Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 210 Vr. Bkoch's Wochsnschrrfl. Nr. 13 Wien. Die Festzeiten und ihre Feier haben gegenwärtig ihre besondere Bedeutung als pädagogisches Mittel, als Band, das die Jugend an das Judenthum fesselt, für unsere Geschichte begeistert, für unsere Institutionen mit Pietät erfüllt. Diese hehre Bestimmung kommt insbesondere den Pefsachfeste zu, dem Peffach mit feinen andachts- und gemüthsvollen Abenden. Wem der Zauber derselben in der Jugend geleuchtet, in dessen Herz wird die Erinnerung nimmer erlöschen. Nun gibt es in unserer Gemeinde Wien Kinder in großer Menge, welche nicht in die Lage kommen, die Schönheit und Hehre des Sederabends in sich aufzunehmen. Es sind dies die verwaisten und die ^verlassenen", mitunter in christlicher Pflege befindlichen Kinder. Diesen die Möglichkeit der Theilnahme am Feste zu schaffen, ist der Zweck dieser Zeilen, und es ergeht an Alle, die »festh alten und wahrhaft leben", die Bitte, den erwähnten Zweck zu fördern. Durch Aufnahme eines solchen Kindes am Sedertische — nur darum handelt es sich — wird demselben reiche ungekannte Freude zugemeffen, aber auch regeres Jntereffe eingeflößt; hiemit erfüllte sich auch das Gebot: »Opfer des Peffach". Zuschriften in dieser ftommen Absicht nimmt entgegen Direktor Mautner, H., Leopoldsgaffe 3. Györ. Unter außergewöhnlich starker Betheiligung der hiesigen Frauenvereins - Mitglieder wurde am 21. März dieses Jahres das Vereinspräsidium fast einstimmig gewählt, bestehend aus der Präsidentin Frau Sigmund Herzl-Keppich, der Vicepräsidentin Frau Benö Kuffler und der Cassierin Frau Isidor Neubauer. — Wir beglückwünschen unfern über alles Lob erhabenen Verein, daß derselbe zu seiner Leitung aus der Mitte der zahlreichen, verdienstvollen Mitglieder ein Präsidium wählte, von dem jede einzelne der Damen, speciell aber die seit vielen Jahren als Präsidentin erfolgreich wirkende, rühmlichst bekannte Frau Sigmund Herzl-Keppich, eine Zierde unseres humanitären Vereines ist. Nachod. (Verlobung.) Fräulein Emma Stransky. Tochter des Fabrikanten Herrn Leopold Stransky, hat sich mit Herrn Jur.-Dr. Ferdinand Heller. Advocat in Prag, Sohn des Lederfabrikanten Herrn Josef Heller in Amschelberg. verlobt. Feuilleton Florus der Römer, Kaiser Agripxa «ad Menachem, Sohn Aehndah's. Eine Erzählung von Wlad. Korolenko. — Uebersetzt von Malwina Blumberg. (Fortsetzung.) Da näherten sich ihm in ihren weißen Gewändern die Effäer und sprachen: »Weiser Menachem, du säest eine schlimme Saat. Du verbreitest eine Lehre, die in ihrem Stolze darnach strebt, Alles, was war, was ist und was sein wird, zu erforschen. Genügt es nicht, wenn der Mensch die Lehre Moses kennt und obendrein den Boden zu bearbeiten versteht? ... Und dann säest du eine schlimme Saat, indem du durch deine Lehre die Menschen zum Kampfe rufst!.Darum wehe dir, Menachem, Sohn Jehuda's 1 Wenn eine Stadt belagert wird und sich vertheidigt, so schenken die Belagerer den friedlichen Einwohnern das Leben, Die Aufwiegler jedoch sind dem Tode geweiht. Wir predigen dem Volke, um es vor völliger Vernichtung zu bewahren, daß es sein Schicksal in Ergebung ertrage.Aber die Aufwiegler erwartet der Tod . . Darum sind wir lebende Menschen, indeß ihr sterben müßt ... Weffen Lehre ist also die beste? . Und sie führten ihm eine Parabel an, der Menachem aufmerksam zuhörte, und noch eine zweite und dritte, in denen cs heißt, daß der Krieg — ein Uebel. »Das Waffer", sagten sie,-»wird nicht mit Waffer getrocknet, sondern mit Feuer und die Flamme nicht mit Feuer gelöscht, sondern mit Waffer. So wird auch die Kraft nicht mit der Kraft besiegt, denn selbige ist ein Uebel ..." * * * Und die Schüler Menachem ben Jehudahs wurden traurig. Menachem selber jedoch war nicht traurig, sondern sprach: „Ihr saget die Wahrheit, sanfte Effäer. Wenn eine Stadt sich zur Wehr setzt, so schärfen die Belagerer ihre Schwerter für die muthigen Vertheidiger; denen jedoch, die zur Uebergabe geneigt sind, versprechen