Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021549--13263-3037904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Dr. Dlocb's MocbenscdrM. Zeile H Clerus noch einige unabhängige Geister gibt, die ohne Voreingenommenheit urtheilen, die unter der Lage leiden, die der Clerus Frankreichs sich selbst geschaffen hat durch sein schmollendes und engherziges Verhalten und vor Allem durch die Unterstützung, die er stets etwas mehr oder weniger von vom Boulangismus, Nationalismus oder Monarchismus angekränkelten politischen Koterien geliehen hat. Ich gehöre zu der kleinen Zahl Derjenigen, die bei all ihren: aufrichtigen und warmen Glauben zu denken wagen, daß man anders denken könne als die Anderen. Wer unter den Katholiken den Einfall hat, einem Gegner gerecht zu werden, wird schnell des Verrathes angeklagt, ein Held aber ist Derjenige, der verhauen, mit Füßen treten, zermalmen kann, und es gibt nicht genug pomphafte Beiwörter, um seinen Heldenmuth zu preisen. Was mich in Erstaunen setzt, ist, daß die Geistlichen in großer Mehrheit eine sehr deutliche Vorliebe für Zeitungen haben, welche Lehren des Haffes vertreten. In neun auf zehn Häusern von Geistlichen findet man eine „Libre Parole" oder eine „Autorite". Und von den Kanzeln hört man donnernde Anathemata über „die Gesandten der Hölle" u. s. w. Viele Geistliche haben einen schlummernden Don Quichotte im Herzen, der nur zu oft erwacht. Heute gibt es keine leidenden Märtyrer mehr, es gibt nur noch provozirende Märtyrer. Thut nichts, daß solches Anathema praktisch nur die Vertiefung des Grabens zur Folge hat, der die Religion vom Volke trennt. Ich sage nicht, daß Dreyfus schuldig oder unschuldig ist, aber man lasse doch die Justiz in Ruhe! Mehr wollen wir nicht. Warum doch immer sagen, man könne nicht ein guter Priester und ein guter Franzose sein und doch gleichzeitig die Revision des Dreyfusprocesses billigen!" Moskau. Ueber die Ursachen der Studentenunruhen in Rußland wird gemeldet: Die hiesige Studentenschaft hat vorige Woche in der Universität einige Versammlungen abgehalten und den einstimmigen Beschluß gefaßt, gegen die Juden-Excesse von Kischenew und Homel, sowie gegen die Judenverfolgung in Rußland überhaupt Protest zu erheben. In der einstimmig gefaßten-Resolution heißt es: „Die Studenten der Moskauer Universität sprechen ihre tiefe Entrüstung dem herrschenden Regime aus, welches diesen Antagonismus nährt und zu Katastrophen führt, gleich denen von Kischenew und Homel." Den unmittelbaren Anlaß zu dieser Kundgebung gab die unlängst bekanntgewordene Thatsache, daß ein Student der hiesigen Universität, Abramowitsch mit Rainen, an den Excessen gegen die Juden in Homel theilgenommen hat. Die Studenten haben die Professoren genöthigt, eine Untersuchung einzuleiten, um das Verhalten Abramowitsch's festzustellen. Vorderhand haben sie in einem Manifeste erklärt, daß Abramowitsch unwürdig sei, den Namen eines Studenten zu tragen. Aber noch Etwas ist es, was die Studenten veranlaßt^ offen gegen die Juden-Bedrückung aufzutreten. Vor Kurzem unternahmen die Hörer der Handels- Akademie von Libau unter Führung des Direktors Staatsrathes Dobroslakow eine Excursion nach Moskau. Kaum waren sie in der Kremlstadt eingetroffen, als Oberpolizeimeister Trpow dem Direktor bedeutete, die an der Exkursion theilnehmenden jüdischen Handels-Akademiker sofort heimzuschicken, weil den Juden der Aufenthalt in Moskau verboten sei. — Staatsrath Dobroslakow zog es vor, mit allen Schülern Moskau zu verlassen. Sein Amtscollege in Bialystok, Staatsrath Stevanow, erklärte in einem offenen Schreiben an die „Petersburgskija Wjedomosti", daß „der bureaukratische Formalismus, von Menschenhaß erfüllt, die Schulleiter beinahe zwingt, Feinde des Vaterlandes zu erziehen." Unter den Studenten von Moskau hat dieser Vorfall große Unzufriedenheit hervorgerufen und die Erlassung jener Kundgebung beschleunigt, die zwar eine unmittelbare Wirkung nicht haben wird, aber als ein erfreuliches Symptom für die Gesinnung der akademischen Jugend bemerkenswerth ist. Die Juden in Sibirien. Der russische Correspondent der „Times" erfährt, daß der Minister des Innern neuerdings den Versuch