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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-11 · 50 (11.12.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 802 Nr. 50 Dr. Mocb's machen sie sich des Antisemitismus mitschuldig, dann sind sie Gegner des Freisinnes und werden als solche schärfstens bekämpft werden. Und der Kampf des Freisinnes gegen die antisemitische Reaction wird zu einem Landeskampf werden. Es gilt die heilige Sache des Landfriedens. Sie wird auch die Wähler Skedl's zwingen, von ihrem Abgeordneten Rechenschaft darüber zu fordern, ob er eine seine liberale Gesinnung compromittirende Freundschaft mit Dr. Flondor weiter erhalten und damit mit seinen christlichen Deutschen isolirt bleiben, oder aber der Gesinnung seiner Wähler gerecht werden und dem Flondor-Antisemitismus endgiltig den Rücken kehren will. Der „wahre Flondor" erleichtert allen im Lande einen solchen Schritt, er führt zu einer reinlichen Scheidung. Berlin, 24. November 1903. Dem Hilfsverein der deutschen Juden ist ein ausführlicher Bericht über die Unterstützungsaction in Homel zugegangen, aus dem uns die folgenden Daten zur Verfügung gestellt worden sind. Die Geschichte der Excesse ist zu bekannt, als daß wir sie nochmals zu wiederholen brauchten. Das Resultat derselben war für die Juden 6 Todte, 100 Verwundete, 400 Familien ruinirt und ein Materialschaden von 1l0.000 Rubel. Die Unterstützungsaction wurde, da der Gouverneur nicht, wie in Kischenew die Bildung eines speciellen Comites erlaubte, von dem localen Hilfscomite für arme Juden übernommen, an dessen Spitze Dr. A. Salkind steht. Vicepräsident ist Herr M. F Zeitlin, Cassier Herr L. Charlapp. Dieses ComitS besteht aus l6 Personen, denen sich für die besondere Action noch weitere 18 Herren aus den jüdischen Honoratioren der Stadt anschlossen. Das Comite wurde in vier Commissionen cingetheilt, je eine für Einnahmen, Ausgaben, Informationen und Jurisconsulat. Alle Bittschriften gehen dem Präsidenten zu, der sie der Jnformationsabtheilung zuweist. Dieses nimmt die Prüfung vor, und nachdem das Ergebniß derselben vorliegt, wird durch das Plenum die Summe festgesetzt, welche man dem betreffenden Bittsteller bewilligt. Man mußte zuerst Nahrungsmittel vertheilen, dann aber mit Rücksicht auf die unmittelbar bevorstehenden Feiertage den Aermsten kleine Geldunterstützungen zu Theil werden lassen. Sobald aber dies dringendste Bedürfniß mit rund 2000 Rubel Ausgabe erledigt war, widmete sich die Commission der Aufgabe, durch Beschaffung von Handwerkszeug und Waaren den geschädigten Familien wieder zu einer Existenz zu verhelfen. Dafür wurden bisher 35.000 Rubel gebraucht, dieser Betrag ist jedoch nicht annähernd ausreichend. Eine weitere Verpflichtung erwuchs dem Comitä in der Fürsorge für die Familien der getödteten oder arbeitsunfähig gemachten Opfer der Excesse. Dafür sind bisher 15.000 Rubel ausgegeben worden, weitere 10 000 werden noch allein hierfür nöthig sein. Endlich muß das Comitö für die Familien derjenigen Juden sorgen, welche bei den Exceffen verhaftet wurden, weil sie augeblich das Recht der Selbstvertheidigung überschritten, resp. sich gegen Polizei oder Militär zur Wehr gesetzt haben. Zur Zeit sind noch in Haft aus diesem Grunde 25 Juden, dagegen nur etwa 50 Christen, die wegen ihrer Mitschuld bei den Exceffen angeklagt worden sind. Im Ganzen hat das Hilfscomite bisher verausgabt 57 000 Rubel, wird aber noch ca. 100.000 Rubel brauchen. Eingegangen sind bisher 90.000 Rubel, darunter aus Homel selbst ca. 8000 Rubel, aus Rußland noch weitere 37.000 Rubel, vom Hilfsverein der deutschen Juden (incl. 3500 Rubel von der Großloge ll. O. B. B.) 27.000 Rubel, von der „Israelitischen Allianz" in Wien ca. 5000 Rubel, vom Hilfscomits für die russischen Juden in Frankfurt ca. 4500 Rubel, endlich von dem Anglo-Russian Comitä in London c.a. 9000 Rubel, in Summa rund 90.000 Rubel. Wie man sieht, ist die nothige Summe noch nicht erreicht, doch fehlt noch von den