Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Rr. 23 Dr. Blvch's Wochsnschrifr. Sette S75 Staffeleien mit begonnenen und halbfertigen Arbeiten; daneben lag auf einem Tischchen eine herrliche faltige Toga nebst einem alten Goldschmucke, bestehend in einem ciselirten Goldgürte! und einem Halsgehänge. Die kleine Blaustein sollte ihm heute zu einem Bilde sitzen, das für die Ausstellung bestimmt war und eine junge Römerin darstellen sollte. Im Nebenzimmer war der Frühstückstrsch gedeckt. Es war ein traulicher Raunr mit bequemen Stühlen und weichen Ruheplätzen, schwellenden Kissen und Schmnckgegcnständen. Die Teppiche waren so dick, daß der Fuß in ihnen versank. Kurt von der 'Walde stand in der Regel um 6 Uhr Früh auf, nahm dann zumeist nur eine Tasse Kaffee, die er sich selbst an seine Sl affelei trug; um 10 Uhr nahm er mit seiner Schwester und deren Tochter gemeinsam das Frühstück. Kurt warf mit einer Geberde des Unmuthes den Pinsel auf die Palette — heute wollte ihm die Arbeit nicht recht vom Fleck gehen — und trat in das anstoßende Speisezimmer. Er mochte einige Minuten auf und abgegangen sein, als der Diener erschien und eine Dame meldete, die sich durchaus nicht abweisen lassen wolle. Die Dame, so meinte der Diener, scheine mit den Lebensgewohnheiten des gnädigen Herrn bekannt zu sein, denn sie weiß, daß der gnädige Herr zu so früher Stunde zu Hause und bei der Arbeit zu treffen sei. Bon der Walde gab dem Diener durch ein leichtes Kopfnicken zu verstehen, daß er die Dame in's Atelier führen solle. Im selben Augenblicke, als von der Walde die Thür des Speisezimmers hinter sich schloß, öffnete der Diener die gegenüberliegende Thüre, um eine verschleierte Dame ins Atelier eintreten zu lassen. Tiefe Röthe überflog von der Walde's Gesicht, als die Dame den Schleier zurückschob und er in der Eingetretenen Julie von Blauftein erkannte. Neun Jahre waren verflossen, seitdem das Verlöbniß gelöst wurde, und diese Zeit war an Julie nicht spurlos vorübergegangen. Das einst so schöne, wenn auch ernste Gesicht, war nun vollends düster und schwermüthig und durch das schwere Leid schneller noch als durch bi*» Jahre gealtert. Scharfe Linien zogen sich um die hohe Stirn und um die Mundwinkel hin; das dunkle Haar war nicht mehr glänzend, und schon stark mit Grau gemischt. Kurt von der Walde war trotz seiner fünfundvierzig Jahre noch ein schöner Mann. Die Gestalt war noch schlank, biegsam, hatte die ganze Frische der Jugendlichkeit sich erhalten, und nur an den Schläfen war das früher so volle, blonde Haar stark gelichtet. Die ganze Erscheinung aber war noch immer interessant, konnte noch immer fesseln, umsomehr, als sein weltmännisches Benehmen tadellos war. Mit aufeinandergepreßten Lippen standen sie einander einige Minuten gegenüber, bis von der Walde den Bann brach und mit einer leichten Handbewegung auf einen Stuhl deutete. Julie lehnte diese Einladung mit einem Kopfschütteln ab. Kurt's Ruhe gab auch ihr die Fassung wieder, so daß sie zu sprechen beginnen vermochte. „Ich hätte nicht gedacht, je in die Lage zu kommen, Ihnen gegenübertreten zu müssen. Sie können sich also denken, daß es etwas Ungewöhnliches ist, das mich dazu zwingt. Ich werde mich kurz, fassen. Es wird mir das umso leichter fallen, als Ihnen ja der Zweck meines Besuches bekannt sein muß; das beweist die Skizze auf der Staffelei/ Dabei deutete sie auf die von der Morgensonne hell beleuchtete Staffelei. Von der Walde schob in seiner Verlegenheit die Staffelei vom Fenster weg und antwortete: „Gnädige Frau sind mir jederzeit willkommen." Das verbindliche, weltmännische Benehmen schien Frau von Blaustein noch mehr zu erregen, denn es währte einige Zeit, ehe sie weiter sprechen konnte. Sie kämpfte aber die Erregung nieder und fuhr fort: „Ich komme mit einer Bitte zu Ihnen. Sie bemühen sich um meine Tochter, obgleich Sie wissen, daß zwischen Ihnen und meinem Kinde eine Verbindung unmöglich ist." „Unmöglich? Gnädige Frau scheinen von einer falschen Voraussetzung auszugehen. Ich liebe Ihre Tochter, sie scheint diese Neigung zu erwidern, und was sollte mich zwingen, Ihre Tochter aufzugeben." „Was Sie zwingen sollte, meine Tochter aufzugeben? so fragen Sie. Nun, Sie wissen ja so gut wie ich selbst, daß Sie, wenn auch Ihre Neigung eine wahrhaftige, Ihre Absicht auch die 'reinste und ehrenhafteste wäre, dennoch