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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Geile 178 Dr. Blorh's Wochenschrift. Nr 13 Je weniger frei das Land, um so einflußreicher der Student. Der politische deutsche Student ist der Krebsschaden der deutschen Universitäten in Oesterreich. Vor ihm verbeugt sich die Presse, die Regierung, die Professur. — Und er begnügt sich nicht, eine eigene Meinung zu haben, was sein gutes Recht ist, sondern er will seine Meinung vorkommendcu Falls seinen Lehrern aufdrängen, und wenn diese nicht gehorchen, wird der Student ungemüthlich, wo dann schließlich nicht der Lehrer, sondern die aufrührerische Studentenschaft das Wohlwollen der Behörden, einschließlich der Universitätsbehördeu, genießt. Diesen Erfolg hat die Studentenschaft selbst gegen einen Mann von dem Werthe eines Nothnagel errungen, der als Schiedsrichter in der Angelegenheit der Wiener Rettungsgesellschaft nach seinem Gewissen geurtheilt hatte und bei der antisemitischen deutschen Studentenschaft deshalb mißliebig geworden war. Unsere Zeit vergißt rasch, und deshalb mag jene Episode den meisten unserer Leser nur noch in schwacher Erinnerung sein. Eine kritische Darstellung der damaligen Ereignisse, welche unter dem frischen Eindruck damals geschrieben aber noch nicht veröffentlicht wurde, dürste außerordentlich lehrreich sein. Sie zeigt, wie nicht nur auf den Universitäten, sondern überhaupt in Oesterreich Mißstäude sich einwurzeln — sie zeigt jenen Geist der Beschwichtigung, welcher den frechen Bürger begünstigt zum Nachtheil des guten Bürgers. Der deutsche Student erwies sich mächtiger als die Universität, mächtiger als der katholische Student, in Innsbruck seinerzeit mächtiger als der Geist und Einfluß des österreichischen Heeres. Wenn der deutsche Student es gar zu toll treibt, so pflegt sich eine österreichische Universitätsbehörde zu der Drohung zu versteigen, die Universität zu schließen, augenscheinlich eine Drohung, deren Ausführung den fleißigen Hörer schädigt, während sie dem politisch demonstrirenden Nichthörer die größte Freude macht. Mit dieser Drohung pflegt dann aber die Energie der Universitätsbehörden erschöpft zu sein. Das sind Zustände, welche einem Professor nicht gerade verlockend erscheinen können, das Schicksal Nothnagels ladet nicht ein, nach Wien zu kommen. Und deshalb erscheint der Abdruck der erwähnten Schrift über die Affaire Rettungsgesellschaft-Nothnagel gerade im jetzigen Augenblick von Interesse, iu welchem die Weisen über die Frage sich den Kopf zerbrechen, weshalb die österreichischen Universitäten nicht die genügende Anziehungskraft ausüben. Sie sei Allen empfohlen, welche es mit der Zukunft Oesterreichs gut meinen. I. Der Sachverhalt. Dreißig jüdische Mediciner traten aus ihrer Stellung als Aerzte der Freiwilligen Rettungsgesellschast wegen der antisemitischen Richtung des Chefarztes und anderer Angestellter aus. Vor geschehener Untersuchung erklärten die Grafen Wilczek und Lamezan als Präsidenten der Gesellschaft die erhobenen Anklagen für unbegründet. Indessen ergab die angestellte Untersuchung Schlimmeres als die Anklage. Der Chefarzt, der Alles leugnete, hatte Juden, die sich als freiwillige .Aerzte meldeten, bedeutet, das Personal sei complet, was ihn nicht hinderte, Christen aufzunehmen. An Juden, die in der Gesellschaft thätig waren, machte er Bekehrungsversuche. Ein „Arier", den mau für einen Juden hielt, lieferte durch den Beweis der fehlenden Beschneidung seinen College» den medicinischen Befähigungsnachweis, und dieses Resultat wurde mit Champagner gefeiert. Ergebniß der Untersuchung war die Erklärung des Untersuchungsausschusses: ...daß... eine Unterströmung stattgesunden habe, „rücksichtlich welcherdem Chefarzte Dr. v. BragLssy der Vorwurf nicht erspart