Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021541--13153-3037788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 756 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Nr. 47 „Ich finde Sie ganz begehrenswerth, meine Liebe." Die steigende Wärme in Julians Stimme verursachte ihr eine Empfindung von Gefahr, aber es gefiel ihr. Er fuhr vernünftiger fort. „Aber die neuerliche Entdeckung von der Abstammung Ihrer Mutter hat damit nichts zu thun. Ich habe fchon den beziehungsweisen Werth von Allem in der Welt — und Ihnen herausgefunden. Hier lesen Sie diesen Brief. „Ihre Privat-Correspondenz ist nicht von Interesse für mich." Sie ließ ihn stehen, ihr ein geöffnetes Couvert hinhaltend. Er lächelte. „Bitte, merken Sie sich diese Angabe für künftigen Gebrauch." „Künftigen?" Edith sprach unbedacht. „Ja, wenn wir verheiratet sind. Edith, warum nöthigen Sic mich, Sie so zu necken? Sehen Sie denn nicht, daß ich nicht vernünftig fein kann? Es ist zu ernst für Neckerei. Sehen Sie nicht. Die goldenen Thore des Himmels sind für uns geöffnet, und Sie beabsichtigen uns dieselben vor der Nase zuzuschlagen. Natürlich, wenn Ihnen die Art nicht gefällt, in der ich meine Cigarette anzünde, oder es sich um eine ähnliche Lebensfrage handelt, da läßt sich nichts thun, aber wenn es irgend ein lächerlicher Punkt abstracten Betragens ist, kann ich Sie aus persönlicher Erfahrung versichern, daß derartiges nicht zählt. Wenn Sie nur lesen wollten. —" Wie er da stand, lebhaft, munter, eindringlich, war er so ganz nach ihrem Geschmacke, daß sie, um einer directen Antwort zu entgehen, aus den Brief wies. „Bitte, wenn Sie wünschen, lesen Sie mir das vor", flüsterte sie. Das Blatt entfaltend, begann er: „Lieber Julian! Bitte, kommen Sie morgen gegen 12 Uhr zu mir, um mit dem Legatar die Papiere über das Aaronson-Bermögen durchzusehcn. Bei näherer Nachfrage stellt sich heraus, daß mein junger Mann ein Mädchen ist. Wenn Sie nicht der geheimnißvollen Dame vom vorigen Sommer so ganz ergeben wären, hätte ich erwartet, daß diese junge Dame auf Ihnen einen sehr tiefen Eindruck machen würde. Ich halte sie für eine Sirene, aber eine Sirene, die vielleicht mit Gefühlen belastet ist. Ich wäre neugierig, zu wissen, was sie von Ihrem Plane, Ihre widerspenstige Maid zu erobern, hält. Sie sagten: „Ich will sie doch noch heiraten, ob sie will oder nicht, und wir werden unfern Zwist schon später beilegen." Seien Sie um 12 Uhr in meinem Arbeitszimmer, wenn Sie können, und wenn ich nicht da bin, gehen Sie ohne mich vor, die Papiere werden bereit sein. Herzlichst der Ihrige A. Josephs. „Sie sehen", bemerkte Julian, „ich könnte nicht ohne Sie leben, und wenn Sie der Groß-Jnquisitor selbst wären. Das ist abgemacht. Jetzt lassen Sie mich Ihre Hand nehmen, Liebste . . Oh natürlich, haben Sie es nicht gern, aber Sie müssen." Die reizende, empfindliche Hand in der Seinigen haltend, schien er das Mädchen ganz zu vergessen, und widmete seine ganze Energie der Erwärmung ihrer kühlen, zitternden Finger, deren Berührung eigenthümliche, verwirrende kleine Schauer zu chrem Gchirn emporsandte. Vergebens strebte sie diese Strömung abzuschließen, es war ihr etwas, geschehen, was sie jeder Widerstandskraft beraubte. Fünf Minuten ftüher eine ganz beherrschte Person, hatte sie ihn, nicht mißzuverstehend, abgeschafft. Jetzt konnte sie weder Macht, noch Willen gegen seine Angriffe aufbieten. Scheu und hilflos hauchte sie, einer Ohnmacht nahe: „Es ist ein eigenartiger Brief. Er versteht Einiges, aber nicht alles Ihr Freund. Ich wäre eine sehr armselige Sirene." „Und hat er bezüglich der Gefühle recht?" Julian war näher gekommen. „Das ist leicht zu erfahren." Fest in seine Anne geschloffen, von seinem Feuer erwärmt, infolge seiner Stärke schwach, murmelte sie: „Vielleicht aber lassen Sie mich los, so kann ich nicht denken." „Denken, Liebste! Nein! Das sagtman so!" Und als seine Lippen die chren berührten, wußte sie es. Ein bescheidenes Husten auf der Thürschwelle ließ Julian und Edith auf einen Meter Entfernung auseinander fahren, aber ihre Bläffe, ihre sternengleich strahlenden Augen, würden sie auch