Ihre Hand nicht nach meinem Kinde ausstrecken dürfen, niemals, so lange meine Lippen sich regen, so lange mein Geist sinnt, niemals werden Sie meine Tochter besitzen. Ich halte Sie einer wahren Neigung nicht fähig, denn eui Mann, der ein Weib an sich lockt und es dann verläßt, weil es ihm die Mittel zu seinen Paffionen nicht gewähren kann, eines solchen Mannes Herz wird niemals eine edlere Regung, eine wahre große Liebe erfüllen. Sie wußten, was mich hieher geführt. Ich wollte das Vergangene nicht berühren, Sie haben mit roher Hand daran gerüttelt, so soll denn Klarheit zwischen uns herrschen. Als Bittende kam ich, nicht weil ich fürchtete, Sie könnten mir mein Kind entreißen; ich wollte nur, daß Sie die weiteren Annäherungsversuche aufgeben, um es mir und meinem Kinde leicht zu machen, Sie zu meiden. Mein Kind ist noch jung und unerfahren, und warum wollten Sie die heilige, reine Unschuld eines unberührten Mädchen- Herzens stören, durch Ihre Nähe entweihen, zumal Ihre Bemühungen ganz und gar aussichtslos sind." Ueber Kurt's Lippen trat ein feines, sarkastisches Lächeln, als er sich vor Julie ironisch verbeugte. „Gnädige Frau schleudern mir da eine Fülle von Artigkeiten an den Kopf, auf die ich einer Dame nicht antworten kann. Allein glauben Sie wirklich, daß ich auf eine in solcher Form vorgetraoene Bitte eingehen werde. Und weshalb sollte ich diese auch erfüllen?* Julie v. VStauftein tarn diese Frage nicht überrascht, und sie antwortete ohne Zögern: „Ich stütze meine Bitte nicht auf die Vergangenheit, denn davon ist in meinem Herzen Alles längst ertövtet. Auch an Ihre Ehre appellire ich nicht, denn die Ehre des Mannes, an die man sich in solchen Fällen wendet, an diese, das wiffen Sie ja. kann ich unmöglich glauben. Ich kenne aber Ihren Sinn für's Praktische, weiß, daß Sie gerne an's Ziel gelangen wollen, wenn Sie einmal etwas anstreben; nachdem ich aber Ihren Zielen mit meiner ganzen Kraft stets entgegentreten werde, so wollte ich Ihnen die Bemühung und mir die Unannehmlichkeiten ersparen." „Gnädige Frau", antwortete er, „sind sehr aufmerksam, weil Sie mir erfolglose Bemühungen ersparen wollen und solch' zarte Aufmerksamkeit heischt Belohnung. Diese soll Ihnen, gnädige Frau, auch werden. Nicht, daß ich Ihre Bitte erfüllen werde, nein, gewiß nicht; nur will ich Ihrer Aufmerksamkeit vollste Offenheit entgegenbringen und Ihnen unumwunden sagen, daß ich meine Bewerbung um Ihr Fräulein Tochter nicht einstellen werde. Ihre Drohung wird mich nicht abschrecken, und wie ernst und wahrhaftig meine Neigung, das wird die Zukunft lehren. Ihr Fräulein Tochter ist schön und begehrenswerth und warum sollte ich diese auf eine kindische Drohung hin aufgeben? Ich fürchte keine Warnung, wo es das Herz eines Mädchens gilt, zumal, wenn ich seiner Neigung sicher bin. Was sollte mich auch hindern? Die Verweigerung Ihrer Zustimmung? Nun, auch Ihren Segen werden Sie mir nicht verweigern, wenn .. .* Da konnte sich Julie nicht mehr halten. Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen und mit bebender, zornerstickter Stimme rief sie ihm zu: „Was Sie hindern könnte? so hören Sie 's. Ich werde mein Kind vor Ihrer niedrigen Geldgier zu schützen wiffen. Auch gegen Ehrlose gibt es Mittel, und ich werde jeden Ihrer Angriffe pariren, werde meines Kindes Unschuld zu vertheidigen wissen." Sie wartete die Wirkung ihrer Worte nicht ab und verließ das Zimmer, indem sie ihm statt des Abschiedsgrußes nur einen verächtlichen Blick zuwarf. Sie eilte die Treppe hinab. Unten angelangt, riß sie den Wagenschlag auf, gebot dem Kutscher, nach Hause zu fahren und sank ermattet in die Kiffen des Wagens zurück. Nun begann sie ihren Schritt erst zu bereuen. Was habe ich erreicht, so fragte sie sich. All die Verachtung, die sie ihm bekunden wollte, sie war an seinem Cy lismus wirkungslos abgeglitten, und ihre Drohung, sie wußte es, wird bei ihm keinen Eindruck machen. Er wird sein Ziel weiter verfolgen, die Beute war doch eine zu reiche. Darum ergriff sie jetzt tiefe Niedergeschlagenheit. Als sie ihre Wohnung erreichte, ließ sie ihre Tochter herbeiholen. Else v. Blaustein war ein junges, kaum den Kinderschuhen entwachsenes Mädchen. Das jugendfrische Gesicht war tadellos geformt, ein feines griechisches Profil, große temperamentvolle Augen, blondes Lockenhaar und die vollen rothen Lippen schienen