werden kann, ihr nicht rechtzeitig und kräftig genug eutgegengetreten zu sein." Das weitere Verfahren wäre einfach gewesen. Dr. Vragüssy und seine Freunde hätten entlassen werden müssen, die jüdischen Mediciner, die er durch seine „Unterströmung" hinausgegrault hatte, mußte man zum Wiedereintritt wieder auffordern. Es geschah aber ungefähr das Gegentheil. Man sah von der Einstellung der jüdischen Mediciner um des lieben Friedens willen ab; Dr. Zechmeister nahm zwar seine Entlassung, aber Dr. Vragüssy vorerst noch nicht —er ließ sich seinen Austritt für die hübsche Summe von fl. 11.000 abkaufen. Es war zu erwarten, daß die bewiesene Schwäche die Gegner ermuntern würde — wenn in der Studentenschaft auch die erforderliche Rohheit vorhanden war, den M u t h, den Krankensaal zu ihren Agitationen zu mißbrauchen, hat sie sicherlich nur aus dieser Schwäche gezogen. Der zweite Act der Tragikomödie zerfällt in zwei Abtheilungen: Die Demonstration in der Klinik des Professors Nothnagel nebst den darauf folgenden Verhandlungen und die Demonstration vor dem Local der Freiwilligen Rettungsgesellschaft. Beginnen wir mit den Ereignissen bei der Gesellschaft. Die Freie Presse schildert die Vorgänge vom 27. Juli d. I folgendermaßen: „Im Hofe hatten sich indessen an hundert antisemitische Studenten eingefunden ... die Studenten schienen sich einen Morgenscherz machen zu wollen (!); sie schrieen Prosit oder Pereat, sobald eine Persönlichkeit sichtbar wurde, die ihnen genehm war oder nicht. Auf Ersuchen des Dr. Charas „beschwichtigte" Hausinspector Kölbl seine Gesinnungsgenossen (!), welchen mitgetheilt wurde, ... es handle sich jetzt um ein Provisorium; werde die Ruhe wieder in die Gemüther einziehen, so werde man wieder an die akademischen Bürger herantreten und deren Mitarbeiterschaft mit Freuden begrüßen^ Graf Wilczek lasse bitten, die Studenten mögen im Interesse des Dienstes und der Gesellschaft, der sie doch gewiß Wohlwollen, weitere Demonstrationen unterlassen. Die Studenten warteten nun Herrn Dr. v. Vragüssy ab und begrüßten ihn, als er das Haus verließ, mit Prosit-Rufen." Gehen wir zu den Vorgängen auf der Nothnagel'schen Klinik über. Fünfzig Minuten lang haben dort die Studenten einen derartigen Lärm verübt, daß die sogenannten Krankentäfelcheu in den darunter liegenden Krankenzimmern zu schwanken anfingen und der Kranken sich Unruhe bemächtigte. Der Hinweis auf den Ort der That, auf die Rücksicht, die mau. den Kranken schuldet, blieb wirkungslos. Dem Professor wurden Worte wie „Wucherer", „Jude" rc. entgegengeschleudert. Dabei war die Demonstration sorgfältig vorbereitet. Man hatte sogar ein kleines Taschenspielerkunststück geplant — man wollte durch einen fingirten Applaus die Anhänger Nothnagel's zum Händeklatschen verleiten und so die Demonstration gegen ihn als eine berechtigte Gegendemonstration erscheinen lassen. Eine rechtzeitig an die liberalen Studenten ergangene Warnung vereitelte dieses saubere Spiel. Unter den Demonstranten befand sich eine Anzahl Personen, die in der Klinik überhaupt «ichts zu suchen hatten*) — unter Anderen auch einige Herren vom Personal der Freiwilligen Rettungsgesellschaft. Zum Beispiel der Jnspector Kölbl, der vermutlich wegen dieser Thätigkeit in der Nothnagel'schen Klinik einige Tage darauf auserwählt wurde, um zwischen dem Grafen Wilczek und den Studenten, die sich einen „Morgenscherz" machen wollten, zu verhandeln. Der Lärm war so stark, daß die Professoren Chrobak und Schauta von ihren Kliniken Herbeieilien. Sie können sich ebensowenig Gehör verschaffen; erst' als der Decan Vogel herbeieilte und die Studenten auf die schweren Folgen *) In der That sind auch einige Juristen wegen der Demonstration auf der Klinik bestraft worden.

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