großen westeuropäischen Organisationen die Alliance israelite universelle, von der das Hilfscomite in Homel bisher nichts erhalten hat, auch fließen aus Rußland noch immer Beiträge ein. Für den Nothfall hat der „Hilfsverein der deutschen Juden" einen weiteren Beitrag in Aussicht gestellt und auch die anderen Hilfsorganisationen werden nicht fehlen, falls noch weitere Beiträge nöthig sein sollten. So darf man hoffen, daß wenigstens der dringendsten Noth auch diesmal noch gesteuert werden kann. Wir geben noch ein Verzeichuiß der Namen und der Familien der bei den Exceffen getödteten oder arbeitsunfähig gewordenen Judm: 1. Davidoff Meyer. Er hat eine kranke Witwe und einen Sohn von 14 Jahren hinterlassen. 2. Leykin Beer. Er hat eine Witwe und einen Sohn von 20 Jahren, der Tischler ist. hinterlassen. 3. Pjatitzki. Er hat eine junge kinderlose Ehefrau hinterlaffen (er hatte sich vor Kurzem erst verheiratet). 4. Obermann Elie. Er hat eine Witwe hinterlassen, die schwanger ist. 6. Elperin Chaim. Er hat gleichfalls eine Witwe hinterlaffen, die schwanger ist. 6. Edlin Wulff, Er hat eine Frau, vier Töchter und zwei Söhne hinterlaffen. Da wie es sich erwies, die Söhne als Handwerker ihre Existenz haben, so wurde ihnen nichts gegeben. 7. Kuganski, Junggeselle. Da es jedoch er war, der seinen Vater und zwei Schwestern unterhielt, so erhielt nach seinem Tode der Vater Unterstützung. 8. Kowesch Beer. Er hat eine wohlhabende Familie hinterlaffen und ist daher derselben nichts gegeben worden. Was die Verwundeten anlangt, so sind, abgesehen von einigen leicht Verwundeten, mehrere, die durch die erhaltenen Wunden außer Stande sind, sich ihr Brod zu erwerben. Hier sind ihre Namen: «. Karassik, 14 Jahre alt. Der rechte Fuß ist ihm amputirt worden. Es wird ihm ein künstlicher Fuß gekauft werden. 2. Cholodin Jtzko, 19 Jahre alt. Tischler, dem gleichfalls der rechte Fuß amputirt worden ist. Die Namen der übrigen zehn Personen, welche schwer verwundet worden sind, sind folgende: 1. Tschubin, Händler; 2. Sacharin, MwcbenscbrM. Handwerker; 3. Kaufmann; 4. Belkin, Buchhalter; 5. Aronson, 6. Mojeffeff, Schlosser; 7. Selesnew, Witwe; 8. Kokin E., 9. Mirenski I., 10. Belensky E., Handwerker. Breslau. Unlängst fand Hierselbst im großer: Saale der Lessing-Loge eine von dem Local-Verband des „Esra-Vereins zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina" einberufene, ungewöhnlich zahlreich besuchte, öffentliche Versammlung statt, welche sich zu einer imposanten Kundgebung jüdischen Lebens in Breslau gestaltet und von dem wachsenden Interesse, dessen der Verein „Esra" und die Colonisation Palästinas überhaupt auch hier sich erfreuen, wohlthuendes Zeugniß abgelegt hat. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und noch immer strömte Publicum hinzu, das keinen Einlaß mehr finden konnte. Es dürften Wohl nahezu fünfhundert Personen anwesend gewesen sein, die den besten Kreisen unserer Gemeinde angehörten, an ihrer Spitze die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal und Dr Gnttmann, sämmtliche Docenten des jüdischtheologischen Seminars, Mitglieder des Repräsentanten-Collegiums rc.; die zionistische Vereinigung hatte sich vollzählig eingefunden. Auch die zahlreich erschienenen Damen folgten den Vorträgen mit sichtlich lebhaftem Interesse. Der Vorsitzende des Local-Verbandes Herr Professor Dr. Badt eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in welcher er die erfreuliche Entwicklung des palästinensischen Besiedelungswerkes skizzirte, in Anlehnung an einen Ausspruch Theodor Mommsen's eine rationelle Colonisation als das wirksamste Mittel zur Linderung der Jndennoth bezeichnete und zum Schluß den Referenten des Abends für die Bereitwilligkeit, mit welcher sie der Einladung des Verbands-Vorstandes gefolgt seien, warmen Dank widmete. Hierauf ergriff Herr Davis Trietsch-Berlin, als Vertreter des Breslauer Zwei^vereines auf dem Delegirtentage, das Wort, um zunächst über den bisherigen Werdegang und das