Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 214 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 14 stimmuugen und Gehässigkeiten Anlaß gibt, während wir es als unsere Aufgabe betrachten, auseinanderstrebende Elemente zusammenzuführeu und zu einigen. In diesem Sinne empfehlen wir das Beispiel, das unsere reichsdeutschen Glaubensbrüder uns soeben durch den Zusammenschluß aller wirthschaftlichen Vereinigungen geboten haben, den maßgebenden Factoren der österreichischen Judenschaft zur Nachahmung. Wir wissen wohl, daß die politische Vereinigung nirgends schwieriger ist, als in diesem polyglotten Staate, in welchem sich die Lebensverhältuisse und Lebensbedürfnisse der einzelnen Juden nach dem jeweilig sie umgebenden Milieu richten. Aber nichts steht einer Vereinigung jener Kräfte im Wege, welche für die Hebung des materiellen Wohles unserer Glaubensgenossen, sowohl im Centrum des Reiches, als in seinen einzelnen Theilen, thätig sind. Welche Schwierigkeiten sollte es wohl bereiten, daß Vertreter der „Israelitischen Allianz", der „Union", der Hirschstiftungen, des „Galizischeu Hilfsvereines", des „Vereines zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten", des „Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender", des „Centralvereiues zur Pflege jüdischer Angelegenheiten" in Prag, des „Creditinstitutes für jüdische Gewerbetreibende", des „Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" rc. rc. unter Führung des „Allgemeinen Israelitischen Bundes" zu einer periodisch Wiederkehr enden Delegirteuconferenz zusammentreten und sich ein gemeinsames Executivorgan wählen, welches auch solche Fragen durch Studium und Sammlung von Material vorzubereiten und ihrer Lösung zuzuführen hätte, die den statutarischen Rahmen jedes einzelnen der hier genannten Vereine überschreiten und doch eine Angelegenheit des gesummten österreichischen Judenthums bilden. Wir erwähnen hier nur die Fragen der Unterstützung und Erhaltung nothleideud werdender Cultusgemeinden, der Altersversicherung der jüdischen Functionäre, des jüdischen Wanderbettels rc. rc, Solche und ähnliche Probleme werden an die führenden Geister der österreichischen Judenschaft in immer dringenderer Weise herantreten. In dem Maße, als der Abfluß jüdischer Familien aus den alten, einst blühenden Cultusgemeinden Mährens und Böhmens in die großen Industrie- und Handelsstädte erfolgt, in dem Maße, als in diesen großen Centren des Verkehrs sich der Erwerb für die jüdischen Massen immer schwieriger und fraglicher gestaltet, in dem Maße, als der Zufluß jüdisch-proletarischer Elemente aus Galizien nach Mittelösterreich und insbesondere nach Wien in geometrischer Progression wächst, muß sich die wirthschaftliche Lage unserer Glaubensgenossen im ganzen Reiche täglich ungünstiger gestalten, ein Proceß, der noch beschleunigt wird durch jene gesetzgeberische Arbeit des Parlamentes, die unter dem Vorwände, dem allgemeinen Volkswohle zu dienen, unausgesetzt neue Beschränkungen in Handel und Verkehr ersinnt, deren Spitze fast ausschließlich gegen das jüdische Erwerbsleben gerichtet ist. Wäre es nicht hoch an der Zeit, daß diese Zeichen einer mit Riesenschritten heranuahenden furchtbaren Gefahr endlich von den maßgebenden Persönlichkeiten der österreichischen Judenschaft verstanden werden und daß diese, statt ihre geistigen und physischen Kräfte im kleinlichen Gemeindehader zu erschöpfen, einmal zu einer freien Aussprache zusammentreten und über die Mittel berathen, wie dieser Gefahr vorzubeugen, wie ihr entgegenzutreten sei. Mög diese, der ehrlichen Sorge um die Zukunft der österreichischen Judenschaft entsprungene Anregung auf fruchtbaren Boden fallen. 