Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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|tr. 10 Dp Bloch’s Jahrgang XXI VI Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. * — --- - =& K. ft. Pofisparragen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. NedsrUon und Ldministralion: Wien 1X/1, Berggapfr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. fr —■-- ■■ =%• -^- Wien, 4. März 1004. Erscheint jeden Freitag. -«>— 4-1—- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggasse 39. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift» Wien. « -— —. =* vrzugsprri» für Sestrmich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. M ' -. =* Inhalt: Leitartikel: Salomon Sulzer und der Wiener Tempel. — Arbeit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Darwinisten vor Darwin. Die Japaner und — Heinrich Heine. Ein antisemitischer Ehrenmann als Bürgermeister. Brunnenvergiftung. — Correspondenzen: Zum Kapitel „Europäer" und „Asiaten". Die Wiener Bundesgenossen des Zaren. Antisemitische Exzesse in Zablotow. Olmütz, Prag, Gleiwitz, Berlin, Rom. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien. Ein antisemitischer Interviewer. Kremsier, Chrudim, Pozega, Virovitica, Budapest, Haag, Fiume, Pisa, London. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Salomon Snl;er nnd der Wiener Tempel. Geschichtliche und persönliche Erinnerungen eines alten Gemeindemitgliedes. Ein süßer Klang aus den Kinderjahren — fast wie die Erinnerung an das Gebet, das wir den Lippen der Mutter abgelauscht haben, Harmonien, aus einer besseren Welt! Wer sie gehört, wird sie nie vergessen, wird den Sänger nie vergessen, der die Musik des jüdischen Gebetes geschaffen und sie in nie geahnter Hoheit ertönen ließ. Es sind hundert Jahre, daß Sülzer geboren wurde — inhaltsschwer und bedeutsam für das Judentum, wie kein anderes Jahrhundert, seit das jüdische Staatswesen zerstört worden. Der Beginn desselben fällt in eine uns schmachvoll erniedrigende Zeit, deren Mitte uns vorübergehend befreite, deren Ende uns auf eine Feuerprobe stellte; das neue Judentum wird in einem mittelalterlichen Hexenkessel auf seine Existenzfähigkeit geprüft. Die Zustände in Oesterreich von 1804 wurden von den Juden umso tiefer empfunden, als kurz vorher das Toleranz- Edikt Kaiser Joses's große Hoffnungen gezeitigt hatte, welche sich nicht erfüllten. Karl VI. mit seinem grimmigen Judenhaß, Maria Theresia mit ihren von Bigotterie und Hartherzigkeit eingegebenen Anordnungen hatten ein gesetzliches Wirrsal hinterlassen, welches nur ertragen werden konnte, weil auch die andersgläubige Bevölkerung nur für die Geld- und Blutsteuer vorhanden schien. Dann kam die in ihrer Tragweite überschätzte Duldungsperiode Kaiser Josefs und gleich nach ihm eine Reaktion entsetzlicher Art: ein Polizeisystem, welches als das vornehmste Ziel der 43jährigen Regierungstätigkeit des Kaisers Franz anzusehen ist. Ein eigenes Judenamt, in Wien am 7. Juni 1791 errichtet, verstand in erniedrigender, nur durch Bestechlichkeit gemilderter Weise die bürgerliche wie die religiöse Existenz der jüdischen Bewohner Wiens zu vergiften. Die kaum erteilte Toleranz wurde eingeschränkt. Selbst der Tolerierte sollte keine christlichen Dienstboten halten, keinen Realbesitz haben, nicht mit Rohprodukten, Salz und Getreide Handel treiben. Wohl aber mußte er unverhältnismäßig hohe Abgaben bezahlen, von den Bestechungsgeldern abgesehen, welche unentbehrlich waren, um den Aufenthalt in Wien überhaupt zu ermöglichen. Unter den schlimmsten Konvulsionen des Staates, den Franzosenkriegen, dem Staatsbankerott, der Demagogensurcht, dem revolutionären Auflodern im Süden, behielt die österreichische Regierung nur ein Ziel folgerichtig im Äuge: die Ausbildung der Polizei. Und für diese gaben die Juden ein Uebungs- und Jagdrevier ab sondergleichen. Das Ausmaß an Demütigungen, Brandschatzungen und bureaukratischen Unfug auf polizeilichem Gebiete überstieg die Grenzen des Glaublichen. Als Symptom dieser Richtung soll nur des Umstandes gedacht werden, daß im Wiener jüdischen Bethause zugleich für den Landesfürsten und für den Polizeidirektor gebetet wurde. Der jüdischen Einwohnerschaft Wiens war es versagt, eine Gemeinde zu bilden. Es gab nur „Jüdische Bewohner Wiens", welche aus den Tolerierten und deren Bediensteten bestanden. Doch hatten sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zuerst 3, dann 5 der vornehmsten Bewohner unter dem Titel „Vertreter" mit den gemeinsamen Angelegenheiten befaßt. Aber erst 1806 anerkannte die Regierung, daß sie eines Organes benötige, um ihre Befehle entgegenzunehmen. Da ordnete sie an, daß außer den 5 Vertretern noch 12 Repräsentanten durch die Landesregierung ernannt werden sollten. Denselben wurde es nach langem Bitten gestattet, ein Bethaus, eine Religionsschule mit einem Lehrer, ein Krankenhaus neben dem gesperrten Friedhof (Seegasse) und einen 1782 eröffneten Friedhof in Währing — ferner eine Fleischbank unter Aufsicht eines Fleischbeschauers und zwei jüdische Garküchen zu halten. Im Jahre 1810 schritten die Vertreter M. L. Biedermann und I. L. Hosmann bei den Behörden ein, um ein Haus für Bethaus und Schule erwerben zu dürfen. Dies wurde bewilligt; nachdem sie hiefür im Subskriptionswege 90.000 fl. gesammelt hatten, erwarben sie den Dämpfingerhof am Katzensteig 598 (jetzt Seitenstettengasse 4), ließen denselben adaptieren und verlegter: dorthin den bisher im „Weißen Stern" befindlichen Betsaal. Am 4. September 1812 wurde der neue Saal eingeweiht; der Bethausvorsteher Benj. Landesmann hielt hierbei eine von Baruch Jeiteles verfaßte Ansprache. Die im selben Hause befindliche Religionsschule wurde im Oktober 1812 eröffnet. Als erster Lehrer fungierte Sal. Herz, dem Jos. Veith als Gehilfe beigegeben ward. Im neuen Betfaal wurde 1814 der Sieg der österreichischen Waffen durch ein Dankfest gefeiert, für das Mofcheles die Musik komponierte.