Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 170 Dr. Blocb’s Mocbenscbrift. Nr. 11 mannstellvcrtretcr, Herr J.U.C. Alfons Pollak, in Vertretung des Obmannes den Rechenschaftsbericht, aus welchem hervorgeht, daß der Verein auch im vergangenen Jahre in vollem Maße feinen Zweck erfüllte. Infolge opferwilliger Unterstützung durch zahlreiche Förderer und Gönner wurde es dem Vorstande ermöglicht, an mittellose israelitische Studenten den namhaften Betrag von K 8235 als unverzinsliche Darlehen zu gewähren. Der Referent gedachte der großen Verdienste des Herrn Friedrich Freund in Wien, die sich dieser Philanthrop um den Verein erworben, und dankte mit herzlichen Worten den wackeren Damen und Herren des Komitees, das im Jänner laufenden Jahres einen Wohltätigkeitsabcnd zu Gunsten des Vereines veranstaltete und demselben den ansehnlichen Reinertrag von nahezu X 1100 zuführte, sowie allen sonstigen Gönnern des Vereines, ebenso den verehrlichen deutschen Tagesblättern Prags „Prager Tagblatt" und „Bohemia", der „Oesterreichischen Wochenschrift" in Wien und der „Revue" in Horowitz für den kostenlosen Abdruck aller den Verein betreffenden Nachrichten. Der hierauf vom Kassier Herrn J.U.C. Emanucl Kohn erstattete Kassa- und Darlehensbericht und endlich der Revisionshericht des Herrn J.U.Dr. Gustav Schneider wurden von der Versammlung einhellig genehmigt. Nach Vornahme der Wahlen und Dankesworten des Vorsitzenden an den abtretenden Ausschuß tvurde die Versammlung geschloffen. Der neugewählte Ausschuß hat sich solgcndcrniaßen konstituiert: M.U.Dr. Josef Nowak, Obmann; M.U.C. Edwin Kohn, J.U.C. Emanuel Kohn, Obmann-Stellvertreter; J.U.C. Paul Kohner, Darlehensverwalter; J.U.C. Arthur Edgar Mohr, Kassier; J.U.C. Max Wcißenstein, Jur. Ernst Sittig, Schriftführer; J.U.C. Max Perutz, Med. Erwin Klausner, Med. Rudolf Polatschek, Ersatzmänner. Das Vereinslokal befindet sich vom 1. März an: Prag, II., Studentenheim, Zimmer Nr. 6. Rabbinerverband in Böhmen. — Generalversammlung. Am 15. und 16. Februar d. I. fand in Prag die ordentliche Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Böhmen statt. Den Vorsitz führte der Präsident des Verbandes Herr Dr. Kurrein—Teplitz. Nach Erstattung des ausführlichen Tätigkeitsberichtes durch den Präsidenten und des Kaffaberichtes durch den Kassier Dr. Schornstein—Leitmeritz beginnt die stattliche Reihe der Referate: 1. Dr. Stern—Saaz, referiert über die Notwendigkeit und über die Grundzüge der geplanten Statutenänderung. Die Generalversammlung.stimmt im Prinzip den Anträgen des Referenten mit geringen Modifikationen zu und beauftragt den Ausschuß mit der detaillierten Ausarbeitung und Vorlage des neuen Statuts an die nächste Generalversammlung. 2. Herr Dr. Biach-Brüx,. referiert sodann über „Verwendung übersetzter Gebetbücher und Bibeln beim Religionsunterricht"; das Referat ruft einen lebhaften und anregenden Gedankenaustausch hervor, und es wird seine Zuweisung an den Ausschuß und nochmalige Beratung in der nächsten Generalversammlung beschlossen. Aus den hierauf vorgenommenen Neuwahlen gingen als gewählt hervor die Herren: Dr. Kurrein—Teplitz (Präsident), Dr. Stern—Saaz (1. Vize- Präsident), Dr. Kisch—Prag (2. Vizepräsident), Dr. Schornstein— Leitmeritz (Kassier), Dr. Biach—Brüx (Schriftführer), Doktor Posnansky—Pilsen und Dr. Hofmann—Reichenberg als Beisitzer. In Fortsetzung der Referate referiert 3. Herr Dr. Kurrein— Teplitz über „Abhaltung religiöser Konzerte zu religiösen und humanitären Zwecken im Tempel". Der Referent verliest zunächst die eingeholten Gutachten über diese Frage, welche fast ausnahmslos negativ lauten; der Referent teilt diese ablehnende Anschauung und motiviert sie in ausführlicher Weise. Der Bericht wurde schließlich genehmigend zur Kenntnis genommen. Es folgt sodann 4. Bericht des Herrn Posnansky— Pilsen über die Tätigkeit des „Vereines zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Auf Grund dieses beifällig aufgenommenen Berichtes tritt der Verband über Antrag des Herrn Dr. Schornstein—Leitmeritz dem Verein als Mitglied bei; auch die Mehrzahl der Anwesenden erklärt ihren Beitritt. 