8. F. Die antisemitische« Dertheiditzer Rumänien», n. Wir haben im vorhergehenden Artikel die systematische Fälschung und Irreführung der öffentlichen Meinung gekennzeichnet, die von antisemitisch-nationaler und antisemitischclericaler Seite — par nobile fratrum — in rührender Uebereinstimmung betrieben wird, wenn es sich um die Darstellung rumänischer Verhältnisse und insbesondere um den an den Juden begangenen Rechtsraub handelt. Da ist keine Lumperei so schlecht, daß sie nicht in diesem Lager Vertheidiger fände, und es gibt keinen Kniff, keine Entstellung, keine Lüge, vor denen dieses edle Brüderpaar zurückschrecken würde, um die Thatsachen zu verdrehen oder in falschem Lichte darzustellen. Da sie den Rumänen keinen Dienst damit erweisen, weil mit falschem Zeugniß vor ehrlichen Richtern noch nie ein Verbrechen entlastet werden konnte, so läßt sich nur annehmen, daß sich in dieser Sucht, die Wahrheit zu verdrängen, nur der eigene Charakter dieser Sippschaft zu erkennen gibt. Ihnen die Lügenmaske vom Gesicht zu reißen, ist Pflicht eines jeden Wahrheitsfreundes, ist insbesondere Pflicht jedes gewissenhaften Journals, und namentlich die ehrliche jüdische Presse kann sich dieser Pflicht nicht entziehen. Zu den beliebtesten Lügen der vereinigten Antisemitenbande gehört es, die Judenfrage in Rumänien als eine „proletarische" darzustellen. Das geschieht entweder aus wirklicher Unwissenheit — die man allerdings nicht als eine Entschuldigung gelten lassen kann — oder in boshafter Verlogenheit. Die Juden in Rumänien sind an und für sich keine „Proletarier". Sie haben in Stadt und Land Gewerbe und Handel getrieben und sich überall, wo man ihnen nicht gewaltsam entgegentrat, durch ihre Nüchternheit, ihren Familiensinn, ihre Ordnungsliebe, ihren Fleiß und ihre Unermüdlichkeit eine relativ angesehene Stellung erworben. Ihre Intelligenz sicherte ihnen auch einen gewissen Einfluß. Sind solche Einwohner „Proletarier"? Erst als man sie von Haus und Hof jagte, als man sie vom Gewerbe entfernte, als man ihnen zahlreiche Arbeitsquellen verschloß, da verarmte ein großer Theil und diese armgemachten Juden erfrecht man sich, „Proletarier" zu nennen. Man überwälzt auf sie die Schuld ihrer Verarmung, während doch sie nur die Opfer rumänischer Vergewaltigung, rumänischer Treulosigkeit sind. Die Verleugnung der Thatsache, daß die Rumänen die Urheber der Verarmung sind, geht Hand in Hand mit einer anderen Lüge, durch welche man die rumänischen Juden ausschließlich als „Eingewanderte" kennzeichnen will, um sie als „Heimatlose" declariren zu können und ihnen das angeborene rumänische Heimaisrecht zu escamotiren. Dabei spricht man von „Hunderttausenden aus Galizien und der Bukowina eingewanderten Exemplaren", obwohl ganz Rumänien nur ca. 250.000 Juden beherbergt und von diesen zahlreiche Familien auf einen älteren Ursprung Hinweisen können — als die Rumänen selbst. Wieso diese kleine Zahl, die nicht den zwanzigsten Theil der Gesammtbevölkerung ausmacht, durch Kauf von Grund und Boden „den Untergang des gegenwärtigen Großgrundbesitzes oder die Loslösung der Bauern von der Scholle" bewirken könnte, das vermag wohl nur die Phantasie eines Antisemiten zu ersinnen, der von den Verhältnissen in Rumänien wahrscheinlich auch nicht das Mindeste aus eigener Anschauung kennt oder der die Wahrheit absichtlich verleugnet. Kennt er die Verhältnisse, so muß er wissen, daß die weitaus größte Zahl der Juden Gewerbetreibende und Arbeiter waren, ein Theil im Handel und in liberalen Berufen beschäftigt war und nur ein geringer Theil dem Ackerbau sich widmete. Daß die Juden nur zu geringem Theile Bodenarbeiter waren und sind, hat aber auch nur darin seinen Grund, daß man ihnen diese Arbeit geradezu verwehrte, ihnen den