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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-11 · 11 (11.3.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 162 Dr. Blocb’s MocbenscbrtN. »tr. 11 Sulzer mußte sich mit einem Chor von 2 Männern und 8 bis 10 Knaben begnügen. Als er nach mehrfachem Wechsel in einem Tenoristen, Namens Kraus, einen tüchtigen Mitarbeiter gesichert glaubte, nahm die Oper denselben alsbald in Anspruch. Kraus hatte tagsvorhcr noch am Almemor gestanden und erzielte aut nächsten Abend als Sevcr in Bellini's „Norma" im Kärntnerthor-Theater den Beifall des damals sehr urteilsfähigen Publikums. Erst dessen Nachfolger, ein stimmbegabter, musikalisch gebildeter Tenorist, Herr Fischer, blieb dauernd an Sulzer's Seite. Als Bassist gewann man Herrn Fränkel, der ebenfalls größeren Ansprüchen genügte. Den Knabenchor wußte Sulzer aus herrlichen Stiinmen zusammcnzusetzen — viele tüchtige Sänger sind aus demselben hervorgegangen. Allein die Geduld, welche beim Musikunterricht unentbehrlich ist, fehlte Sulzer: auch unterließ er es, hinreichende Disziplin zu halten, so daß es jahrelang währte, bis das Zusammenwirken aller Kräfte die erwünschte Vollkommenheit aitswics. Vielleicht ist es aus diesen Umständen zu erklären, daß zeittveilig der Vorwurf erhoben tvurde, Sulzer dränge den Vortrag des Vorbetcrs zu viel hervor und vernachlässige den Chorgesang. So heißt es in einem Briese Mannheimer's: „Ich wünschte mehr Choralgesang, weniger figurierten Gesang." Auch seitens der Vertreter wurden ihm Vorwürfe nicht erspart; in einer Zuschrift derselben wurde er sogar gehosineistert: er möge „flüssiger" singen. Vielleicht hat auch Sulzer in seinen ersten Jahren der Ueberfülle seiner Kraft allzu freien Lauf gelassen. Allmälig trat die überschäumende Sangeslust in engere Schranken und wurde das Rezitativ, wie schon angedeutet, zu einer früher ungeahnten Bedeutung entwickelt. Tiefe Leistungen waren umso erstaunlicher, als Sulzer, bis dahin nicht in der Lage gewesen war, sich musik-theoretisch zubilden. Erst Wien, damals eine Musikstadt im besteti Sinne, bot ihm hiezu Gelegenheit. Die Kapellnieister Seyfried, Drechsler, Schubert, Würffel, Volkert, später Professor Josef Fischhof waren feine Lehrer und Freunde. Er zog sie neidlos zur Mitarbeiterschaft heran. Nur hiedurch ward es ihm möglich, dem Gottesdienst schon von Anfang an die noch heute üblichen, uns liebgewordenen Formen zu verleihen. Doch dauerte ^es nicht lange, bis Sulzer genug vorgeschritten war, um sich selbständig als Kompositeur zu betätigen. Schon in den nächsten Jahren entstanden die meisten Tonstückc, welche nachmals in seinem Sammelwerke: „Schir Zion" die Runde durch Europa und Amerika gemacht haben. Im Jahre 1839 schritt Sulzer an deren Veröffentlichung; eine zweite Auflage erschien im Jahre 1863. Der Beifall, den die Kompositionen fanden, war ein ungeteilter; lange Jahre blieben seine Melodien in allen Synagogen dominierend und fast ohne Konkurrenz. Erst in den Siebziger-Jahren begannen andere Borbeter ihre eigenen, meist unbedeutenden Tondichtungen an die Stelle der Sulzer'schen zu setzen oder diese zu variieren und zu verballhornen. In diesem letzteren liegt die größere Gefahr; es berührt peinlich, wenn man in den oft grotesken, meist unkünstlerischen Gesängen moderner Vorbeter eine Karrikatur Sulzcr'scher Compositionen erkennt. Aus vielen Gemeinden strömten Hörer nach Wien, die, durch Sulzers Vorträge begeistert, Alles aufboten, um in ihrer Heimat Achnlichcs zu erreichen. Dadurch wurde zugleich die wirksamste Propaganda für die Mannheimer'sche Reform des Gottesdienstes gemacht. Der Wiener „Minhag" bürgerte sich durch Sulzers Schir Zion in den meisten größeren Gemeinden ein. Aber von dem tiefgehendsten Einfluß waren Sulzer's und Mannheimer's Bestrebungen auf die eigene Gemeinde. In einem Briefe Mannheimer's an den Rabbiner von Kopenhagen ddo. Wien, 20. Juli 1829, heißt es unter Anderem: „Betrachten Sie mich als den in Wien auferstandenen Lehrer des göttlichen Wortes, der das Seine dazu bcigetragen hat, daß diese beinahe dem Judentum ganz abgestorbene Gemeinde wieder demselben ist gewonnen worden und als eine der