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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 464 Dr. JSlocb’s Moebensebrttt. Nr. 29 schichte nicht berichten kann, und obwohl er die Heiligkeit unseres Tempels kannte, sie dennoch verschwieg, dagegen die Gefangennahme ernes Griechen, die schändliche Mästung, die Darreichung einer glanzenden Fülle von Speisen und das Betreten eines Ortes durch gemeine Leute, der selbst den Vornehmsten, wofern sie keine Priester waren, verschloffen blieb, ersann. Das ist doch wohl die ruchloseste Gottlosigkeit und bewußte Lüge, erdacht, jene zu verfuhren, welche die Wahrheit nicht untersuchen wollen. Durch solche unsagbare Schmähungen suchten sie uns zu erniedrigen." ') Wie aber ist diese Fabel entstanden? Ganz einfach: „Wie die Erzählung von der Eselsverehrung im Tempel zu Jerusalem ihren historischen Grund in der Jdentificirung der Juden mit den Hhksos hat, so ist die älteste Quelle der hier erzählten Sage in einer ähnlichen Uebertragung eines vorderasiatischen und zwar indogermanischen Cultus. Oberasiatische Völker nämlich, Perser, Saken, Jndoskythen, Armenier, Lydier pflegten, wenn auch erst seit ihrem Vorrücken in Vorderasien, der Göttin Anaitis zu Ehren das Fest der Sakäen zu feiern. Ein Gefangener wurde auf den königlichen Thron gesetzt, fünf Tage lang als König behandelt..und durste in Speise und Trank so üppig leben, als ihm nur beliebte. Zuletzt wurde der Gefangene geopfert, und das Volk ahmte in allerlei Wollust denselben nach.Das Ganze beruht auf einem raffinirten Kannibalismus, der von rohen Völkern bei ihrem Uebergange zur Cultur beibehalten wurde und noch ganz deutlich den Zusammenhang der Anthropophagie mit den Menschenopfern erblicken läßt. . . . Da kein einziger der alten Schriftsteller, die von den Juden berichten, von einer solchen Sache bei ihnen erwähnt, so ist anzunehmen, daß Apion entweder die Sache erdacht oder doch zuerst aus dem Volksmunde der seleuzidischen Griechen oder Hellenisten aufgegriffen habe. Auch das Anbriogen gerade eines Griechen scheint denselben Ursprung zu haben wie die Beziehung des Menschenopfers und der Anthropophagie auf die Juden. Man wollte die Juden namentlich den Griechen verhaßt machen, besonders zur Zeit des Antiochus Epiphanes." *) Uud auch diese grauenvolle Anklage wurde von den Heiden gegen die Christen in den ersten Jahrhunderten erhoben. Zuerst lesen wir davon bei Justin Martyr (lebte um die Mitte des 2. Jahrhunderts). In seinem Dialoge mit dem Juden Tryphon sagt er einmal: „Ihr werfet uns nichts anderes vor, liebe Männer, als daß wir unsere Lebensart nicht nach dem Gesetze einrichten, daß wir weder uns beschneiden, noch den Sabbath mit euch halten. Ich will jedoch nicht sagen, daß auch ihr vielleicht von uns glaubt, daß wir Menschen essen und nach einer schwelgerischen Mahlzeit die Lichter verlöschen, um uns auf eine gesetzwidrige Weise zu vernichten." — Nein, die jüdischen Gegner des Christenthums glaubten derartige ungeheuerliche Verleumdungen nicht, und der Jude Tryphon erwidert : „Derlei Diuge verdienen keinen Glauben, weil sie wider die menschlicheNatur sind."3) — Einige Jahrzehnte später vertheidigte Athenagoras die Christen gegen die Beschuldigung, daß sie Menschenfleisch essen. Wer wolle, sagt er, von Menschen, deren ganzes Leben Gott geweiht, glauben, daß sie auch nur im Gedanken solche Laster begehen könnten, von Menschen, die auf ein zukünftiges besseres Leben hoffen und die da wissen, daß Gott selbst ins Herz schaue uud daß ihm die menschlichen Gedanken und Worte nicht verborgen bleiben? Wie wolle man glauben, daß Menschen von solchen Grundsätzen so leben könnten, wie mau sie schildere? *) — Bei Minucius Felix sagt der Heide Cäcil von den Christen: Es ist ja bekannt, was man sonst sagt, daß sie ein Kind mit Mehl bestreuen, es mit vielen Wunden tödten, sein Blut trinken und sich durch dieses Opfer verbinden. Darauf erwidert Octavius: „Wie unbillig es sei, Beschuldiguugen im Munde zu führen, die man nicht genug untersucht hat, das dürft ihr uns, die wir es jetzt genug bereuen, glauben. Denn auch wir haben vordem eben dasselbe von d?u Christen geglaubt, daß sie Mißgeburten verehren, Kinder essen, unzüchtige Mahlzeiten und Zusammen¬ .') Das.: ...... Haec ergo pessima est impietas atque mendaeium spontaneum, ad eoram seductionem, qui noluerunt discutere veritatem, per' ea siquidem mala ineffabilia, quae praedicta sunt, nobis detrahere teutavere. *) Müller, des Flav. Joseph. Schrift gegen Apion, S. 263 f. *) Dia!, e. Tryph. c. JO. Cf. Justin. Apol. I, 26; II, 12. 