Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 684 Dr. Mocb's TKRocbenscbrlft Nr. 43 Rabbiner und Cantor sind die zwei Hauptfactoren, welchen unser Gottesdienst anvertraut ist. Diese sind im Stande, denselben uns lieb oder mißliebig zu machen. Was thun aber diese Herren? Während jeder Kaufmann sich stets neue Quellen zu graben sucht, verschütten sie zumeist selbst den einzigen Brunnen, aus d?m sie ihr Lcbenselixir schöpfen. — Mein Augenmerk ist heute blos auf den Cantor, Pardon! Obercantor, gerichtet. Dieser speciell ist befähigt, unsere Tempel zu füllen, auf ihn namentlich kommt es an, ob uns die Stunden im Tempel angenehm oder unangenehm werden. Wir sehen, daß diejenigen Tempel, welche einen guten Chason haben, die zumeist besuchten sind. Leider aber sind gute Cantoren selten zu finden, weil sich kein Mensch um die Ausbildung dieser Hauptfactoren unserer Tempel kümmert. Während hier für Rabbiner und Religionslehrer eine Aus» bildungsstätte (Seminar) geschaffen wurde, geschieht für die Cantoren gar nichts. Da kommt nun aus Galizien oder Ungarn irgend ein zu Grunde gegangener Kaufmann oder eine sonstige unmusikalische Person, hat ein wenig Stimme und Coloratur, „kann ein bischen drehen" und wird sofort durch Protection an irgend einen Bereinstempel als Cantor engagirt (auf seiner Bisttkarte durch „Obercantor N. N/ ersichtlich); und diese sollen uns den Tempelbesuch angenehm machen?! Und wenn selbst Jemand Meschorer war und keine Gelegenheit hatte, sich als Borbeter zu üben, ist .er nicht befähigt, als Cantor mit Chor zu iungiren, weil zwischen Lehrling und Meister der Geselle, der selbstständige Arbeit liefert, liegen muß. Ich schlage nun vor, daß das löbliche Curatorium des Wiener Seminars die Frage der Errichtung einer Cantoren- Ausbildungs-Abtheilung in Erwägung ziehen möge, an welcher auch die Rabbiner theilnehmen könnten, die berufen sind, in kleineren Gemeinden zu wirken, wo sie oft Rabbiner und Borbeter zugleich abgeben müffen. Alle Tempelvereinsvorstände, die um das Fortbestehen ihrer Institution derzeit sehr besorgt sind, würden gewiß stets dankbar sein, weil es nur so ihnen möglich wäre, ausgebildete, musikalische Cantoren zu erhalten, und sie nicht, wie jetzt, gezwungen sein würden, ungebildete, eingebildete, unmusikalische Obercantoren zu engagiren. Straßberg. Linz. (Oberösterreichische Handels- und Gewerbekammer.) Kammerrath Reininger berichtete betreffend die Tracenrevision des Donau-Oder-Canales. Kammerrath Haslinger macht die Mittheilung, daß der jüngst in Mannheim stattgehabte Wafferstraßentag namentlich der Verkehrsfrage auf der oberen Donau ein besonderes Interesse entgegenbrachte. Es habe dort der österreichische Vertreter, Statthalterei-Jngenieur Stern, über: „Die Regulirung der oberösterreichischen Donaustrccke" einen Vortrag gehalten, der ungemein feffelte. Es war dies das einzige Referat, das mit besonderem In teresseentgegengenommen und mit dem größten Beifalle bedacht wurde. Man kann hoffen, daß das Canalproject Linz—Budweis auch in Deutschland Förderung finden werde. Es sei hervorgehoben, daß Herr Ingenieur Stern stets öffentlich und muthvoll sein Judenthum bekannt hat; dagegen ist Herr Handelskammerrath Haslinger aus Wels ein offener Antisemit (Schönerianer), dessen Darlegungen erscheinen umso bedeutungsvoller, als demselben sicherlich nicht unbekannt war, daß Herr Ingenieur Stern — Jude ist. Herr Stern war bis vor Kurzem auch Mitglied der hiesigen Cultusgemeindevorstehung, in welcher er sehr verdienstvoll wirkte. Olmütz. Unter dem Schlagwort „Vom Feinde muß man lernen", schreibt das „Mähr. Tagbl." : Unsere czechischen Blätter beschäftigen sich derzeit wieder einmal mit der ihnen unbequemen politischen Stellungnahme der Juden und deren ausschlaggebenden Gewicht bei den Wahlen. Eines dieser Blätter sagt ganz richtig, daß, wenn es den Czechen gelingen würde, die Stimmen der Juden nur zu neutralisiren, damit schon eine derartige Schwächung des Deutschthums bei uns erreicht würde, daß dasselbe bei der weiteren Entwicklung der Dinge nicht mehr ein Uebergewicht erlangen würde. So lange, sagt dieses czechische Blatt, in den vordersten Reihen der Deutschen die Juden kämpfen, ist wenig Hoffnung auf einen baldigen Wechsel der Verhältnisse. Wir dächten, man sollte diese Worte gerade im Lager derjenigen deutschen Partei in Mähren nicht unbeachtet lassen, die stets für sich das Recht in Anspruch nimmt, daß sie zumeist für die uationaleStärkung desDeutschthums wirke. Wir brauchen in diesem Punkte wohl nicht deutlicher zu werden und darauf hinzuweisen, wie wenig man dem Deutschthum in Mähren nützt, wenn man die Juden zurü ckst ö ß