Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Seite 483 Bern. (Schweizer Israelitischer Gemeindebund.) Es ist ernstlich davon die Rede und dürfte in kürzester Zeit eine vollendete Thatsache werden, daß sich alle jüdischen Gemeinden der Schweiz zu einem gemeinsamen Bunde vereinigen wollen, welcher in allen die Juden betreffenden Angelegenheiten das entscheidende Wort ausgeben wird. Der Bund würde durch ein aus den delegirten Mitgliedern der einzelnen Gemeinden hervorgehendes Centralcomitc geleitet werden. Eine Gemeinde, die aus fünfzig Mitgliedern besteht, entsendet einen Vertreter, diejenige von hundert Mitgliedern deren zwei u. s. w., der Bund will nur die politisch-socialen Fragen, aber nicht die religiösen internen verfolgen.. Die Schweiz hat 2 Gemeinden mit einer jüdischen Gesammtbevölkerung von circa 12.500 Personen. Jerusalem. Der frühere Verwalter der Colonie Rischon Lezion Offawetzki hat den Umstand, daß die Colonie Mischmar Hajarden auf seinen Namen gekauft wurde, dazu benutzt, um von der Jewish Golonisation Association die Auszahlung eines sehr großen Geldbetrages zu verlangen. Als dieser Forderung keine Folge gegeben wurde, ließ er den ihm gesetzlich gehörenden Boden der Colonie mit Beschlag belegen. Der infolge dessen entstandene Proeeß endete schließlich mit einem Vergleiche. Herr Offawetzki erhielt 60.000 Frcs. ausgezahlt, wofür er seinen Grundbesitz in Rischon Lezion, Katrah und Safed auf die Jewish Golonisation Association übertragen hat. Ferner wurden 36.000 Frcs. an Herrn Friedmann aus Rosch Pinah als Deckung einer Forderung ausgezahlt, welche er gegen die Colonisten von Machnajim geltend gemacht hat. Der Boden letzterer Colonie. sowie die darauf errichteten 17 Steinhäuser sind nunmehr in den Besitz der Jewish Golonisation Association übergegangen. Der reichlich gefallene Regen hat eine glänzende Ernte zur Folge gehabt. Weizen, Gerste und Gemüse sind vorzüglich gerathen, hingegen dürften die Rebenpflanzungen nur einen mittelmäßigen Ertrag liefern. Rußland in Palästina. Seitdem der deutsche Kaiser in Palästina gewesen ist. hat Rußland dem Heiligen Land erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet. Seine Wirksamkeit wurde dort nicht offen zur Schau getragen, sondern versteckte sich hinter einer eifrigen Miflionsthätigkeit. Es gibt jetzt in Syrien und Palästina 155 russische Schulen mit 15.000 Schülern, vor drei Jahren hatten sie nur 9000 Kinder zu unterrichten. Ihr Hauptaugenwerk haben die Russen auf Jerusalem gerichtet. Hier kaufen sie Land und errichten Gebäude jeder Art. Missionshäuser, Schulen, Krankenhäuser und Klöster. Das russische »Neu-Jerusalem" bildet fast eine Stadt für sich und ist thatsächlich eine kleine Festung, die. von einer Mauer umgeben, das alte Jerusalem beherrscht. Frankreich hat seine historische Stellung als Beschützer des Christenthums im Orient an Rußland abgegeben; von der deutschen Regierung werden starke Versuche gemacht, eine ähnliche Stellung wenigstens in Bezug aus die protestantischen Gemeinden zu erlangen. Da Deutschlands Ehrgeiz sich aber nicht auf das religiöse Gebiet beschränkt, sondern auch Einfluß auf den Handel in Syrien gewinnen will und dies durch die Förderung der Bagdadbahn zum Theil erreicht hat, wird Rußlands dringender Wunsch, in Syrien festen Fuß zu faffen, noch bedeutend verschärft. Die Begründung von Schulen zur Erziehung der eingeborenen Kinder scheint der russischen Regierung ein vortreffliches Mittel zur Befestigung des russischen Einflusses. Es wird kein Geld gespart. Die begabtesten arabischen Schüler werden zur Vervollkommnung ihrer Erziehung nach Rußland geschickt. Sie kommen mit ruffischen Gattinnen zurück, werden Lehrer an den palästinischen Schulen, und da sie mit russischen Anschauungen großgezogen sind, thun sie ihr Bestes, diese ruffischen Gedanken auch in ihrem Heimatland zu verbreiten. Rußlands großes Ziel ist jetzt, auch auf die heiligen Stätten in Jerusalem die Hand zu legen, an denen es jetzt noch keinen Antheil hatte. Das griechische Heilige Grab und die griechischen Klöster haben bisher zur griechischen Kirche in Jerusalem gehört, und diese Körperschaft erkennt die Autorität der ruffisch-orthodoxen Kirche nicht an. Es scheint aber nur eine Frage der Zeit, wann Rußland die griechische Kirche verdrängt und sich selbst an ihre Stelle gesetzt haben wird. Wenn aber erst einmal die heiligen Stätten in russischen Händen sind, werden die Folgen nicht nur für die