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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11 Dr. Bloch's WochensttzrM Seite 171 Rom. Der italienische Kriegsminister Ottolenghi hat kürzlich im Parlament den Militäretat, wie die Blätter sämmtlicher Parteien anerkennen, mit Geist und großer Sachkenntniß vertheidigt. Er hat dabei folgende interessante Aeußerung gegen den Borwurf des „Militarismus" gethan: „Bedeutet .Militarismus^ Käst engeist und Kastenprivilegien, so lehne ich ihn mit aller Entschiedenheit ab; bedeutet er indessen Freude am Heer und an den militärischen Einrichtungen, so nehme ich ihn herzlich gern an; denn das Heer ist der Schutz des Vaterlandes am Tage der Gefahr." Ohne Zweifel werden conservativ - antisemitische Blätter aus diesem Satze haarscharf beweisen, daß die Juden für höhere Stellungen in der Armee wirklich nicht reif seien! Die Einwanderung fremder Elemente nach England soll 'bekanntlich nach dem Wunsche einiger schutzzöllnerischer Heißsporne durch Gesetzgebung eingeschränkt werden. Eine königliche Commiffion ist zur Zeit noch mit eingehenden Erhebungen über den Umfang der Einwanderung in den letzten Jahren beschäftigt. Bon den einheimischen Arbeitern, Unternehmern und Händlern wird namentlich über den immer stärker anwachsenden Wettbewerb der fremden, und vorzugsweise der polnischen und russisch-jüdischen Arbeitskräfte in der Bekleidungsindustrie Klage geführt. Wir haben wiederholt schon dieses Thema behandelt. Lange hatten diese eingewanderten Schneider ihren Hauptsitz im Osten der Haupstadt. Allmählich find sie dann aber auch nach Westen gelangt, und heute soll in dem alten, im Mittelpuntt Londons zwischen Leicester Square und Oxfordstreet gelegenen Fremdenviertel Soho zu einer Gesammtbevölkerung von einigen 30.000 Seelen das russisch-polnisch-jüdische Element ein Contingent von 15.000 eng zusammen gedrängten Menschen stellen. Sie sind in der Mehrheit für die Bekleidungsindustrie thätig, arbeiten fstr Herren- und Damenschneider des Westens und werden zum Theil von den namhaftesten Hoflieferanten beschäftigt. Nebenbei sei erwähnt, daß auch unter den Unternehmern der Damenschneiderei jedenfalls, das fremde und jüdische Element von Jahr zu Jahr einen größeren Antheil an der Kundschaft gewinnt. Es war natürlich, so wird der „Köln. Ztg." aus London hierzu geschrieben, daß die Schutzzöllner vom Schlage Sir Howard Vincents sich einen so dankbaren Gegenstand, mit dem man den weniger rührigen Unternehmern wie Arbeitern trefflich den Hof machen konnte, nicht entgehen ließen. Seit Jahren haben sie gegen den Wettbewerb der wohlfeilen minderwerthigen fremden Arbeit getobt, und besonders seit die Einwanderung nichtsnutzigen Volks- und Berbrechergesindels augenscheinlich im Zunehmen begriffen war, laut und stürmisch die Eindämmung und Abhaltung unerwünschter fremder Einwanderung im Wege der Gesetzgebung verlangt. Am 26. Februar interpellirten sie dieserhalb die Regierung im Unterhause. Sie wußten viel Schlimmes von den fremden Gästen und von der Schädigung der heimischen Industrie zu erzählen, allein Herr Gerald Balfour, der heutige, und Herr Bryce, der frühere liberale Präsident des Handelsamtes, sahen übereinstimmend die Frage nicht so einfach an, als sie den schutzzöllnerischen Heißspornen schien. Man erinnert sich, daß die englische Industrie vlämischen und hugenottischen Einwanderungen, die vor Jahrhunderten zweifelsohne auch als arme Leute landeten, viel verdankt. Ohne Zweifel haben auch damals englische Arbeiter gegen die fremden Hungerleider geschimpft, allein die britische Industrie vergangener Tage hat sicher durch ihre Thätigkeit mächtige Fortschritte gemacht. Auf alle Fälle hält die Regierung einstweilen, und ehe der Bericht der Commiffion vorliegt, die Frage noch nicht für spruchreif. Auch im Publicum und in der Presse ist man nicht gerade von dem Gedanken entzückt, die offene Thür Englands, auf die man von Geschlecht zu Geschlecht so stolz gewesen ist, armen, aber arbeitsamen Leuten vor der Nase zuzuschlagen und Schranken wieder aufzurichten, über die man lacht und spottet, wenn man von Rußland und der Türkei und von den Vereinigten Staaten spricht. Sogar der Daily Graphic, der, was sein Jntereffe an der heimischen Industrie und der Arbeit anbelangt, durchaus waschecht ist, hebt hervor, die fremden Arbeiter seien zumeist fleißige, sparsame Leute, weder dem Trunk ergeben, noch roh und gewaltsam gegen ihre Weiber und sogar im Punkte der Reinlichkeit, schon durch ihr Religionsgesetz, den einheimischen