Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 436 Dr. Dlocb's Wocbenscbrtft Nr. 27 volutionären Kräfte einen gewaltigen Vorschub gerade infolge der Ereignisse erfahren hat. Das ist ein Lichtblick in dem düsteren Bild mittelalterlichen Bolkswahnsinns und verruchter Regierungspolitik, wie es die Maitage 1903 in Rußland enthüllten. Bon jeglicher Staatshilfe verlassen, wird der jüdischen Einwohnerschaft in den gefährdeten Städten die Selbstvertheidigung geradezu aufgezwungen, eine Organisation der Volkswehr förmlich aus dem Boden gestampft. Die letzten Veröffentlichungen des jüdischen Bundes bringen auch darüber ungemein interessante Nachrichten aus Kiew. Hier befürchtete man ebenfalls, besonders in den Tagen um den 1. Mai, Krawalle. Gegen 30.000 jüdische Familien verlassen die Stadt. Die übrige jüdische Bevölkerung orgamsirt einen , Selbstschutz*. Ungefähr zweihundert jüdische Studenten haben sich mit Waffen, Knüppeln, Messer und Revolver ausgerüstet, ihnen gliederten sich jüdische Arbeiter, endlich auch andere Volksgenossen an. Fast alle jüdischen Tischler und Schlosser waren zeitweilig mit Anfertigung von Waffen beschäftigt. Die Reicheren gaben Geld dazu. Diese jüdische Volkswehr ist in Abtheilungen von je zwanzig Mann organistrt und den freigewählten Comitss des Selbstschutzes unterstellt. Jede Abtheilung ist mit dem Centrum durch Telephonleitungen und Radfahrer verbunden; in fünfzehn Minuten können, wie probeweise Alarmirungen zeigten, größere Massen an den verschiedensten Punkten der Stadt vereinigt werden. Drei Tage und drei Nächte kam man nicht aus den Kleidern, da man jeden Augenblick einen Angriff zu gewärtigen hatte. In einer großen Zahl von Proclamationen wendete sich das Comite des Selbstschutzes an die jüdische und russische Einwohnerschaft. Unter Leitung eines Mitgliedes des Kammergerichtshofes organisirten, dem Aufruf folgend, auch die Russen Hilfscorps. Die Professoren des Kiewer Polytechnikums erklärten sich bereit, das Institut und ihre Privatwohnungen jüdischen Frauen und Kindern als Zufluchtsort zur Verfügung zu stellen, ja, sollen selbst sich zu einer „Abtheilung* zusammengeschlossen haben. Zur Auskundschaftung der judenfeindlichen Stimmungen und Maßnahmen trieben sich jüdische und russische Studenten, als Vagabunden verkleidet, auf den Bazaren herum, gingen in die Spelunken und übernachteten in den Nachtasylen rc. Hierbei leistete die russische Jugend besonders werthvolle Dienste, da die Juden leichter erkannt wurden. Kurz. Kiew glich einer belagerten Stadt. Am 3. Mai kam es auch wirklich zu Versuchen antisemitischer Krawalle; sie wurden aber sofort schon von der Polizei unterdrückt, in beiden Fällen war auch die Organisation der Selbstwehr sogleich zur Stelle. Aehnliches erzählt eine Nachricht aus Pinsk: Am 1. und 2. Mn waren wir mit der Organisation einer Miliz zur Selbstwehr beschäftigt, es gelang, gegen 300 kräftige Gesellen, Zimmerleute, Fleischer, Fuhrleute und dergleichen, zu organisiren. Wir werden uns bis zum äußersten vertheidigen. Washington. Die rvflische Regierung notificirteder Regierung der Vereinigten Staaten, daß sie den Entschluß des Präsidenten Roosevelt, eine Bittschrift jüdischer Bürger über die Vorgänge in Kischenew der russischen Regierung zu übermitteln, tief bedauere. Sie hoffe, die Vereinigten Staaten werden sich mit ihren zum Ausdrrck gebrachten