Griechen, sondern für alle an dem Frieden in Jerusalem intereffirten Nationen verhängnißvoll sein. Für die Juden sind alle diese Thatsachen von äußerster Wichtigkeit. Süd-Afrika. Eine vom Rechtsanwalt Alexander geführte jüdische Deputation wurde am 28. Mai vom Rechtsanwalt (Attornay- General) der südafrikanischen Colonie empfangen, um ihre Beschwerden über ungerechte Behandlung der Mischen Einwanderer entgegenzunehmen. Mr. Alexander führte aus» daß die Bestimmung der vom Kap-Parlament angenommenen Einwanderungsbill, wonach jeder Einwanderer eine seine Zulassung befürwortende Bittschrift in den Schriftzeichen einer europäischen Sprache niederzuschreiben und zu unterzeichnen habe, eine schwere Ungerechtigkeit gegen die jüdischen Emigranten enthält. Er bittet daher, daß die Worte »den Schriftzeichen" aus dem Gesetze entfernt werden mögen. Der Reichsanwalt gab zu, daß es nicht im Geiste des Gesetzes wäre, wollte man die von vielen Millionen in Europa lebenden Juden gesprochene Sprache nicht als eine europäische ansehen. Die gegenwärtige Regierung nimmt daher auch im Jüdischen niedergefchriebene Bittschriften für vollwerthig an. Dennoch ist es nichts ausgeschloffen, daß eine künftige Regirung weniger liberal sein und die Bestimmungen des Gesetzes ihrem Wortlaute nach anwenden könnte. Die Regierung wird daher dem Parlament ein Amendement im Sinne der Deputation vorlegen. Gleichzeitig ersuchte er die Mitglieder der Deputation, ihren ganzen Einfluß auszubieten, um zu verhindern, daß Leute ohne Mittel und ohne Handwerk jetzt schon nach Südafrika auswandern. Vermischtes. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chetvra-Kadischa in Wien I., Seitenstettengaffe 4 für arme kranke Glaubensgenoffen. Anläßlich des Ablebens des selig. Herrn Bernhard Pisk: Von Herrn Director Felix Rosenberg K 100.—. Wien. (Verlobung.) Fräulein Henriette v. Gold schmidt, Tochter des Herrn Hermann Ritter v. G o l dschmidt. hat sich mit Herrn Louis Raphael in London verlobt. Die Familie Raphael zählt zu den vornehmsten und angesehensten der jüdischen Gemeinde in London, die Braut ist wiederum eine Nichte des Wiener Cultusvertreters, k. k. Baurath Theodor Ritter v. Goldschmidt. Wien, den 21. Juli 1903. (Gedächtnißfeier für Frau Sofie von Gutmann.) Das Curatorium des israelitischen Mädchen-Waisenhauses in Döbling beging heute um 5 Uhr Nachmittags den ersten Todestag seiner vor Jahresfrist Heimgegangenen unvergeßlichen Präsidentin, der Frau Sofie von G u t m a n n. Im großen, zu einer Betstätte umgewandelten Anstaltssaale waren sämmtliche Zöglinge versammelt und brachten nach dem einleitenden Wncha-Gebete einen vom Obereantor S i n g e r für die Feier componirten dreistimmigen Chor stimmungsvoll und ergreifend zum Gehör, worauf Herr Doctor K a m i n k a in wirkungsvoller Festrede die großen Verdienste der edlen Heimgegangenen als Frau und unvergeßliche Präsidentin schilderte. Nach dem Anzünden des Seelenlichtes durch ein Hausmädchen recitirte Herr Obereantor .Singer das Seelengebet und den Kaddisch, wonach die Zöglinge wieder den Trostgesang »Seele, was betrübst Du Dich" vortrugen. Hierauf begaben sich sämmtliche Festtheilnehmer in das Vestibüle der Anstalt, allwo nach einigen einleitenden Worten seitens desDr. K a m i n ka die schwarzdrapirte marmorne Votivtafel, welche den Namen und Sterbetag der unvergeßlichen Präsidentin Frau Sofie von Gutmann in goldenen Lettern trägt, durch ein Anstaltsmädchen enthüllt wurde. Am feierlichen Acte betheiligten sich außer den Familienmitgliedern, dem Herrn David Ritter von Gutmann nebst Schwiegertochter Frau Dr. von G u t m a n n geb. Baronin von Günsburg und sämmtliche« Kindern, Frau Hofräthin von Pfeiffer, Frau Baronin Julie Schey-Koramla, Frau Weiß von Wellenstein, die Cultusvorsteher Herr Architekt Fleischer und Bezirksschulrath Dr. S p i tz e r, Gemeinderath Donat Zifferer, die Herren Dr. Herzka, Dr. Arthur K u r a n d a, Dr. K o h n, Dr. K a p r a l i k, Procurist L. L a z a r. Vorsteher Josef Iellin ek, Emil Jellinek, Adjunct Katz. Obereantor Guttmann und ersterCantor Schiller und eine große Anzahl von Festgästen, die im Rahmen dieses Berichtes anzuführen nicht möglich ist. Der Anstaltsdirectorin Frau Strakosch nebst ihren Hilfslehrerinnen gebührt für das Arrangementzund die exacte Durchführung der Festfeier, deren ergreifende Wirkung im Herzen aller Festtheilnehmer noch lange eine bleibende Stätte finden wird. Dank und Anerkennung. Schw . . .