura vom Februar v. I. den Nachweis zu führen unternimmt, daß Cvlumbus der Sohn einer getauften Jüdin, der Enkel eines gelehrten und vornehmen Juden war. Einer in jeder Beziehung sehr alten und vornehmen Familie würde auch der Entdecker angehören, wenn der Beweis geführt werden könnte, daß er ein Sprößling dieser Familie war und daß ihr Stammbaum echt ist. Ganz verläßlich ist nur Folgendes, was Amador de los Rios in seinen Estudios historicos politicos y literarios sohre les Jndios de Espana (Madrid 1848) mitteilt: Im Jahre 1390 trat der sehr gelehrte, geistig reich begabte, um 1350 in Burgos geborene Jude Selomo Halevi mit seinen Kindern zum Christentum über und nahm den Namen Pablo de Santa Maria an. Er und seine Söhne waren Gelehrte, Historiker, Theologen und Dichter; ihre Werke wurden ihrerzeit sehr geschätzt, so daß Ticknor ihnen einen gebührenden Platz in seiner Geschichte der spanischen Literatur einräumte. Ungefähr dasselbe läßt sich auch von Pablo's ebenfalls zum Christentum übertretenen Bruder Alvar Gareia sagen. Alle Glieder der Familie waren aber auch in weltlichen und kirchlichen Geschäften geschickt und brauchbar, genossen königliche Gunst nnd gelangten zu hohen Aemtern und Ehren: Don Pablo, der in Paris das Doktorat der Theologie erwarb, ward Bischof von Carthagena und dann von Burgos, und Conciller mayor von Castilien und Leon. Nach seinem 1432 st erfolgten Tode ward sein 1385 geborener Sohn Alonso Bischof von Burgos, dann spanischer Gesandter in Portugal und beim Konzil von Basel. Der ältere Sohn, Gonzalo (geb. 1379) ward Bischof von Plaseneia (in Estremadura), Staatsrat, spanischer Gesandter beim Papst und nahm teil an den Kirchenversammlungen von Konstanz und Basel. Dem Bruder Pablo's Don Alvar Gareia verlieh König Johann Ü. von Castilien den Adel und manche hohe Aemter. Er ist im Jahre 1460 gestorben. Von Don Pedro, dem dritten 1387 geborenen Sohn Pablo's, sagen Graeia Dei, Wappenkönig der „katholischen Könige" Ferdinand und Jsabella und ein spanischer Chronist (bei Gayangos a. a. O. I 554) er sei ein sehr tapferer Ritter gewesen, habe sich in Schlachten und Turnieren ausgezeichnet und die Festung Lara erobert. Er sei zweimal mit Frauen aus vornehmen Familien verheiratet gewesen und seine Kinder hätten in die vornehmsten Familien hineingeheiratet. „Aber was noch mehr ist", sagt der Wappenkönig, „er gehört dem hohen Geschlecht unserer lieben Frau an und führt daher als Wappen eine weiße Lilie im roten Felde." Diese merkwürdige Verwandtschaft bildet den Ausgangspunkt von Paredes' Forschungen und damit soll es sich folgendermaßen verhalten: Cvlumbus pflegte seine Dokumente mit der geheimnisvollen Chiffre sas zu versehen und hat in seinem Testamente dem Sohne Diego und allen Nachkommen besohlen, sie sortzusühren. Auch einige vor kurzem ausgefundene und von der von Cvlumbus abstammenden Herzogin von Alba publizierte Autographen ihres Ahnen st waren in einer Enveloppe aus Pergament eingeschlossen und mit dieser geheimnisvollen Chiffre bezeichnet. Eine befriedigende Erklärung derselben ist bis jetzt nicht gesunden worden. Nach der Annahme von Paredes sollen sie sich aus die Abstammung der Familie Santa Maria und — des Cvlumbus vom „Stamme Levi" zu dem diese getaufte Familie gehörte, und von Elisabeth, einer Schwester') der Jungfrau Maria beziehen. ') Nach Gayangos' Zusätzen zu Ticknor's Literaturgeschichte erst 1435. ') Nuevos autografos de Cristobal Golöu y relaciones de Ultramar. Los publica la Duquesa de Berwick y de Alba Madrid 1902. ') Soll vielleicht, nach Lucas I, 36, die Mutter des Täufers gemeint sein, die ja vom Priesterstamme gewesen sein soll?