Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021546--13245-3037885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r. 52 Dr. Bloch's Wochenschrift' Seite 843 Gesuch machen, daß man Dir die Tabaktrafik läßt, sowie den Branntweinschank. Davon kannst Du bei redlicher Arbeit mit den Kindern bescheiden leben. Die Fanni richte Dir ab zu Deiner Hilfe im Geschäft, das ist ein braves, kluges Kind und wird Dich nach Kräften unterstützen. Die zweite, die Bertha, lasse was lernen, nähen oder zu was sie eben Lust haben wird und wenn Moritz das Alter dazu erreicht und Fähigkeiten zeigt, so trachte ihn studiren zu lassen, damit Du im Alter an ihm eine Stütze hast. Aber ich bitte Dich, zwinge die Kinder niemals zu etwas, weder zu einem Berufe oder einer Heirat. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich." So hatte der fürsorgliche Gatte und Vater zu ihr gesprochen. Kurze Zeit hernach hatte sich sein Zustand verschlimmert. Als im November die Blätter von den Bäumen und Sträuchern fielen, flatterten sie auch auf das Grab des braven Benjamin Hirsch. Seine Witwe war trostlos. Doch boten ihr die Freunde und Verwandten ihres Mannes ihre Hilfe an, indem sie ihr die Wege ebneten, daß sie die Tabaktrafik behalten konnte und die Branntweinschänke auf ihren Namen übertragen wurde. Da sie gleichzeitig über etwas Baarschaft verfügte, fo brauchte sie das Sparcassabuch nicht zu berühren, sondern konnte damit den Betrieb des Geschäftchens leiten. So vor äußerer Noth geschützt, lebte sie ihren Pflichten, als deren erste und heiligste sie die Erziehung ihrer Kinder betrachtete. Nicht lange sollte sich die junge Witwe des verhältnißmäßig ruhigen Lebens ohne drückender Nahrungssorge erfreuen. Denn kaum hatte sie ein wenig Ordnung in den Nachlaß ihres Mannes gebracht, als jener Singer, dessen Mann als seines ehemaligen, nun aber abgeschüttelten Gläubigers erwähnt hatte, hervortrat und eine Forderung auf eine Summe Geldes geltend machte, die den Betrag, welcher in der Sparcassa angelegt war, weit überstieg. Frau Dora behauptete steif und fest, daß ihr der verstorbene Gatte, dessen Rechtlichkeit außer Zweifel stand, gesagt habe, daß die Schuld an Singer ganz getilgt sei. Singer dagegen bewies durch seine gestempelten Geschäftsbücher, daß der Posten noch nicht getilgt sei und so wurde ihm Recht zugesprochen. Wenn die Witwe nicht das Häuschen, in welchem sie ihr kleines Geschäft betrieb, in welchem sie solche glückliche Jahre an der Seite ihres zärtlich geliebten, treuen Gatten verlebt hatte, dem Verkaufe übergeben wollte, so mußte sie nicht nur das Sparcassabuch, die Mitgift ihrer Töchter hergeben, sondern auch alles Geld, das sie zum Betriebe ihres Geschäftchens verwendete. Von da an begann für die arme Frau eine Zeit schwerer Sorge, ununterbrochener Geldverlegenheit. Wenn sie Tabak fassen wollte, so mußte sie öfters das nothwendige Geld hiezu in mehreren Häusern ausborgen. Den Branntwein, ihren Hauptartikel, mußte sie auf Credit beziehen und selbstverständlich theurere Preise zahlen, als wenn sie ihn per Cassa kaufte. An dem Tage nun, an dem diese Erzählung beginnt, hatte sie eben jeden Kreuzer zusammengeschaart und ihre älteste Tochter, die 18jährige Fanni, in Begleitung des 12jährigen Moritz in die nächste Stadt geschickt, um aus dem dortigen Großverlage Tabak und Cigarren zu holen, sowie Branntwein, einige Laib Brot, sowie Weißbäckerei, wie sie es im Geschäfte brauchte. Die jüngere Tochter, Bertha, hatte schon früher die Heimat verlassen, um sich in Prag im Kleidernähen, das sie zu Hause beim Dorfschneider nothwendig erlernt hatte, zu vervollkommnen. So in ihren düstern Gedanken und lebhaften Erinnerungen versunken, hatte es Frau Hirsch überhört, daß die Thüre geöffnet wurde; erst als eine ihr bekannte Stimme sie um ein Päckchen Rauchtabak bat, blickte sie auf und bewillkommnete mit einigen freundlichen Worten die Angekommene. Dann sagte sie ängstlich: „Brauchen Sie den Tabak sofort, liebe Frau?" „Nein, nicht gleich", war die Antwort, „aber wenn mein Mann Abends nach Hause kommt, hat er gerne seine Pfeife vorbereitet". „Dann hat es ja Zeit. Vor Abends werden die Kinder aus der Stadt zurück sein. Mir ist zufällig die Sorte, die Sie kaufen, ausgegangen; zu anderen Zeiten hätte ich es nicht darauf ankommen lassen dürfen, daß mir eine Tabak- oder Cigarrensorte ausgeht, aber jetzt, wo der Feind täglich kommen kann, ist alles in Unordnung gerathen, keiner der sonst fo strengen Finanzwachmünner ist zu erblicken. Alles ist wohl versteckt. Ich habe es von Tag zu Tag verschoben, um Tabak zu schicken, aber jetzt ist mir sogar der Branntwein ausgegangen, so mußten sich die Kinder ausmachen, Alles aus der Stadt zu holen". „Um Gottes willen, Sie haben doch die Kinder nicht in die Stadt geschickt, wo alles voller Preußen ist?", ries die Käuferin im Tone höchsten Schreckens aus. „Hier hat man noch keinen gesehen", entgegnete scheinbar gelassen die Witwe. „Aber aus dem Bürgermeisteramt hat man Nachricht erhalten, daß ein ganzer Trupp aus die Nacht hieher kommt, um hier einen Rasttag zu halten. Wenn der so den Kindern begegnete?" „Gott wird sie schützen. Er wird einer armen Witwe das letzte, das sie besitzt, nicht nehmen, ihre Kinder". „Ja, so sagt es sich gut", antwortete die Nachbarin, „so haben Sie auch damals gesprochen, als Ihr Seliger krank war, daß Ihnen Gott nicht den Mann nehmen kann, den Sie so innig lieben, und das ist doch geschehen". „Sie machen mir Angst, liebe Frau! Was könnte den Kindern denn geschehen?" „Daß Sie so fragen! Ein schönes, 18jähriges Mädchen schickt man nicht über Feld, wenn feindliche Soldaten unterwegs sind. So viel Verstand sollten Sie als erfahrene Frau auch haben". „Was hätte ich aber auch thun sollen", antwortete die geänstigte Frau. „Tabak und Cigarren muß ich haben, meine Existenz ist davon abhängig. Brot und Branntwein brauche ich auch, da war keine andere Hilfe". „Warum haben Sie nicht jemand Andern darum geschickt?" „Ich wollte wohl einen Boten oder ein Frauenzimmer miethen, aber Niemand entschloß sich, selbst für guten Lohn, zu gehen, so sagte mein Fannileben: „Mutterl, gib mir den Knaben mit, daß ich nicht ganz allein gehe und daß er den Schiebkarren mit dem Faßt zieht, und ich gehe, ich fürchte mich vor den Preußen nicht, sie sind ja auch Menschen; was werden sie mir thun?" Und so gingen sie fort". — — — — — (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Die anläßlich der großen Makkabäerseier in den Sophiensälen durch die Capelle Johann Strauß ausgesührte und mit Beifall aufgenommene Composition „Ostwärts!", in welcher das bekannte Lied: „Unsre Hoffnung" (In die Seele ist gesenket rc.) verwerthet ist, ist im Selbstverläge des Componisten Berthold U l l m a n n, II., Rembrandtsttaße 14, für Pianosorte zu 2 Händen erschienen. Magyar- Zsido Oklev 611&r. Kiadja az Izr. Magyar Irodalmi Tärsnlat, I. kötet, 1092—1539. Dr. Weisz Mör közremiiködesevel szerkeszti Dr. Friss Armin. Wo di an er F. es fiai bizomänya. Budapest, 1903. Ara 10 korona. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums. Begründet von Dr. Z. Frankel fortgesetzt von Professor Dr. H. Graetz. Neue Folge im Verein mit Professor Dr. David Kaufmann s. A. ins Leben gerufen und herausgegeben von Dr. Wt. Brann. Siebenundvierzi ster Jahrgang. Neue Folge, elfter Jahrgang, September und October 1903. Verlag von Wilhelm K o e b n e r, Breslau. Heft 9/10. Inhalt: Sigmund Jampel: Die Wiederherstellung Israels unter den Achämeniden. (Fortsetzung.) L. Treitel: Der Nomos, insonderheit Sabbath und Feste, in philonischer Beleuchtung an der Hand von Philo's Schrift De Septeniiario. (Fortsetzung.) Dr. Moriz Löwy: Die Paulinische Lehre vom Gesetz. (Fortsetzung.) Dr. Josef Eschelbacher: Die Vorlesungen Ad. Harnack's über das Wesen des Christenthums. (Fortsetzung.) Dr. I. G u t t m a n n über Abraham bar Chijjas Buch der