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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-19 · 25 (19.6.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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- . <3*3 Vr. Bloches Wochenschrifk. Nr. 25 Gelte394 Allerdings — weder die Türkei, noch Egypten, noch China sind christliche Staaten, während Serbien sich des Vorzugs erfreut, der christlichen Völkerfamilie zugezählt zu werden. Das ist der Unterschied zwischen dem Königsmorde von Belgrad und den Herrschermorden in osmanischen und buddhistischen Staaten. Die Handlungsweise jenes Metropoliten Jnnocenz, der den ermordeten Alexander getauft, gekrönt und gesalbt hat und der dem geschändeten Leichnam seines Königs ein würdiges Begräbniß verweigert, um auf diese Weise sich die Gunst des neuen Herrschers zu sichern, ist typisch für die Auffassung des Belgrader Königsmordes seitens des ganzen christlichen Europa. Die Heiligkeit des Eides ist mit Füßen getreten, das göttliche Gebot: „Du sollst nicht morden!" ist mit thierischer Grausamkeit verletzt worden. Aber- Europa breitet den Schleier der christlichen Nächstenliebe über die serbische Mordbande und die orthodoxe Kirche wird das Verbrechen vom 11. Juni sanctioniren, indem sie seinen Urhebern und Werkzeugen Ablaß gewährt uneingedenk des Wortes: „Wer Blut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden". Wer wird darüber staunen, da ja das Gemetzel von Kischenew im Namen dieses orthodoxen Glaubens vollbracht worden ist. UmgestLIpler Antisemitismus. Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Herr Red a cteur! Soeben wird mir Nr. 23 des „Jüdischen Volksblattes" vom 5. Juni vorgelegt, welche an erster Stelle eine Liste von getauften Juden enthält als Anklage gegen den Wiener Cultusvorstand. Die Liste wird als Beweis aufgeführt, „daß der Abfall ein geradezu Schrecken erregend großer ist"; „daß es die größte Sorge der Repräsentanz der israelitischen Cultusgemeinde sein sollte, dieser Abfallsbewegung entgegenzutreten". Gegen den Bicepräsidenten Herrn Dr. G. Kohn wird wegen seiner Rede in der Vorstandssitzung vom 10. Mai die Anklage erhoben, „wollend oder nichtwollend, bewußt oder unbewußt" „der Abfallsbewegung einen Erklärungsgrund und damit einen neuerlich kräftigen Anstoß gegeben" zu haben. Es ist zweifellos, daß der Wiener Cultusvorstand verpflichtet ist, der Abfallsbewegung seine ernsteste Aufmerksamkeit zuzuwenden und Alles aufzubieten, was im Bereiche seiner Macht gelegen, die Gemeindegenossen dem Judenthum zu erhalten. Allein die Liste ist derart stümperhaft zusammengestellt, zeigt eine solch crasse Unkenntniß der Verhältnisse und Personen in der Wiener Gesellschaft, daß der Leser von der Größe der Gefahr kaum eine Ahnung erhält. Es befinden sich unter den aufgeführten „Abgefallenen" z. B. Dr. Simon Somary, der nahezu zwanzig Jahre der katholischen Kirche angehört, auf den die Rede des Bicepräsidenten vom 10. Mai d. I. unmöglich eingewirkt haben kann, oder der Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Otto Frischauer, der in Graz geboren, dort sofort bei seiner Geburt getauft worden ist. Sämmtliche 36 Mitglieder des Wiener Israelitischen Cultu?Vorstandes zusammen mit dem angeblich so mächtigen und so heflig befihdeten k. k. Landesschulrath Dr. Gustav Kohn hätten die Taufe des jungen Frischauer nicht verhindern können, da seine Mutter damals bereits Katholikin war. Diese Liste wäre absolut ungeeignet, „Schrecken" zu erregen. Ueber die zahlreichen Conversionen, welche in den letzten Jahren erfolgt sind, vermißt man jede nähere Mittheilung. Was mich aber speciell veranlaßt, zu dieser Frage bei Ihnen um das Wort zu bitten, ist folgendes persönliches Erlebniß. Vor circa zwei Jahren begegnete ich auf der Ringstraße dem Schriftsteller Herrn Felix Rappap o r t. Nach einer kurzen Unterhaltung fragte er mich: „Haben Sie Ihre Kinder schon taufen lassen? Warum lassen Sie sie denn nicht taufen?" Der weitere Inhalt der Unterhaltung, der dann intim persönlicher Natur wurde, braucht hier weiter vorläufig nicht erwähnt zu werden. Die Apostasie eines Felix Rappaport wird dem Cultusvorstand nicht vorgehalten, obgleich gerade diese unter seinem Regime stattgefunden. Allein die eine Frage möchte ich mir gestatten: „Herr Richard Rappaport, der Präsident des „Jüdischen Volksvereines" und Aushälter des „Jüdischen Volksblattes", ist ein Bruder des Herrn Felix Rappaport! Warum vermochte der „Führer" der Wiener Nationaljuden seinen leiblichen Bruder nicht von der Taufe zurückzuhalten. Was hat er in seiner einflußreichen Stellung an der Spitze der „Jüdischen Nationalpartei'' unternommen, um