tätigsten und eifrigsten im Dienste des Herrn steht ... Es ist mir gelungen, das Interesse der Gemeinde durch vier Jahre immer zu steigern .. . Ich erfreue mich eines Einflusses in meiner Gemeinde, den ich in meinen stolzesten Träumen mir nicht denken konnte." Und später (4. Juni 1830) schrieb Mannheimer an denselben: „Es können die blindesten Zeloten und die aufgeklärtesten Freidenker nicht leugnen, daß dem Judentum eine tüchtige Stütze in der hiesigen Gemeinde erwachsen sei." In einem bei Wolf (Geschichte der Kultusgemeinde pag. 50) zitierten an Mannheimer zur 'Feier seiner 30jährigen Wirksamkeit gerichteten Schreiben heißt es u. A.: „Vordem — wie Viele unter den Wenigen sind da nicht abtrünnig geworden — aber seitdem Ihr gewaltiges Wort unter uns erscholl, wie nur Wenige von den Vielen." Zum Schlüsse des l. Bandes des Schir Zion findet sich ein Verzeichnis jener Stücke, welche nicht von Sulzer, sondern von anderen Musikern herrühren. Dasselbe beweist Sulzer's redlichen Sinn; wie leicht hätte er die Verfasser verschweigen und sich mit fremden Kompositionen brüsten können! Niemand hätte das Plagiat entdeckt. Aber auch in anderer Hinsicht ist das Verzeichnis interessant. Eine Anzahl der darin enthaltenen Stücke wurde von Sulzer dem Tempelgesang für die Dauer einverleibt; zu diesen gehört insbesondere der prächtige Sabbathpsalm, welcher von Schubert herrührt, sodann eine Reihe voll Stücken, welche der heutigen Generation bereits als canonisch erscheinen. Der Löwenanteil hierbei entfällt auf Drechsler; auch die Kapellmeister Würfel und Volkert, dann Prof. Fischhof haben nicht unwesentlich beigetragen. Bedenkt man, daß diese Musiker der hebräischen Sprache nicht mächtig und mit dem Synagogengesang, sowie mit der Bedeutung der Liturgie nicht vertraut waren, so muß man voraussetzen, daß Sulzer es gewesen, der sie in diese Verhältnisse eingeweiht, ihnen das sprachliche, liturgische und wahrscheinlich auch das musikalische Material zu jenen Kompositionen geliefert habe. Mehreren derselben liegen alte Synagogenmelodien zu Grunde, welche vermutlich Sulzer seinen musikalischen Freunden vorgetragen hat, damit sie dieselben für den Chorgesang einrichten. Diese fremden Musikstücke nehmen übrigens nur einen kleinen Teil im Schir Zion ein, es sind zusammen 37 Stücke unter den 150, welche den ersten Band ausmachen. Von diesen 37 Stücken sind 18 dauernd im Bestand der Wiener liturgischen Musik geblieben. Die Dreißiger- und Vierziger-Jahre verstrichen, ohne daß sich die drückenden äußeren Verhältnisse merklich gebessert hätten. An die Juli-Revolution, dann an die Thronfolge des Kaisers Ferdinand hatten sich Hoffnungen geknüpft, die nicht in Erfüllung gingen. Besten Falles gelang es, durch indirekte Einflüsse auf die niederen Funktionäre eine, mildere Handhabung der Aufenthalts- Vorschriften zu erzielen. Jedoch hörten die Willkürlichkeiten, insbesondere die Bevormundung seitens des Judenamtes keineswegs aus. Die Vertreter mußten der Behörde über jede einzelne Ausgabe Rechnung legen, z. Bi über Stempelpapier im Betrage von 36 Kreuzer oder über ein Almosen von zwei Gulden. Unaufhörlich fanden Verhandlungen statt über die Zahl der Bediensteten in jedem Geschäftshause. Besonders drückend erschien die Bestimmung, daß die Witwe und die Kinder eines Tolerierten nach dessen Ableben sofort Wien verlassen sollten. In einem derartigen Falle soll Mannheimer beim Stellvertreter des Kaisers, Erzherzog Ludwig, Audienz genommen und diesem, der ihn auf die im Gnadenwege mehrmals erfolgten Ausnahmen verwies, geantwortet haben: Diese Ausnahmen werden als Gnade bezeichnet, bleiben aber doch nur Willkürakte". Da trotz aller Beschränkung die jüdische Einwohnerschaft und deren Wohlstand ansehnlich anwuchs, so hob sich auch deren ökonomische und soziale Bedeutung. Im Jahre 1787 hatten sich nur 66 Tolerierte in Wien befunden. Ihre Zahl war 1820 auf 125, 1847 auf 197 gestiegen. Mit Einrechnung der stillschweigend Geduldeten dürften im letzteren Jahre 5000 Juden in Wien verweilt haben. Allmälig gewannen dieselben eine maßgebende Stellung an der Börse, dann im Handel mit Naturprodukten,

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