einer Iveniger scharfsichtigen Person als die alte Hannah verrathen haben. „Herr Julian, Herr Josephs sagte, ich soll das Frühstück hier oben serviren, um ein Uhr — es würden zwei Personen sein, und ich sollte nicht aus ihn warten. Julian warf auf Edith einen Blick unsäglich zärtlicher Belustigung. „Der boshafte alte Zauberer!" flüsterte er, und fuhr laut zu Hannah, voll schelmischer Freude, fort: „Hannah sind Sie sicher, daß Sie sich Gerechtigkeit widerfahren lasset!?" Fräulein Linton erwartet Großes von Ihnen, weil ich mir so viel Mühe gab, sie herzubringen. Sie hat nie im Leben eine gute koschere Speise gekostet. Oh sie ist eine schreckliche Sünderin, Hannah, sie bestreicht ihr Fleisch mit Butter, trinkt Sahne zum Mittagessen, und wenn sie ein Zicklein sieht, läuft sie ihm nach und kocht es in der Milch seiner Mutter. Aber Sie können ihr doch die Hand reichen, cs ist nicht ansteckend. Sie wird es mit der Zeit besser lernen." „Aber Herr Julian! Ich dachte, daß sie noch nicht ganz erwachsen sei, wie Sie sagten", bemerkte die alte Frau strahlend. „Nicht? Sie fürchten sich vor ihr? Dantl will ich es an Ihrer Stelle thun." Julian hielt Edith seine Hand hin, aber sie ging auf die alte Frau los und sprach sehr scheu und sanft: „Wollen Sie mir die Hand reichen, Hannah!" Und plagen Sie sich nicht zu sehr mit dem Frühstück, wir kommen nur zu einem kurzen geschäftlichen Gespräch." „Wir!" dachte Julian triumphirend, sagte aber blos: „Glauben Sie ihr nicht Hannah!" Den ganzen Weg über hoffte sie, daß Sie Chocolade zu Hause haben würden." „Ach ja, Herr Julian!" Natürlich habe ich Chocolade und kalten Fisch und Mandeltorte und noch viele gute Sachen. Ich wollte nur, daß Sie mir diese reizende, junge Dame jeden Tag brächten. Mit einem feinen, klugen Lächeln fuhr sie fort: Es ist unrecht von mir, Herr Julian, daß ich Sie so lange warten ließ, aber für sie wäre etwas Gewöhnliches nicht gut genug gewesen. Sich an Edith wendend, bat sie: Liebes Fräulein, die alte Hannah kann nicht mehr so flink sein, tvie einstens, darum bitte, seien Sie so gütig, und verständigen Sie mich einige Zeit vorher, denn keine atldere darf die Ehre haben, Herrn Julian's Hochzeitsmahl zu rüsten. Nach dem Englischen von Mathilde Loew. K. Mit welcher Willkür Männer der Wissenschaft gegenüber dem Jndenthum verfahren, zeigt Harnak's Behauptung: Das Jndenthnm kenne nicht die Bezeichnung Gottes als „Vaters" der Menschen. Sollen wir es erst nöthig haben, hier ans Bibelstellen zu verweisen? Man vergleiche etwa 5. B. M. 14 „Kinder seid ihr des Herrn eures Gottes". Maleachi 1, 6. „Der Sohn ehret den Vater und der Knecht seinen Herrn. Nun, wenn ich euer Vater bin, wo ist meine Verehrung? und wenn ich euer Herr bin, wo ist die Furcht vor mir?" Ferner bei Maleachi 2, 10 „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht e i n Gott erschaffen? Warum sollen wir treulos sein einer gegen den andern, zu entweihen den Bund unserer Väter?" Psalm 103, 13 „Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt, so erbarmt sich' der Herr derer, die ihn ehrfürchten"; Jesajas 64, 7 „Und nun, o Herr, du bist unser Vater"; Jeremias 3, 4 „Von jetzt ab möchtest du mich Vater nennen". Wer diese Citate liest, die nicht gesucht sind und nur einen kleinen Theil der zu verwendenden Bibelstellen darstellen, kann der im Ernste noch behaupten: Dem Judenthum sei die Beziehung Gottes als „Vaters" der Menschen fremd. T. in P. Der bisherige Lord-Mayor Sir Marcus Samuel übergab das mit vielen Auszeichnungen und mit großer Arbeitslast verbundene Ehrenamt an seinen Nachfolger Sir James Ritchie. Der König hat dem aus dem Amte Scheidenden in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste den Titel eines Baronets verliehen. Der neue Lord-Mayor hat die Einladungen zum officiellen Bankett bereits ergehen lassen und auch den rumänischen Gesandten mit einer Einladung bedacht;, dieser aber hat, wahrscheinlich durch die Ereignisse des vorigen Jahres verletzt, die Einladung nicht angenommen. Dr. C., Wien. Ein städtischer Lehrer in Posen ist des Amtes enthoben worden. Er hat sich antisemitischer Bestrebungen schuldig , ge-