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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-11 · 37 (11.9.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
37 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr.S7 Bloch’s Jahrgang XX Centralorgan für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. Vk B. ft. Postsparragen-Amt Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1, Berggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. :K- ~^=- - --—^-——- Wien, 11. September 1908. -- Erscheint jeden Freit ag. -—4- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. * ■■■ ■ -t— ■■■■= =m Bejugsprsta flir Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. .-- - ' - =y& Inhalt: Leitartikel: Beirut und Kischenew. — Ein Wort an den interparlamentarischen Frled^cc>u«t:ß. — Fi'nsorge für „Verlassene Kinder". — Erinnerungen an Moritz Lazarus. — Zum ostafrikanischen Project der zionistischen Pnrtcilcitung. — Vom Javrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Eorrespondenzen: Ein Jude als Landesgerichtspräsident. Zum Proceß Saborski eontra Jedek. Wien. Mit dem Erlaß des italienischen Kriegsministers. Das goldene jüdische Herz. Haus und Schule. Die Anstalt zur Heranbildung israelitischer Krankenpfleger in Preßburg. Klattau, Rom, Petersburg. - Vermischtes: Wien, Kuttenberg, Hostomitz. — Feuilleton: Julian Meldohla. — Briefkasten. — Inserat?. |i Keirnt und Kischenem. In Beirut hat am 6. September eine Christenmetzelei ftattgefunden, die in Entstehung und Verlauf lebhaft an die jüngsten Judenmetzeleien in Kischenew erinnert. Es fehlen bisher noch verläßliche Angaben über die Zahl der Opfer, allein officielle Consulardepeschen beziffern die Zahl der Todten auf 30 Personen, während eine erheblich größere Zahl durch Gewehrfeuer verwundet wurde. Beirut ist eine mohammedanische Stadt und es ist ganz zweifellos, daß die Greuelthaten der christlichen Insurgenten in Macedonien den latenten Christenhaß der osmanischen Bevölkerung auch in Kleinasien zu Hellen Flammen angefacht haben. Ja, es scheint sogar, als ob an dem Gemetzel von Beirut der türkische Gouverneur Reschid Bey ebenso Schuld trage, wie an dem Kischenewer Maffacre der russische Gouverneur General von Raaben. Auch noch weitere Momente rechtfertigen die Behauptung, daß Betritt geradezu das Gegenstück von Kischenew sei. Wie die russische Regierung in ihrer amtlichen Darstellungbemüht war, die Mißhandlung eines christlichen Knaben durch einen jüdischen Carousselbesitzer als die unmittelbare Veranlassung des Maffacres hinzustellen, so erklärt die Pforte in einer officiellen Darstellung, daß die Ursache der Beiruter „Schlägerei" ein Angriff war, den einige christliche Individuen, deren Identität bisher nicht festgestellt werden konnte, auf vier friedliche Mohammedaner, die durch das Stadtviertel Masra gingen, ohne jeden Grund unternommen hätten. Hier wie dort thaten die Behörden ihre Schuldigkeit nicht, und die Truppen wurden zu spät in Bewegung gesetzt. Ja, der Vali von Beirut scheint expreß eine Erholungsreise in den Libanon unternommen zu haben, um der Verantwortung für das in seiner Abwesenheit veranstaltete Blutbad zu entgehen. Nur in einem Punkte unterscheidet sich Beirut sehr wesentlich von Kischenew. Die grauenhafte Hinschlachtung der Kischenewer Juden hat die europäische Diplomatie in ihrem Gleichmuthe nicht einen Augenblick gestört, und nur die nordamerikanifche Regierung hat so viel Muth aufgebracht, um eine von den Juden der Vereinigten Staaten an den Czar gerichtete Petition dem russischen Minister des Aeußern mittelst Kabeltelegramms — anzumelden. Die Antwort Rußlands und das Schicksal dieser Petition sind bekannt. Mit der Ablehnung chrer Uebernahme war die Action der nordamerikanischen Regierung abgeschlossen. In Beirut scheint sich die Sache anders entwickeln zu wollen. Ein amtliches ^Telegramm aus Constantinopel meldet, daß einige Chefs der diplomatischen Missionen bereits Vorstellungen bei der Pforte in Constantinopel erhoben haben und daß einige Großmächte beabsichtigen, Kriegsschiffe nach . Beirut zu entsenden. j Die Türkei ist nicht Rußland und christliche Menschenh leben gelten in den Augen Europas mehr als jüdisches Menschenleben. Doch nein! So stehen die Dinge nicht. Wäre die Türkei noch das alte, machtgebietende Reich, vor J dessen Janitfcharen das ganze christliche Abendland zitterte, dann würden die Menschenfreunde in den europäischen j Staatskanzleien sich auch um die christlichen Opfer j von Beirut so wenig kümmern, wie sie sich um - die Opfer von Kischenew nicht gekümmert haben, j Die Hinmordung von dreißig Christen in Beirut ist * nur ein. Vorwand mehr, um die Türkei weiterhin zu de- / müthigen und sie unter das kaudinische Joch des europäffchen Concertes zu zwingen. Aber von diesem Urgrund aller! politischen Verwicklungen in der Türkei abgesehen, wird man - doch nicht umhin können, die Frage nach den Quellen des rapid anwüchsenden Christenhasses unter den Mohammedanern j aufzuwerfen. Es ist dieselbe Frage, die von allen gerecht M und billig Denkenden nach dem jüngsten Boxeraufslande in China gestellt wurde. Man wirft den Juden in Rußland und in anderen antisemitischen Staaten vor, daß sie als ein fremdnationales Element in den Volkskörper eindringm und eine parasitische Existenz führen. Aber im Namen des Christenthumes geschieht seit Jahrzehnten in der Türkei und in China nichts anderes. Ein wilder Conceffionsschacher ist da und dort etablirt worden und die verschiedenen Interventionen der Mächte sind nichts anderes gewesen, als ebenso viele Brandschatzungen, durch welche man die Staatseinnahmen in fremde Taschen leitete und eine ungeheure Verarmung der eingesessenen Bevölkerung bewirkte. Es muß öffentlich festgestellt werden, daß die menschliche Habgier unabhängig vom Religionsbekenntnis und zu allen Zeiten sich derselben Mittel zu ihrer Befriedigung bedient hat, und wenn man die Bekenner des Islams und der Lehren des Confuze fragt, wer an ihrem Marke zehrt und an ihrem Blute saugt, so werden sie die Christen und nicht die Juden nennen. Die europäischen Mächte werden Kriegsschiffe nach Beirut entsenden, und wir hören bereits die tönenden Phrasen von den Pflichten der Humanität, von den Gesetzen der Civilisation, mit denen man diese Expeditionen einleiten und rechtfertigen wird. Wir aber erinnern in dieser Stunde daran, daß die Humanität sich verkrochen hat und die Civilisation nicht zu finden war, als es sich darum handelte, gegen die Schandthaten von Kischenew zu reagiren.

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