Sympathie-Aeußerungen zufriedengeben. Das Auswärtige Amt werde die Petition zurückweisen und auf Grund seiner Politik, sich jeder Einmischung in innere Angelegenheiten fremder Mächte zu enthalten, für sich selbst auf der gleichen Behandlung bestehen. NewDork. Nach einer Meldung der .Newyork Times"' istder russische Botjchaster in Washington, Gras Cassini, über die Wendung der Dinge wegen der Haltung des Präsidenten Roosevelt in der Kischenew-Frage in Unruhe. Er erwäge ganz offen die Möglichlichkeit seiner Abberufung. Vermischtes. Aranzablösungsfpenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien I., Seitenstetteugaffe 4 für arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens der seligen Frau Hedwig R o s e n f e l d: Von Herrn Emil Braun, I., Rudolfsplatz, K 10.—; Walter Fischer, XVnL, Pötzleinsdorferstraße 3<iO, K 15.—; Max Rosenfcld, XHL, Seb. Brunnergasse 11, K 20.—. Zusammen K 45.—. Anläßlich des Ablebens der selig. Frau Jlma Brunner: Von Rudolf und Mathilde Kohn, I., Rothenthnrinstraße 17, K 10.—; von Frau Sahnhof X 10.—. Zusammen K 20.—. Wien. In der am 25. Juni d. I. unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath Kling er stattgefundenen, der Erledigung von Steuerangelegenheiten gewidmeten Plenarsitzung gelangte auch eine an den Cultusvorstand gerichtete Zuschrift des österreichischen L indes-Cornilez des Verbandes „Zion* mit der Einladung zur Theiluohme an dem in Wien staltfiudenden zionistischen Parteitage zur vollinhaltlichen Verlesung. Der Vorstand hat diese Zuschrift dahin beantwortet, daß er sich nicht in der Lage erachte, zu dem am 28. und 29. Juni stattfiidenden Parteitage Delegirte zu entsenden. * Wien. Am 2. d. M. fand im Sitzuugssaale der israelitischen Eultusgemeinde eine Sitzung der Bezirks-Commission des II. und XX. Bezirkes statt, welcher der Obmann der Commission Herr Adolf Schrämet präsidirte. Auf der Tagesordnung stand: Die Nothwendigkeit der Bestellung eines Gemeinderabbiners für den XX. Bezirk Brigittenau. Herr Heinrich Weiner leitete die Debatte ein, indem er darauf hinwies, daß die löbliche Cultnsgemeinde in allen Fällen, wo die Hilfe der Muttergemeinde erforderlich war, der Brigittenau hilfreich zur Seite stand, und betonte namentlich, als dem Brigiitenauer Tempelvereine nach Fertigstellung des Tempels die Belehnung versagt wurde, die loyale Gewährung eines bedeckten namhaften Credits. Für diese von der Gemeinde erhaltenen Wohltbaten seien die Mitglieder des Brigittenaucr Tempelvereines gewiß sehr dankbar, aber cs muß doch dabei berücksichtigt werden, daß die Brigittenau heute einer der mit Glaubensgenossen meist bevölkerten Bezirke ist, indem daselbst nahe an 13.000 Inden wohnen und daß davon zumindest 11.000 der armen und ärmsten Classe angehören. Dieser Umstand allein spricht schon für sich, daß die löbliche Cultnsgemeinde in Ansehung der Verhältnisse weitgehende Concessionen machen sollte; andererseits ist der Brigittenaucr Tempelverein gewiß bemüht, dem löblichen Vorstande der Cultnsgemeinde die Last bedeutend „u erleichtern, denn dieser Verein sorgt für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse im Bezirke im vollen Umfange, und wenn der Verein seit Heuer von der löblichen Cultnsgemeinde eine Subvention von 2600 Kronen auch bekommt, so reicht diese kaum ans, um die Zinsen und Annuitäten des erhaltenen Darlehens zu bestreiten. Es ist