4) Athenag. Legatio pro Christianis, 3, 32, 35. künfte halten. Wir dachten nicht, daß dies so von Jedermann immer in den Tag hinein nachgesagt werde, ohne daß es jemals untersucht oder bewiesen würde?)-Mau gibt also vor, daß wir uns mit der Ermordung und dem Blute eines Kindes entweihen? Und hältst du es wirklich für möglich, daß Menschen solches vollbringen? Eher noch würdet ihr es thun, da ihr nicht besser von eueren Göttern belehrt worden seid. Sagt man doch beispielsweise von Saturn, daß er seine eigenen Kinder verzehrt habe. Bei uns aber ist es nicht einmal erlaubt, von einem Morde auch nur zu hören oder zu sehen, wir scheuen uns so sehr vor Menschenblut, daß wir nicht einmal das Blut von Thieren für genießbar halten."* 2) — „Man beschuldigt uns", klagt Tertullian, „daß wir Kinder umbringen und sie verzehren, daß wir ferner bei unseren Zusammenkünften die Lichter durch Hunde auslöschen, um im Finstern Unzucht zu treiben. Seit der Zeit des Tiberius — denn der allgemeine Haß fing sogleich an — werden derartige Dinge über uns ausgestreut, und bisher ist noch nicht eines derselben gerichtlich erwiesen worden. — Die Natur selbst streitet für uns wider solche Gerüchte, die ja solche Schandthaten in allen Menschen aufs Höchste verabscheut. Oder sind etwa die Christen weniger Menschen als andere? Freilich ist es euch leichter, solche Frevel von uns zu denken, weil unter euch manche ähnliche Verbrechen begangen werden. Wir aber halten das Blut überhaupt nicht für eßbar und enthalten uns daher auch des Erstickten." 3) Diese historischen Rückblicke zeigen, aus welche Weise Sagen und Fabeln, wie die hier besprochenen, entstehen und fortwucheru, und zu welch verheerenden Waffen sie in den Händen gewissenloser und rühriger Agitatoren, vom Schlage des „Ochlagogen" Apion, werden können. Wien. M. F r i e d l ä n d e r. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 9. Juli 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiscrl. Rath H. Klinger. Beginn der Sitzung 5 Uhr Nachmittags. An Spenden sind eingelaufen: Bon der israelitischen Cultusgemeinde Sarajevo als Ergebniß einer Sammlung unter den Gemeindemitgliedern für die Opfer der jüngsten Ereignisse in Kischenew und Uhnow.K 347.— Bon der Cultusgemeinde Sniatyn für die unglücklichen Glaubensgenoffen in Kischenew Sammelspende von „ 105.53 Vom „Vereine zur Bekleidung armer alter Männer israelitischer Confession für die unglücklichen Glaubensgenossen in Kischenew.„ 56.— Bon Herrn Max Grünberger, Ergebniß einer Sammlung für die armen Juden in Kischenew . . . „ 20.— Bon Herrn Theodor Neustadt! anläßlich der Confirmation seiner Tochter, für Armenzwecke . . . „ 10.— Aus dem Einlaufe wird bekanntgegeben: Eine Mittheilung des Herrn Statthalters von Niederösterreich als Vorsitzenden des Landesschulrathes, betreffend die neuerliche Ernennung des von der Cultusgemeinde in Vorschlag gebrachten Vorstehers Phil, und Jur.-Dr. Markus Spitzer zum Mitgliede des Bezirksfchulrathes der Stadt Wien als Vertreter des israelitischen Religionsunterrichtes für eine sechsjährige Functionsperiode. Anknüpfend hieran beglückwünscht der Vorsitzende Herrn Dr'. Spitzer zu dieser Ernennung und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß er seine ersprießliche Thätigkeit im Jntercfle eines gedeihlichen Religionsunterrichtes fortsetzen werde. Herr Dr. Spitzer dankt 9 Minuc. Eel. 9, 28: Nec intelligebamus, ab his fabutas istas semper ventilari et nunquam vel iuvestigari vel probari, uec tanto tempore aliquem existere, qui proderet, non tantum facti veniam, verum etiam judicii gratiam consecuturum. 2) Das. c. 28, 31. a) Tertull. Apol. c. 7 sqq.

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