sie das Leben zu schenken, um die Zahl der zur Uebergabe Rathenden zu vermehren . . . Ja, das ist wahr! Wenn aber eine Stadt von Räubern überfallen wird und Niemand es wagt, den Arm zur Vertheidigung zu erheben, was thun dann die Eroberer? . . . Tödten sie nicht Alle ohne Unterschied, da keine Ursache zur Begnadigung vorhanden? . . . Erinnert euch an Florus: erschlugen seine Krieger nicht Alle, die ihnen mit freundlichem Willkommengruß entgegenkamen? Und jetzt, inmitten des Krieges, lockt euch Cestius indem er euch euer Leben zu lasten verspricht und seinen Schutz euch zusichert. Unerforschlich sind dem Auge der Sterblichen die Wege Gottes: möglich daß wir. die Vertheidiger der Freiheit, unser Leben lasten müssen, indeß ihr mit Kindern und Kindeskindern des Daseins euch freuen werdet. Aber dann, sanft, Effäer, werdet ihr nicht mit Dankbarkeit unser gedenken, der Aufwiegler, die den ganzen Zorn der Eroberer auf sich luden und euren Frieden, eure Ruhe mit ihrem Leben bezahlten? . . . Seid dankbar den Dahingegangenen, ihr sanften, am Leben gebliebenen Effäer, denn nur in Folge unseres Widerstandes wurde eure Demuth belohnt und eure Ruhe gleicht Blumen, die auf Feldern sprießen, welche durch uuser Blut befruchtet worden ..." Und noch Eines sage ich euch: »Ihr nehmt eure Zuflucht zu Vergleichen und Parabeln Es sind dies Schläuche, die man sowohl mit schlechtem wie mit gutem Wein füllen kann; aber am Schlauche erkennt man nicht, welcher Wein gut und welcher schlecht; dies erkennt man erst beim Gebrauch. So wird die Wahrheit nicht durch einen Vergleich erkannt und bewiesen, sondern durch die Erfahrung, denn diese ist ein Prüfstein der Wahrheit. Die Kraft des Armes an und für sich ist weder gut noch noch schlecht; das Eine oder Andere wird sie erst durch die Art ihrer Anwendung. Schlecht wird sie, wenn man den Arm zur Plünderung und Unterdrückung des Schwächeren emporhob, gut jedoch, wenn dies zur Arbeit und zur Vertheidigung des Nächsten geschieht. Und wenn ihr glaubt, daß der Engel, welcher den Sinn der Parabeln enthüllt, nur eurer Wahrheit dient, so seid ihr im Jrrthum begriffen. Das Feuer wird nicht mit Feuer gelöscht, das Waffer nicht mit Wasser vergossen. Das ist wohl wahr. Aber ein Stein wird nur mit einem anderen Stein kleingeschlagen, Stahl nur mit Stahl, Kraft nur mit Kraft bekämpft. Und noch Eines: Die Uebermacht der Römer ist — Feuer, eure Demuth jedoch — Holz. Das Feuer hält nicht inne, bis es nicht Alles verzehrt hat. Florus hat die Sanftmüthigen erschlagen, und Cestius verspricht sogar denjenigen Schonung, die gegen ihn gekämpft. Die Ursache hievon ist, weil die Römer anstatt eurem Holze unserem Eisen begegnet . . . Demuth ist Futter für die Gewalt, wie Stroh für das Feuer. Und der Zorn über den Widerstand weckt in dem Gewalthaber die Erinnerung an den Nutzen, den die sanftere Behandlung gebracht. Solches sind meine Vergleiche. Und ihr seid nicht die Einzigen, denen der Engel der Parabeln deren geheimen Sinn enthüllt. Auch ich hielt Zwiesprache mit ihm, und höret was er mir erzählte." * * * Und Rabbi Menachem erzählte seinen Schülern und den Effäern, die zu ihm gekommen, folgende Parabel: »Eines Tages erbarmte sich Gott der Erde, auf der das Böse und verschiedenartiges Unglück sich ausgebreitet hatte. Und er sprach: »Ich werde meinen liebsten Engel, der die Erde noch nicht kennt, zu den Menschen senden." Und er befahl dem unschuldigen Engel, dessen Name: Unkenntniß des Bösen", vor seinen Thron zu treten. Im Antlitz des Himmelsbewohners war solch' ungetrübte Helle, solch' stille Freude und solch' sanfte Unschuld, daß jedesmal wenn der in Folge längeren Betrachtens der sündhaften Erde getrübte Blick Gottes seinem Liebling sich zuwandte, der Allmächtige sein Antlitz entwölkte. Denn die blauen, strahlenden Pupillen verscheuchten selbst Gottes Traurigkeit. Und in seinem schneeweißen Gewände stand der Engel vor dem Herrn, den in völliger Unkenntniß des Bösen strahlenden Blick zum Schöpfer emporhebend.