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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 166 Dr. Bloch's Wochvnschrrst. Nr. 11 Antisemitische Kögen über Sie rumänische Indenfrage. Es ist eine alte Erfahrung von Kriminalisten, daß Mörder den Ort ihres Verbrechens zu umkreisen pflegen uud wie von einer unsichtbaren Macht getrieben dem Schauplatz ihrer Thaten sich immer wieder nähern. Ist es die letzte Spur von Gewissensregung oder ein geheimnißvoller Trieb, der ein unzerreißbares Band zwischen dem Verbrecher und seiner That schafft? Die psychologischen Elemente der Verbindung sind noch nicht festgestellt, nur der Erfahrung uud Beobachtung verdankt man die Erkenntniß, die mitunter zur Entdeckung der Mörder führt. Wenn wir nun im politischen Leben die gleiche Wahrnehmung machen, wenn wir scheu, daß die Antisemiten sich immer wieder von Neuem um die Judenfrage in Rumänien herumbewegeu, wenn wir beobachten, wie sie bestrebt sind, stets Entschuldiguugsgründe für Rumäniens Verrath am Berliner Vertrage herauszicklügelu, wie sie die größte Bemühung aufwenden, die Welt irre zu führen und ein falsches Licht über die rumänischen Verhältnisse zu verbreiten, — dann können wir eben nicht anders, als sie mit den Mördern vergleichen, welche von dem Thatort ihrer Verbrechen sich nicht zu trennen vermögen. Wer wirft denn jetzt die Judenfrage in Rumänien auf — wenn nicht die Antisemiten? Die Juden nicht! Sie dulden und schweigen. Ihr Schmerzensschrei würde ja auch ein vergeblicher sein. Die Mächte haben jetzt die Ohren voll von dcu macedonischen Schmerzensschreien, daß sie nicht im Stande sind zu hören, was außerhalb Macedoniens vorgeht. Ja sie sind von den macedonischen Bulgaren oder bulgarischen Macedoniern, die sich über türkische Gewaltthätigkeiten beschweren, so in Anspruch genommen, daß sie nicht einmal zu sehen vermögen, wie eben diese Bulgaro-Macedonier ihre christlichen Brüder, die Griechen oder Serben oder Rumänen sind, morden, mißhandeln, unterdrücken. Wie sollten sie da erst für einen jüdischen Schmerzensschrei Ohren haben? In Brüssel und Paris hält man Enqueten ab, auf welche» die „Menschenfreunde" sich der „armen" Macedouier aunehmen — die blos politische Zwecke anstreben und man hilft ihnen dabei, während man die Armenier, die unter den Gewaltthaten der Kurden verbluten, ihrem Schicksale überläßt, ohne einen Finger zu rühren. Und da sollten die Juden auch noch ihren Schmerzensschrei erheben? An wen sollten sie sich auch wenden? An die Signatarmächte des Berliner Congreßprotokolls? Hat denn nicht Deutschland um schnöden Goldes willen seine Unterschrift verrathen? Hat sich nicht Frankreich zum Sclaveu Rußlands gemacht, das, wenn es sich der Juden in Rumänien nur des Berliner Vertrages willen annehmen wollte, doch erst gegen sich selber die Anklage der Unmenschlichkeit erheben müßte? Und soll man sich — von diesem Umstande abgesehen — au Rußland wenden, das gar kein Hehl daraus macht, daß es den Pariser Vertrag und das Londoner Protokoll ebenso wie den Berliner Vertrag in Fetzen reißen will? Was haben also hie Juden von solchen Signatarmächten zu erwarten? Wohnt bei diesen Gerechtigkeit? Vertragstreue? Sie kennen die Lage und schweigen und warten eine bessere Zeit ab, eine Zeit, in der wieder das Menschenrecht zu Ehren kommen wird. Aber die Antisemiten schweigen nicht. Sie bringen die rumänische Judenfrage immer von Neuem auf die Tagesordnung, und da die Wahrheit nicht für die Lüge zeugen kann, so müssen sie jedesmal zu Lügen die Zuflucht nehmen, um für das an den Juden in Rumänien verübte Verbrechen Rechtfertigungsmotive zu ersinnen. Derartige Lügen dürfen aber niemals unwidersprochen bleiben, nicht nur weil es nothwendig ist, die Lügner immer als solche zu brandmarken, sondern auch um den Antisemiten für die Zukunft den Vorwand zu benehmen, daß