gemacht hat, im Senate darauf hinzuwirken, daß die Domicilrechte der Juden in Sibirien eine Einschränkung erfahren. Im Jahre 1901 hatte der Senat entschieden, daß die Eintragung der Juden als Einwohner einer Stadt in Sibirien den Eingetragenen das Recht des Domicilwechsels innerhalb des Distriktes, in dem der Ort liegt, zuerrennt. Die Behörden der Provinz Jenissei hatten ihrerseits den Befehl erlassen, daß Juden den Ort, in dem sie registrirt sind, nicht verlassen dürsten. Diese Verfügung erklärte der Senat durch seinen Beschluß von 1901 für ungiltig. Herr v. Plehwe verweigerte nun nicht nur die Entscheidung des Senates zu bestätigen, sondern er forderte auch einen Beigeordneten des Justizministers dazu auf, mit ihm darauf hinzuwirken, daß der Senat in der Judenfrage die Ansicht des Generalgouverneurs von Irkutsk zu der seinigen mache. Ter Generalgouverneur berief sich, wie es scheint, in einem Schreiben an Herrn v. Plehwe auf eine Randbemerkung, die der Czar iin Jahre 1897 zu einem Berichte des früheren Generalgouverneurs gemacht hatte und die folgendermaßen lautete: „Tie Judenfrage in Sibirien muß von der allgemeinen Frage abgesondert werden, da sie sonst nicht gelöst werden kann. Sibirien wird in jedem Jahre in zunehmendem Maße von Juden überschwemmt." Der gegenwärtige Generalgouverneur fügte noch hinzu, daß die Controle des Handels und der Goldminen ganz in die Hände der Juden gerathen werde, falls man ihm nicht gestatte, ihnen die Bewegungsfreiheit zu nehmen. Herr o. Plehwe scheint diesen Ansichten vollständig beigetreten zu sein. Ein merkwürdiger Jugendbildner. Wie der „Frankfurter Zeitung" aus Rußland geschrieben wird, veröffentlicht der in Petersburg erscheinende „Woschod" folgende Correspondenz aus Kischenew, die grelle Schlaglichter auf das Verhalten der sogenannten intelligenten Kreise Rußlands den Juden gegenüber wirft: In der jüdischen Mädchenschule einer Frau Skomorowska war Literaturstunde. Der Lehrer Michael Orlow, ein bedeutender „Stern" am Horizonte der pädagogischen Welt Kischenews, läßt sich von einer der Schülerinnen den Aufsatz Karamsin's „Von der Liebe zum Vaterlande" vorlesen. Nach einer eingehenden Erklärung der Begriffe „Heimat", „Vaterland" wendet sich Herr Orlow an die Aufgerufene mit der Frage, wo denn eigentlich ihr Vaterland sei. Als er aber zur Antwort bekam, sie betrachte Rußland als ihr Vaterland, ließ dieser musterhafte Pädagog, erzürnt über eine derart „freche" Anmaßung, folgende Philippika vom Stapel: „Ihr seid Juden, und Rußland ist nicht Euer Vaterland: Ihr seid hier fremde Ankömmlinge und die ausgesprochensten Feinde Rußlands: 85 pCt. Juden find Socialistcn, die Socialisten find ein Nebel, das unbedingt ausgerottet werden muß: daraus ergeben sich als logische Consequenz die Excesse und Massacres." Begeistert von seiner eigenen Rede, fügte er noch mit schäumendem Munde hinzu: „Man schlägt Euch, Verräther, aber fortjagen und vernichten sollte man Euch." Als sämmtliche Schülerinnen in lautes Weinen ausbrachen, hielt es Herr Orlow für rathsam, die Classe zu verlassen. Eiu Ehrenzeugniß stellte der Verwalter der Klosterdomänen Gurjeff im Gouvernement Beffarabien den dortigen Juden anläßlich seiner Vernehmung im Processe gegen die Kischenewer Excedenten aus: Auf die Frage, was er über die vor den Excessen bestandenen Beziehungen zwischen Juden und Christen wisse, erklärt er Folgendes: Seit fünfzig Jahren kenne ich Beffarabien: ich schwöre bei Allem, was mir heilig ist, daß mir nicht bekannt ist, daß den Juden als solchen jemals etwas zur Last gelegt worden wäre: es gibt natürlich auch unter den Juden solche, die mit dem Strafgesetz in Conflict gerathen, ich gestehe aber offen, daß solche Elemente gerade unter den Juden in viel geringerer Zahl Vorkommen als in den anderen Bevölkerungsschichten. Ich glaube, sagt Gurjeff ferner, daß unter den Griechen, Armeniern und Bulgaren hierzulande Gesetzesübertretungen und Betrügereien in bedeutend größerem Maße sich ereignen als bei den Juden. Die Reichthümer der letzteren werden fast immer durch foliden Handel, äußerste Sparsamkeit und ausgesprochenen Familiensinn erworben. Diejenigen Juden, welche mit Pachtungen