Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. JSlocb’s Mocbenscbrm. Leite 163 sowie mit Web- und Druckwaagen. Daher kommt es, das; endlich auch die Behörden mit diesen Verhältnissen zu rechnen anfallgell mußten. Vorgänge im Auslande, trugen dazu bei, die Situation zu verschärfen. Die Schauerszenen zu Damaskus (1840) hatten die österreichische Regierung veranlaßt, sich bei Mehemed Ali zu Gunsten der verfolgten Juden zu verwenden. Die erfolgreichen Bemühungen Montefiore's und Cremieux' gaben der Wiener Jndenschaft Anlaß, bei einem den: heimkehrenden Cremieux feiernden Festmahle die Solidarität der Emanzipationsbestrebungen öffentlich zu besprechen. Diese Bestrebungen, in Deutschland und in Ungarn durch Druckschriften, Vereiuslätigkeit und Parlamentsreden gefördert, fanden vielfachen Wiederhall. Ganz besonders waren damals zwei Namen in Aller Mmid: Gabriel Rießer und Baron Joses Eötvös, dessen Broschüre „Die Emanzipation der Juden" als Botschaft einer neuen Zeit in alle Sprachen übersetzt worden ist. Von dem Eindrücke, welche diese Denkschrift in beit Gemütern zurückließ, kann sich die nüchterne Generation von heute keine Vorstellung machen. Bescheiden und vorsichtig, versuchte die Wiener Judenschast die günstigere Strömung zu benützen. Vor Allem strebte Mannheimer, Ordnung in Gemeindesachen zu schassen und daraufhin ein niehr gesichertes Verhältnis den Behörden gegenüber zu erlangen. So führte er aus eigenem Antriebe sofort nach seiner Bestellung eine regelmäßige Matrikelsührung ein, was behördlich zuerst anerkannt, später (1887) sanktioniert wurde. Sodann blieb er bemüht, den schmachvollen Judeneid, der bei den Gerichten in Uebung stand, zu beseitigen, was ihm jedoch erst nach zehnjährigen Anstrengungen gelang. Auch betreffs der polizeilichen Kontrolle und nach anderen Richtungen etltwickelten die Vertreter eine zeitweilig erfolgreiche Tätigkeit, die sich in den begeisternden Predigten Mannheimers und betreffs Sulzer's dadurch äußerte, daß es denk Wiener Konservatorium gestattet wurde, Sulzer zum Professor des Männergesanges zu ernennen. Auch der Wohltätigkeitspslege wurde erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet, indem Jos. Wertheim bahnbrechend eine jüdische Kinderbewahranstalt und einen jüdischen Handwerkerverein begründete. Mehr und mehr erschien der polizeiliche Druck unerträglich, so daß die Umwälzung von 1848 als eine wahre Erlösung anzusehen war. Natürlich nahmen die jüdischen Einwohner Wiens hervorragenden Anteil an den Ereignissen, und auch Sulzer konnte es sich nicht versagen, persönlich und energisch sich zu betätigen. So kam es, daß er am 14. Mürz am Aufmarsch der Studenten sich beteiligte; am Michaelerplatz, gegenüber den vorder Burg, postierten schußsertigen Kanonen, hielt er eine zündende Ansprache: er verlasse Weib und Kinder, um an der Befreiung aus dem Polizeisystem mitzuwirken. Auch bei den nachmaligen Bewegungen, selbst bei der Oktoberrevolution fand man Sulzer lebhaft beteiligt. Es ist bezeichnend für die Achtung, welche er sich als Künstler, wie als Gemeindefunktionär erworben hatte, daß er auch während des Belagerungszustandes weder seitens der Kriegsbehörde noch der Polizei jemals behelligt worden ist. Von den späteren Lebenstagen Sulzer's ist noch zu berichten, daß ihm die Anerkennung des Knltnsvorstandes und die dankbare Bewunderung aller Glaubensgenossen bis an sein Ende gewahrt blieb. Sulzer's Name ward über den ganzen Erdenrund bekannt und mit der Reform des jüdischen Gottesdienstes identifiziert. Hatte Mannheimer das Verdienst der Initiative, so war es den Sulzer'schen Gesängen zuzuschreiben, daß sich die jüdischen Beter der neuen geläuterten Form empfänglich zeigten. Es nicht zu verkennen, daß sich auch bei den Orthodoxen, welche die Mannheimer'sche Kürzung der Gebete ablehnten, die Sulzer'schen Melodien — oft den Singenden unbewußt — einschlichen. Was sie für uralte Weisen hielten, waren nicht selten Sutzer'sche Melodien. Die Wiener Kultusgemeinde verabsäumte keinen Anlaß, um Sulzer ihre Verehrung auszudrücken. Als er im