man einmal ihre Lüge habe gelten lassen. Und so müssen auch wir uns immer von Neuem dieser „Mohrenwäsche" unterziehen. Der plumpste und doch stets wiederkehrende Tric dieser Tricochets und Cacolets ist derjenige, daß sie sagen, „Rumänien ist ein absoluter Staat" in dessen innere Verhältnisse sich Niemand einmischen darf. Von einem Bestreiten der Souveränetät Rumäniens seitens der Juden oder irgend Jemands Anderen haben wir nichts gehört, es fällt auch Niemandem ein, diese Frage aufzuwerfen. Aber die Souveränetät Rumäniens hat auch nicht das Geringste mit der Sache zu thun. Die Türkei ist auch ein souveräner Staat und muß sich die Einmischung aller Welt gefallen lassen. Venezuela ist gleichfalls ein souveräner Staat und um lumpigen Geldes willen, haben es civilisirte Staaten dem Ruine nahegebracht. Das Alles geschieht mit Berufung auf Verträge und auf Verbindlichkeiten, die nicht erfüllt worden sind. Und gerade diese Umstände treffen auch in Rumänien zu. Nicht seine Souveränetät wird angegriffen, sondern seine Wortbrüchigkeit und die Juden verlangen nichts Anderes, als daß Rumänien halte, wozu es im Berliner Vertrag verpflichtet worden ist. Da handelt es sich durchaus nicht um eine „ad hoc präparirte Naturrechtslehre". Ebenso wie man es vom Standpunkte einer solchen „ad hoc präparirten Naturrechtslehre" den Türken aufoctroyirt, ihre Verwaltungseinrichtuugen — nach russischem Muster etwa? — umzumodeln, wie es auch nicht von einem „ad hoc präparirten Naturrecht" geschah, daß Rußland die Mandschurei escamotirte und andere ähnliche Kundgebungen europäischer Civilisation, ebensowenig verlangen die Juden irgend eine Anwendung der Naturrechte auf Rumänien, sondern sie verlangen blos Menschenrecht und Vertragsrccht, die Rumänien verleugnet, das freilich auch die anderen Staaten verleugnen, indem bei ihnen nur der Grundsatz gilt: „Macht geht vor Recht". Ebenso wenig handelt es sich aber auch um eine „Verschiedenheit in der Auffassung der Staatshoheit". Das sind lauter Phrasen, herbeigezogen, um das rumänische Unrecht zu maskiren. Die Juden werfen die Frage über.die Existenz des rumänischen Staates gar nicht auf und nicht die Staatsauffassung der Rumänen, sondern die Willkür der Rumänen, die Treulosigkeit der Rumänen, der Wortbruch der Rumänen hat die Judenfrage in diesem Lande zu einer brennenden Wunde am Leibe Europas gemacht. Es ist nicht wahr, daß es sich um „eine Lösung des Proletariatproblems" handelt, die Juden waren keine „Proletarier" im Lande. Aber indem man sie widerrechtlich von Haus und Hof jagt, sie aus ihren Wohnsitzen verdrängt, ihnen den Erwerb unmöglich macht, ihre Rechte leugnet, sie zu „Fremden" macht, sie, die älter im Lande sind als die Rumänen, will man sie eben zu Proletariern herabdrücken, um dann über die Last klagen zu können. Die Lügenbande in der antisemitischen Publicistik greift aber schon vor und stempelt die Juden — welche die schwersten Handwerke ausgeübt haben, vor keiner Arbeit zurückgeschreckt sind und mit ihrem Blute ihre Angehörigkeit zum Lande bezahlt haben — zu Proletariern. (Ein zweiter Artikel folgt.) A. Wiener. Correspondenzen. Wien. (Der Verein zur unentgeltlichen Verpflegung jüdischerBru st leidender auf dem Lande) hielt am 28. v. M. seine Generalversammlung ab, in welcher der 31. Jahresbericht zur Borlage gelangte. Unter den Anwesenden bemerkte man Länderbankdirector Wilhelm Kux, kais. Rath Leopold Sachs, Hof- und Gerichts-Advocaten Dr. Marcell H o ff m a n n, Ortsschulrath S. H e i t u. v. A. Der Vorstand der israelitischen Eultusgemeinde entsandte zu der Versammlung als Delegirten Herrn Baurath S t i a ß n y. Der greise Präsident des Vereines, Dr. Adolf H o f f m a n n, der seit Gründung dieses seit 32 Jahren bestehenden Vereines demselben seine bewährte

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