selbstverständlich, daß zur Abhaltung eines würdigen Gottesdienstes die Anwesenheit eines Rabbiners eine unbedingte Nothwcndigkeit ist; einen solchen zu erhalten, sei jedoch der Brigittenaucr Tempelverein bei seinen jetzigen Einnahmen nicht im Stande. Er bittet daher, die löbliche Bezirks-Commission möge sich dieser Argumentation nicht verschließen und niöge beschließen: Es sei dem löblichen Cultusvorstande dringend zu empfehlen, für den Brigittenaucr Tempel einen Gemeinderabbiner zu bestellen. Vertrauensmann Herr Boskowitz sagt: Er anerkenne die Verdienste der Herren in derBrigittenan, namentlich die Leistungen des Tempelvereinsvorstandes, müsse sich jedoch rin Principe gegen jede Mehrbelastung der Cultnsgemeinde ansiprechen, insolange nicht die Armenangelegenheiten der Gemeinde geordnet erscheinen; im Uebrigen mögen die Brigittenaucr es ruhig den« Ernnsse» des Vorstandes der Cultnsgemeinde überlassen, der loyal genug ist. um einzusehen, daß das Bedürfniß eines Rabbiners für diesen Bezirk eine dringende Nothwendigkeit ist. Herr Dr. Rosenthal polemisirt gegen den Vorredner und meint, die Wichtigkeit der Aufnahme eines Rabbiners für die Brigittenau könne nicht abgesprochen werden. Es spreche schon der Umstand der großen jüdischen Bevölkerungszahl dafür. Es läßt sich diese Angelegenheit absolut nicht mit der Armcnanpelegenhcit der Cultusgemeinde verquicken. Er setze zwar in die Loyalität des löblichen Eultusvorstandcs das größte Vertrauen, müsse jedoch bemerken, daß ein Gesuch des Brigittenaucr Tempelvereines seit Jahresfrist diesem löblichen Vorstände mit voller und eingehender Motivirung unterbreitet wurde, dasselbe jedoch bis heute weder eurer Erledigung theilhastig, noch einer Beantwortung gewürdigt worden ist. Er müsse die Herren bitten, dieser Angelegenheit volle Anfmcrksamkeitzu schenken und ernstlich zu beurtbeilen, ob in einem Bezirke, wo 13.«oo jüdische Seelen wohnen, wo alle Samstage Confirmationen, alle Sonntage TrauungiN . st-rttfinden, die Bestellung eines Rabbiners eine Nothwendigkeit sei, und ersuche daher, die löbliche Bezirks-Commission möge ihr Votum durch einhellige Annahme der vorbereiteten Resolution zum Ausdrucke bringen Es ergreift sonach das Wort Herr David Pollatschek und führt aus: Es sei stets der Stolz der Brigittenaucr Tempelvereins-Vertretung gewesen, sich selbst zu erhalten und die Muttergemeinde so wenig als nur möglich in Anspruch zu nehmen. Der Beweis hiefür sei der Umstand, daß die Subvention bis zum heurigen Jahre blos 1000 L betrug und seit Heuer erst verdoppelt wurde. Die Verwendung dieser Subvention wurde bereits von einem Herrn Vorredner erörtert und auch der Umstand, daß der Verein keine materielle Hilfe mit derselben hat. Nichtsdestoweniger hat der Tempelverein für die Erhaltung des Tempels und semer Angestellten ein jährliches Ausgaben-Budget von annähernd 20.000 Kronen zu bestreiten, und wenn bei dieser Gelegenheit ausgeführt wird, daß der Verein, der nur etwas über 300 Mitglieder zählt, für die religiösen Bedürfnisse von 13.000 Seelen zu sorgen hat, so sei schon der Beweis erbracht, daß erstens die größte Anzahl der in der Brigittenau lebenden Juden der ärmsten Classe angehört, also nicht unterstützungsfähig, sondern vielmehr unterstützungsb.dürstig ist, und zweitens, daß die kleine Anzahl der Mitglieder durch Mitgliedsbeiträge und Tempelspendcn zu solchen Opfern