5. Doktor Schornstein—Leitmeritz macht Mitteilungen über den Stand der Frage der Alters- und Reliktcnversorgung; da der bisherige Referent Dr. Neumark—Rakonitz infolge einer Berufung nach Berlin aus dem Verband ausgeschieden ist, erklärt sich Doktor Schornstein bereit, dieses Referat zu übernehmen, und verspricht, alle Kräfte einzusetzen, um — wenn möglich — diese Frage einer gedeihlichen Lösung zuzuführen. Die Generalversammlung beschließt im Sinne des Referenten-Antrages und bewilligt die für die Vorarbeiten nötigen Mittel. 5. Das eingehend motivierte Referat des Herrn Dr. Stern—Saaz über „Herausgabe einer zeitgemäßen Uebersetzung der Festgebete" wird dem Ausschuß nach längerer Debatte zur eingehenden Beratung und Antragstellung zugewiesen. Beim letzten Punkt der Tagesordnung „Freie Anträge" stellt Herr Dr. Reach—Raudnitz einen ausführlich motivierten Antrag auf Schaffung einer Gesamtorganisation aller Religionsdiener; der Antrag wird mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit gleichfalls an den Ausschuß verwiesen. Dr. Hofmann—Reichenberg beantragt die moralische und materielle Unterstützung des galizischen Hilfsvereins; Doktor Schornstein befürwortet diesen Antrag und beantragt im Besondern, daß der Verband seine Mitglieder vom Galizischen Hilfsverein als Wanderredner innerhalb ihrer Bezirke zur Verfügung stelle. (Angenommen.) Nachdem Herr Dr. Posnansky— Pilsen dem Präsidium und dem Ausschuß mit warmen Worten gedankt hat, schließt der Vorsitzende mit Worten des Dankes für die unermüdliche Ausdauer der Mitglieder die Versammlung. Lemberg Nachdem die galizische Statthalterei den Statutenentwurf des jüdischen Vereines zur Bekämpfung des Mädchenhandels genehmigte, hat am 13. Februar die konstituierende Generalversammlung desselben stattgefunden. Nach einer mitunter lebhaften Diskussion über Weg und Ziel der Vereinstätigkeit wurde zu den Ausschußwahlen geschritten, wobei Gemeindepräses Abg. Dr. Byk zum Vorsitzenden, Rabbiner Dr. Caro und Dr. Munk zu dessen Stellvertretern, Dr. Abraham Korkis und Religionslehrer Ballaban zu Schriftführern, James Landau zum Kassier, die Herren Samuel v. Horowitz, Emil v. Mises u. A. in den Ausschuß gewählt wurden. Gelegentlich der tagsdarauf stattgehabten Ausschußsitzung wurden die Referate an die einzelnen Mitglieder verteilt. Das Ritualmordmärchen in Italien. In Italien pariert man die infamen, tückischen Praktiken der antisemitischen Propaganda anders wie bei uns. Dort sieht man der mit Konsequenz betriebenen geistigen Brunnenvcrgiftung nicht so ruhig zu, und die Repräsentanz der Bevölkerung selbst, das Abgeordnetenhaus, ist es, welche den Ruf des Landes als eines Kulturstaates nicht durch antisemitische Beutemacher gefährden läßt. Das geistliche Institut Seghetti zu Krena hatte im Karneval eine Komödie aufgeführt, welche „Die falsche Bettlerin" hieß und einen Herrn Garagliano zum Verfasser hatte. In dieser Komödie wird dargestellt, wie Juden ein Christenmädchen anlocken und an ihm einen veritablen Ritualmord begehen. Ueber diese dramatische Ausführung nun interpellierte in der Kammersitzung vom 3. März ein Abgeordneter den Unterstaatssekretär, der folgende Aufklärung über die Haltung gab, die das verantwortliche Ministerium gegenüber dieser schändlichen, von klerikaler Seite geleiteten Agitation zur Volksverdummung und Volksverrohung einleitete. Darnach hat das Ministerium dem geistlichen Institut für alle Zeit die Unterrichtts- Konzession entzogen, es hat die Anstalt gesperrt und den Direktor derselben, sowie den Autor der „Falschen Bettlerin" wegen Aufreizung zum Hasse dem Landgericht eingeliefert! Das klingt uns an österreichische Verhältnisse Gewöhnte ganz märchenhaft. Wir erinnern uns an eine Debatte im Parlament über den Ritualmord. Da stand ein Herr, Namens Pattai, auf, ein akademisch gebildeter Mann, der den Doktortitel trägt, überdies auch noch einen goldgeränderten Zwicker und einen österreichischen Kavaliersbart. Der Mann ist Besitzer vieler öffentlicher Würden, Hof- und Gerichtsadvokat, man erzählt sogar, daß ihm in Tagen hochgespannten Ehrgeizes ein Ministerportefeuille nicht unerreichbar erscheint. Er zeichnet sich überdies durch eine besondere Gewogenheit für Kunst und Wissenschaft aus, gibt, gebeten oder ungebeten,