Jahre 1866 sein 40jähriges Amtsjubiläum feierte, wurde ihm neben anderen Ovationen ein Schreiben des Knltusvorü.iuoes zuteil, tu welchem derselve aus den Nachruhm verwies, den Sulzer sich durch die Absassnng des Schir Zion gesichert habe. Zum 70. Geburtstage (1874) wurde eine Adresse an ihn gerichtet, welche mit den Worten schließt: „Wie fernerhin auch der Rnlnn Jbrer Zionsgesänge, selbst bis jenseits des Ozeans, widerhallt, nirgends schlagen Ihnen die Herzen so warm, io begeistert entgegen wie hier, wo Geschlecht um Geschlecht sich der unmittelbaren elementaren Kraft und Schönheit Ihrer Kunst erfreuen durste." Wahrhaft zutreffend heißt es in einer Zuschrift des Kultus Vorstandes zu Sulzer's üOjähriger Amtsfeier: „Und doppelt haben Sie sich eingebürgert im Gedächtnis, nicht allein unserer Gemeinde: Sie haben die vom Mvrgenlande her schon fast verhallenden Melodien in Ihrem Gemüre aun genommen und den setzt lebenden Oiesang der Shnagoge geschaffen und so neben dem Ruhme des Psalmensängers auch den des schöpferischen Künstlers erworben." Die Großkommune Wien, welche Sulzer ihr Bürgerrecht mit einem ehrenden Schreiben verlieb, betonte außer seinen künstlerischen und konfessionellen Verdiensten ganz besonders, „daß Sulzer in uneigennütziger Weise eine große Zahl armer Schülerin der Oiesangsknnsl unterrichtet hat, die durch ihre Leistungen die ehrenvolle Atterkennung des Meisters im In- und Anslande vermehrten." Am 2. April 1881 schied Sulzer aus dem Anne, am 17. Jänner 1890 aus dem irdischen Leben. Ihm war der höchste Erfolg irdischem Strebens beschieden: er fand Wohlgefallen an seinem Lebenswerk und sah, daß die überwiegende Zahl seiner Glaubensgenossen dieses Wohlgefallen teilte. An solche erhebende Erinnerungen ist jedoch eine ernste Mahnung zu knüpfen. Es kann nicht übersehen werden, daß Sulzer's Werk seither in seinen Fundamenten bedroht ward. In sehr vielen Gemeinden und unter mannigfachen Vorwänden werden die Sulzer'schen Melodien außer Hebung gesetzt, um neuen, meist minderwertigen Musikstücken Raum zu schassen. Diese Tendenz, welche sich überaus breit macht, ist durch die Eitelkeit und' Urteilslosigkeit vieler Vorbeter, durch ihre mangelnde Kenntnis der Geschichte unseres Shnagogengesatlges, dann auch dadurch herbeigesührt, daß die Gemeindevorsteher sich zu wenig um eine sachgemäße Durchführung der gottesdienstlichen Uebnngen kümmern. DaS derzeitige Kantoren-Oieschlecht kennt nicht die befruchtenden Ouellen, ans denen Sulzer seine Melodien geschöpft hat, und der alte Synagogengesang, in welchem die von Sulzer harmonisierte Musik verborgen lag, ist den heutigen Sängern und Komponisten fremd. Sie treten an daS Werk ohne Weihe, häufig ohne Eignung, fast immer ohne Kenntnis des Ursprungs und der Entwicklung des Svnagogengesanges — sie sind derjenigen Sphäre fremd, in welcher sie schassen mib wirken wollen. Infolge dessen sind die Nachsulzer'scheu Synagogenmelodien zumeist verblaßte Plagiate ans kirchlichen Kompositionen oder aus Musikwerken, die mir dem Geiste des jüdischen Oiebeces in keinem organischen Zusammenhang stehen. Dazu kommt noch daS Streben, die häufig mangelnde Sangesbefähigung durch Instrumentalmusik zu decken. Daß die Orgel für den jüdischeil Gottesdienst nicht passe, weder ideell noch musikalisch, hat kein Geringerer als Meyerbcer erklärt. Die Orgel ist ein Instrument des christlichen Mittelalters. Sie zum jüdischen Oiottesdienste heranzuziehen, ist rituell wohl zulässig, allein ideell ein Widerspruch in sich. Die Orgel hat erklungen, wenn die zum Feuertode verdammten Juden eine Kirchemür passierten, wenn die gleich Schafen in die Kirche getriebenen Juden die Predigt erwarten mußten. Die Orgel ist das Instrument der katholischetl Liturgie; eine Messe kann nicht ohne Orgel gedacht werden, eine Orgel führt zur Idee der Messe. Darum paßt sie nicht für den jüdischen Gottesdienst. Sie paßt auch musikalisch nicht zu demselben, weil das Tempo des jüdischen Gesanges ein zu schnelles ist und weil die Tonart und der Takt der meisten liturgischen Stücke in so häufigem Wechsel