t. National sein heißt in erster Linie nur darauf bedacht sein, die Größe und Entwicklung des eigenen Volkes zu' wahren. Man wahrt diese Entwicklung aber schlecht, wenn man aus seinen Kampfreihen überzeugte, willige Kampfgenossen a u s s ch l i e ß t und damit dem nationalen Gegner das Eindringen in die gelockerten Kampfreihen erleichtert. Das dürfen Christlich-Sociale sich erlauben, denen jedes deutsche Empfinden fremd ist, nimmermehr aber irgend ein anderer Deutscher, der das ehrende Prädicat „national" für sich in Anspruch nimmt. Prag. („A f i k e-J e h u d a“.) Unter überaus zahlreicher Betheiligung fand der Ecöffnungsvortrag des Vereines „AMe- Jehuda“, gehalten durch Herrn Dr. Brann, Docenten am Rabbinerseminar zu Breslau, am 15. d. M. im großen Saal des „Hotel Bristol" statt. Der gute Ruf des Vortragenden als Gelehrter und Geschichtsforscher, wie nicht minder das interessante Thema selbst „Freuden und Leiden im Ghetto" hatten viele Hunderte Wißbegieriger angelockt, die nach den einleitenden Begiüßungsworten des Vereinsobmannes Herrn Dr. Deutsch den Ausführungen des Vortragenden mit großer Aufmerksamkeit lauschten. Ausgehend von der ältesten Zeit, von der Entstehung des Mosaismus führte er uns die Gründe und Bedingungen vor, die im jüdischen Volke die Neigung zu jener Absonderung großgezogen haben, welche in der Diaspora im Ghettoleben ihren Höhspunkt erreicht hatte. An einzelnen trefflichen Beispielen zeigte er uns, wie trotz der äußeren Drangsale sich im Leben des Ghetto immer ein heiterer Sinn erhalten und entfalten konnte, der namentlich an den Freudentagen sich in Witzen und Späffen der drolligsten Art kundgab. Bon Abraham Jbn Esra, der diese Species in die jüdische Literatur einführte, bis auf die neueste Zeit erfreuten sich Humor und witziges Wortspiel im Ghetto- Judenthum einer besonderen Pflege und erwarben sich dort das volle Bürgerrecht. Um die Leiden des Ghettolebens zu überstehen, bedurfte das jüdische Volk einer besonderen, geradezu überirdischen Kraft, die es, aus seinem Glauben schöpfend, auch besaß, und diese Kraft wird es auch befähigen, die Unbill aller Zeiten zu überdauern. Der Vortrag, welcher eine Stunde währte und durch seine reichen Darbietungen das volle Interesse eines distinguirten Publicums in Anspruch nahm, wurde am Schluffe mit reichem Beifall belohnt. Anknüpfend an denselben fand zu Ehren des Gastes eine gemüthliche Zusammenkunft statt, in deren Verlauf zahlreiche Toaste gesprochen wurden. Budapest. (D e a k - F e i e r.) Unter imposanter Betheiligung der Bevölkerung, in Anwesenheit der Mitglieder der Regierung, der hervorragendsten Würdenträger des Landes feierte die Haupt- und Residenzstadt Budapest die 100. Wiederkehr der Geburt Franz Deak's. Wohl unter dem Eindrücke der herrschenden politischen Zustände war die Empfindung der Pietät eine tiefere und innigere, eine bewegtere, als sie sonst durch eine historische Feier ausgelöst ward. — Im israelitischen Tempel in der Dohäny-utcza hielt Rabbiner Dr. Samuel Kohn im Rahmen des gewöhnlichen Samstag-Gottesdienstes eine formvollendete Rede, in welcher er, der Deak-Feier gedenkend, die Bedeutung des Tages schilderte. Aus der Tages-Haftora nahm Rabbiner Dr. Kohn zum Texte folgende Stelle: „ . . Ich, Gott, berief Dich zur Gerechtigkeit und hielt fest Deine Hand. Ich bewahrte Dich und ich setzte Dich hin zum Bunde eines Volkes und zum Lichte der Völker, zu öffnen blinde Augen, herauszuführen aus dem Kerker die Gefesselten, aus dem Gefängnisse die, die im Dunkel wohnen. (Jes. 42, 6 u. 7.) Doetor Kohn führte Deak in seinen Leistungen bezeichnend vor und jeder Satz dieses Textes kam plastisch zu voller Geltung. Die zahlreiche Zuhörerschaft folgte gespannt dieser herrlichen Rede. Bei all dem Eifer und Feuer war keinerlei Luftzug aus dem hierzuland herrschenden „Lx-I,6x"-Wetter. Dr. Kohn pries an Deak seine Weisheit und seine Liebe für Vaterland und König, die zum Frieden, Wohle und Fortschritt des Vaterlandes geführt hat und Deak Ferencz's Andenken gesegnet erhält für immer. Dem Gottesdienste wohnte die gesammte Vorstehung der Religionsgemeinde, mit dem Präsidenten Hofrath Sigmund Kohner, an der Spitze, bei. — In derselben Weise zollte auch die Ofner israelitische Religionsgemeinde dem Andenken Deak's den Tribut der Pietät. Im israelitischen Tempel hielt Rabbiner Dr. Arnold Kiss eine Predigt, in der er ebenfalls Franz Deak's, des Weisen der Ration, gedachte. Ovationen für den scheidenden Lordmayor von London. Anläßlich des Scheidens des Londoner Lordmayors, Sir Samuel Markus, war Letzterer Gegenstand außerordentlicher Ovation. Der neugewählte Lordmayor, I. T. Ritchie, wies in