den Abfall und den Verrath in seiner eigenen Familie zu verhindern? Es ist wahr, Geschwister sind für einander nicht verantwortlich, auch Eltern nicht für das Verhalten ihrer Kinder! Dann scheint mir aber auch Herr Dr. Richard Rappaport moralisch verpflichtet zu sein, seinem Leibjournalisten die Belehrung zu ertheilen, daß den Wiener israelitischen Cultusvorstand für die Taufe eines Dr. Max Anton Löw, dessen Name in der erwähnten Liste ebenfalls zu lesen ist, unmöglich die Verantwortung trcffen kann. Der Abfallsbewegung entgegenzutreten, ist nicht die Pflicht allein des CultusvorstandeS und der Seelsorge, sondern aller Factoren des jüdischen Gcmeindelebens, ja jedes einzelnen treuen Juden. Da muß ich auf eine offene Wunde den Finger legen. Unsere Feinde sind unermüdlich, das Judenthum, seine Lehre und seinen Cultus, seine Traditionen und Institutionen durch Schmähungen und Lügen herabzuwürdigen und der öffentlichen Verachtung preiszugeben. Es bedarf großer Geistesstärke, energischen Pflichtbewußtseins, um in einer solch bösen Zeit treu bei der Fahne auszuharren, den Lockungen und Zureden verrätherischer „Freunde" zu widerstehen. Wenn aber Schmähungen und Verleumdungen gegen die Rabbinen, gegen den Oberrabbiner, gegen die Präsidenten und Leiter der Gemeinde in der antisemitischen Hetzpresse leider jüdischen Ursprunges sind, wenn gegen die leitenden Persönlichkeiten des Wiener Judenthums Verleumdungen im „Jüdischen Volksblatt" fabricirt und im „Deutschen Vvlksblatt" und in der „Deutschen Zeitung" regelmäßig mit großem Behagen und offenkundiger Schadenfreude als Kronzeugnisse „jüdischer Corruption" und Bestechlichkeit abgedruckt und weitergegeben werden, dann frage ich jeden wohlmeinenden, ruhig denkenden Juden, ob damit nicht die Taufe und der Abfall am meisten gefördert wird. Angesichts des namenlosen Hasses, welcher uns von Außen überall begegnet, und des gegenseitigen Zerfleischens im Innern, da ergreift manch Charakterschwachen ein Gefühl der Verzweiflung, er hält eine Gemeinschaft für verloren, welche in einer Zeit bösartigen äußeren Kampfes nicht einmal im Innern Eintracht und Frieden zu erhalten vermag. Aus dieser Thatsache allein, beim Lescn von Schmähartikeln im Vergani-Blatt mit Quellenangabe: „Jüdisches Vvlksblatt", haben, wie mir bekannt, manche bereits Conscquenzen gezogen, welchen der Wiener israelitische Cultusvorstand nicht entgegenzutrcten vermocht hätte, weil ihm die Machtmittel dazu fehlen und überdies seine moralische Autorität systematisch untergraben wird. Herr Felix Rappaport empfiehlt in intimen Kreisen seinen Freunden die Taufe, und Herr Richard Rappaport läßt durch bezahlte Scribenten die Wiener jüdische Gemeinde, ihre Seelsorger, ihren Oberrabbiner, ihre Führer und Vorsteher öffentlich beschimpfen und verleumden. Die beiden Brüder sind mit einander jedenfalls nicht im Einverständniß, allein sie ergänzen sich in ihrer Arbeit. Felix propagirt die Taufe als „moralische Verpflichtung" und Richard klagt den Vorstand an, daß er die Taufen nicht hindere. „Wollend oder nicht wollend, bewußt oder unbewußt": die innere Intention unterliegt nicht meiner Controle. Nur die Thatsache soll festgelegt werden: Felix hilft dem Richard, und Richard unterstützt den Felix; beide „retten" das Judenthum. Und die jüdische Oeffentlichkeit läßt derlei Erscheinungen ruhig über sich ergehen, ohne Kritik, ohne Empörung. Feiglingen werden solcherart die billigsten Vorwände zur Fahnenflucht geboten. Man wundert sich sogar, daß solche „ungünstige Verhältnisse", wie Herr Dr. Gustav Kohn sich zart ausdrückte, und angesichts der zahllosen Hindernisse, welche jedem Juden in seiner Carriere sich entgegenstellen, die Ziffern der Abfälle nicht noch höher steigen lassen. Liebe zum Judenthum, gegenseitige Achtung und Respectirung, diese Tugenden sind das einzige und das beste Mittel gegen den charakterlosen Abfall; gegenseitige Denunciation und Verleumdung, die Beschmutzung und Besudelung des jüdischen Namens vor der Oeffentlichkeit ist die gefährlichste Förderung und Propaganda der Taufe. Daß von autoritativer Seite diesem schädlichen Treiben mit Gleichgiltigkeit zugeschaut wird, kann ich weder begreifen noch billigen. Auch Dr. Bloch's „Oesterreichische Wochenschrift" hat gegen die inneren Schädlinge häufig die Energie leider vermissen lassen. Ich rechne trotzdem darauf, daß Sie geehrter Herr Redacteur, mit Ihrer altbewährten Treue und Hingebung, ohne Rücksicht auf die etwaigen Conscquenzen und voraussichtlichen Beschimpfungen, vorstehenden Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Raum gewähren. >>- -i°

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