untern Classen voraus, so daß kein genügender Grund vorlieg?, sie auszufchließen. Cincinnati (Ohio). Dr. Moses Mielziner, der seit dem Ableben des Rabbiners Wise interimistisch den Posten des Präfidenten des Hebrew Union College bekleidete, ist in der Nacht auf den 19. Februar einem Herzleiden erlegen. Dr. Mielziner hatte ein Alter von 74 Jahren erreicht. Er war aus Schubin in der Provinz Posen gebürtig und studirte auf den Univerfitäten Berlin, Halle und Gießen. Im Jahre 1859 promovirte er in Gießen. Nachdem er in Deutschland mehrere Rabbinerstellen bekleidete, siedelte er nach Dänemark über, wo er sich verheiratete. Im Jahre 1866 kam er mit seiner Familie nach New-Aork, war dort längere Zeit Seelsorger einer jüdischen Gemeinde, gründete dann ein Erziehungsinstitut, da ihm die Thätiakeit als Lehrer mehr zusagte. Im Jahre 1879 folgte er einem Rufe an das hiesige Hebrew Union College, dem er seitdem als tüchtiger Lehrer, gewiflenhafter Berather und fürsorglicher Präsident angehört hat. Dr. Mielziner war ein Mann von tiefem gründlichen Wiffen, dabei bescheiden und anspruchslos, ein Mann von vortrefflichem Charakter. Er hinterläßt die Gattin und sieben Kinder. Ein Sohn ist Maler und Bildhauer und in Paris ansässig, ein anderer Rabbiner in Helena. Mont. Infolge der Kränklichkeit des Dr. Mielziner stand der Berwaltungsrath des Hebrew Union College schon seit einiger Zeit wegen permanenter Besetzung des Präfidentenpostens mit verschiedenen Mischen Gelehrten in Unterhandlung. Aus verläßlicher Quelle kann mitgetheilt werden, daß an den New-Aorker Rabbiner Köhler ein Ruf ergangen ist. Derselbe hat auch mit dem Berwaltungsrathe schon eine persönliche Conferenz gehabt und, wie verlautet, sind die Aussichten, daß er annimmt, günstige. New-Bork. Auch die Amerikaner bereiten sich vor. gleich ihren englischen Vettern, mit der von den Vätern überlieferten Tradition zu brechen und den Fremden die bisher weit geöffneten Thore des gastlichen Amerika zu verschließen. Offenbar hat der Mohr bereits einen großen Theil seiner Arbeit gethan und kann nunmehr zuhause bleiben. Das neue Einwanderungsgesetz, das von der Repräsentantenkammer zu Washington angenommen wurde, ist, mit einer Approbation Roosevelt's versehen. dem Senat zugegangen, und mächtigte Einflüsse find an der Arbeit, dies Gesetz durch die letzte Instanz zu drücken. Nebst den Einwanderungsbeamten, die begreiflicherweise eine Erweiterung ihrer Machtbefugnisse anstreben, wirft die in Amerika machtvolle „Labour Union" ihren ganzen Einfluß zu Gunsten des neuen Gesetzes in die Wagschale. Der bisherige Generalcommiffär für Einwanderungswesen, Powderly, hat im Senat gefordert, daß die Einwanderung zu Land über Canada und Mexiko einer strengeren Controle unterstellt, und daß auch die Cajütenpaffagiere, welche bis jetzt ungehindert amerikanischen Boden betreten dürfen, dem Einwanderungsgesetz unterworfen werden. Andererseits fordert die Arbeiterunion, daß man die Einwanderung fremder Arbeiter möglichst beschränke, wenigstens aber, daß die Analphabeten am Landen verhindert werden. Demnach enthält das neue Gesetz den wichtigen Paffus, daß alle Einwanderer die Sprache ihrer Heimat lesen und schreiben können müssen. Es würde dadurch möglich sein, 24 Percent aller erwachsenen Immigranten nebst ihren Familien zurückzuweisen. Die Maßregel richtet fich in erster Reihe gegen die Italiener, welche nahezu 5 Percent Analphabeten aufweisen. In zweiter Reihe würden die Polen hart betroffen werden, die in den letzten drei Jahren unter 143.000 Immigranten im Alter von über 14 Jahren nicht weniger als 52.000 Analphabeten hatten. Dicht hinter den Polen kommen die mit diesen aus denselben Ländern einwandernden und unter den gleichen politischen und ökonomischen Verhältnissen lebenden Juden. Dieselben haben in den letzten drei Jahren 176.340 Auswanderer an die Bereinigten Staaten abgegeben, von denen 153.405 im Alter von über 14 Jahren waren. Bon diesen waren aber 35.260 „Jlliteracy". die. wenn daneue Gesetz bereits in Geltung wäre, mit ihren 10.784 unmündigen Kindern am Landen verhindert worden wären. Daß die Juden des Ostens, welche seit Jahrhunderten in Gestalt des Cheder» die allgemeine Schulpflicht befitzen, dennoch 25 Percent Analphabeten haben, rührt blos daher, daß die amerikanischen Hafenbeamten die hebräische Sprache, geschweige denn den Jargon nicht für voll ansehen. Es wäre Aufgabe unserer amerikanischen Glaubensgenoffen,. wenigstens den Versuch eines Ausgleichs zu machen.

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