imposante Aufblühen des „Esra" zu berichten und sodann seine Ideen über die weiteren Aufgaben des Vereins, sowie über die Mittel, welche demselben eine selbstständige Thätigkeit größeren Maßstabes in Palästina, namentlich nach der industriellen Richtung h>n, ermöglichen würde, zu entwickeln. Nach diesen sehr beifällig aufgenommenen Ausführungen betrat Herr Dr. Alfred Nossig-Berlin die Rednertribüne. In einem mehr wie einstündigen Vortrage beleuchtete er die Hauptprobleme der jüdischen Coloaisations-Arbeit, die colonialtechnischen Systeme, zwischen denen heute eine Wahl zu treffen sei, und entrollte ein großzügiges Programm der weiteren Palästina-Besiedelung auf Grund einer gemeinsamen Wirksamkeit aller in Betracht kommenden jüdischen Organisationen. Dementsprechend behandelte Redner den Gegenstand nicht nur unter dem Gesichtspunkte der eigentlichen Colonisations-Vereine, sondern auch unter dem de.r anderen im heiligen Lande thätigen Gruppen, insbesondere des'Zionismus. Der mit retzer Aufmerksäuikeit-'aufgenommene Vortrag gipfelte in drei, die energische Fortsetzung einer planmäßigen Colonisat ons-Thätlgkeit unter dauerndem Zusammenschluß aller Palästina-Factoren empfehlenden Resolutionen, welche, wie in Berlin und Hamburg, zum Schluß der Versammlung einstimmig angenommen wurden. Lebhaften Widerhall fand die kernige Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. Guttmann, der den Ausführungen Dr. Nossig's volle Anerkennung aussprach, es ihm aber zum Vorwurf machte, daß er in seinem Vortrage allzu sehr den zionistischen Standpunkt ins Auge gefaßt habe. Alle Palästina-Freunde, Alle, die ein Herz für unsere verfolgten heimatlosen Brüder haben, hätten ein gleiches Recht und die gleiche Pflicht, an dem Colonisations- und Rettungswerke mitzuarbeiten, und die heutige imposante Veranstaltung, die sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl aus Nichtzionisten zusammensetze, bilde den Beweis, daß Inden aller Anschauungen diesem gemeinsamen Werke das wärmste Interesse entgegenbringen. Als letzter Redner überbrachte Herr Dr. Hirsch Hildesheimer-Berlin zunächst die Grüße des Central-Comites des Vereines „Esra" und der Propagandacommiffion des Comite central des Chowewe Zion“, um sodann die nach langjährigen Kämpfen immer großartiger, immer überraschender sich gestaltenden Erfolge der Colonisation Palästinas und den Antheil, den der „Esra" daran genommen, zu schildern. Redner verwies im Einzelnen auf die bedeutsame Thatsache, daß der Absatz des hauptsächlichsten Culiurobjects, der des Weines, und damit die Existenz der 2000 vom Rebenbau lebenden Colonisten gesichert sei, daß seit diesem Jahre die Orangenpflanzungen zu tragen begannen, daß der fast in allen jüdischen Dörfern gebaute Tabak sich bereits einen Markt erobert habe, daß in kurzer Zeit auch die Mandel- und Olivenbäume, die Obstplantagen überhaupt Früchte bringen und daß die Gemüseanlagen, sowie erst eine Conservenfabrik errichtet sei, reichlich lohnen werden. Der Seidenraupenbau habe sich vorzüglich bewährt; die Spinnerei in Rischon le Zion brachte im Vorjahre einen. Gewinnertrag von über 20.000 Francs. Auch die Getreidebauern, welche ihre Ernte mit Leichtigkeit im Lande selbst absetzen, seien über alle Schwierigkeiten hinweg, wie ja die Colonisten von Jamma und Mescha (bei Liberias) schon im zweiten Jahre ihrer Ansiedelung zu voller Selbstständigkeit gelaugten. Bei aller Vorsicht und Zurückhaltung dürfte auf das Nachdrücklichste behauptet werden, daß die Krise, welche die Colonisation Palästinas gleich allen Unternehmungen dieser Art durchgemacht hat, vollständig überwunden ist,.daß auch der skeptischeste Beurtheiler heute in die bevorzugte Eignung des heiligen Landes zu Colonisationszwccken und somit als sichere Heimstätte für unsere zur Auswanderung gezwungenen Brüder keinen Zweifel mehr setzen dürfe. Angesichts dieser unbestreitbaren Thatsache haben die Propaganda-Commission und mit

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