Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 142 Dr. Bloch's WochVNschrrfl. Nr. 9 Feuilleton. Me vierte Dimension. Von Samuel Gordon. Aus dem Englischen übersetzt von Hedwig Bergmann. (Schluß.) Aber der kleine Ephraim war kein Bücherwurm; er tollte mit den anderen Kindern umher und that sich bei ihren Spielen hervor. Und dabei geschah es auch, daß ein ernstlicher Unfall ihn betraf. Einstmals spielten sie Hase und Fuchs und Ephraim sollte Hase sein. Bald sah er, daß er verfolgt wurde, und forschte nach einer Zufluchtsstätte. In der Ecke des Hofraumes, auf den er geflohen, stand ein großer, fast drei Fuß hoher Wasserbehälter. Ephraim dachte in ängstlicher Hast, daß er trockenes Futter für das Vieh enthalte, und wenn er ihn erreichen konnte, war er sicher; denn von dort aus konnte er in den nächsten Hofraum springen, und sein Verfolger konnte es ihm im Klettern nicht gleichthun. Und wirklich erreichte er den Behälter, sprang über den Rand — plumps! — sank er unter, denn das Faß war mit Wasser gefüllt und die Strohdecke, mit der es gedeckt war, hatte ihn getäuscht. Einmal, zweimal sank er unter, beim dritten Male aber war ein Stallknecht herzugeeilt, der ihn mit einer Heugabel rettete. In einem mitleiderregenden Zustande ward er nach Hause getragen: seine Lippen waren steif und seine Augen starr ins Weite gerichtet; denn das Wasser, das er geschluckt, hatte fast alles Leben aus dem Körper vertrieben. Mirzah erhub laute Klagen, als sie ihr Kind so sah. Tarphon wurde kreidebleich; doch bald half er ihr, das Kind ausziehen und es in warme Decken hüllen. Bis zum Sabbath hatte Ephraim sich schon ein wenig erholt, obgleich er noch sehr schwach war. Tarphon ging daher in die Synagoge, um ein Dankgebet für die Rettung seines Sohnes darzubringen. Der Wochenabschnitt handelte von der Ueberschreitung des Rothen Meeres. Als Naphtali an die Stelle kam, da die Wasser sich theilten, zeigte Tarphon Plötzlich nicht weiter und bat, aufzuhören. Denn das Wort »Majim", das »Wasser" bedeutet, war so geschrieben, daß das Ead-„kl6ni“ dieselbe Form hatte, wie das Anfangs-„Nem“, Und die ganze Gemeinde, Einer nach dem Andern, kam herbei, um diese Ungeheuerlichkeit zu Prüfen. Gewisse Aeußerungen über Benish, dem Schreiber der Rolle, gingen von Mund zu Mund und sie würden ihm sicherlich nicht' gefallen haben. „Was? so viel Geld für eine Arbeit zu fordern, die ein Schusterlehrling besser machen könnte? So etwas war noch nicht vorgekommen, seit den Gänsen Kiele wuchsen, um Federn zum Schreiben daraus zu machen." Und als man Benish gerufen hatte, damit er selbst es ansähe, stand er, sich die Stirne leise schlagend, eine geraume Zeit. »Nein, Ihr Herren", sagte er endlich; »das ist nicht mein Werk; ich bin kein Unwissender, noch schrieb ich diese Rolle im Schlafe. Da muß etwas dahinter stecken, das könnte ich bei der Rolle beschwören. Ein böser Geist lauert dahinter. Vielleicht war der Mann, der am ersten Tage des Jahres »Schosar“ blies, unfähig oder unwürdig; denn er konnte den Satan durch die Kraft seines Blasens nicht scheuchen. Das wird der Grund des Fehlers sein". Manche glaubten es, viele aber nicht; und unter den Letzteren der Ungläubigste war Naphtali, denn er selbst hatte »Schosar" geblasen. Und Benish machte die Verbesserung und ging dann fort. Als Tarphon nach Hause kam, fand er Ephraim, Hühnersuppe essend, und die Röthe der Gesundheit war auf seine Wangen zurückgekehrt. Das Kind machte weiter gute Fortschritte in allen Dingen. Mit 10 Jahren begann es, alle Festtage zu halten, beobachtete sogar das »Fasten der Erstgeborenen" bis zum Sonnenuntergang. Er versäumte nicht einen Gottesdienst, weder am Morgen noch am Abend, und wenn sein Vater durch Geschäfte abgehalten wurde, ging er allein. In allen religiösen Dingen war er sehr genau, und wenn das Weiße in einem Ei nur einen Schimmer eines Bluttröpfchens zeigte, wollte er es nicht essen; nicht einmal, wenn gerade kein anderes aufzutreiben war. Und doch wurde er dafür nicht vor Unglück und Gefahreu geschützt. Es war die Zeit des Omerzählens — die sieben Wochen zwischen Pessach und Schowuaus — als Ephraim elf Jahre alt wurde. Er ging mit den anderen Kindern der Stadt an das Ufer des Flusses, um dort junge Binsen zu pflücken. Denn in dieser Jahreszeit ist es Sitte, den Fußboden damit zu bestreuen, damit ein frischer Duft von ihnen ausströmt. In seiner Begierde, nur die schönsten zu pflücken, hatte sich Ephraim bald von seinen Gefährten entfernt und gar nicht beachtet, daß der Boden unter seinen Füßen bald nachgab. Schon glitt er aus und steckte bis zum Gürtel im Schlamme. Mehr dem Jnstincte als der Ueberlegung folgend, schlug er die Hände nach oben, erhaschte die Zweige eines Weidcnbaumes, die über ihm hingen, und das rettete ihn. Aber es schien ihm, als ob der Arm sich um das Dreifache verlängert haben müßte, wie der Arm der Tochter Pharaos, da sie Moses aus dem Wasser zog. Und so hätte er die ganze Nacht hängen können, wenn es nicht arme Wäscherinneu gäbe, die ihre Arbeit ein wenig länger ausdehnten. Und als sie ihm geholfen hatte, gab ihr Ephraim all sein Erspartes und machte es ihr zur Pflicht, nicht von dem Vorfälle zu sprechen. Darauf ging er nach Hause, voller Furcht, daß seine Eltern ihn sehen könnten, ehe er seine Kleider gewechselt hätte. Aber welche Waschfrau hatte je einen Mund, um Geheimnisse zu bewahren? Bald kam auch die Geschichte von der Rettung seines Sohnes Tarphon zu Ohren; bei der Nachricht fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, unbestimmt und vage, und er versuchte, ihn genau zu erforschen und festzuhalten. Aber je mehr er darüber grübelte, desto mehr verlor er ihn. Und wieder erneuerte er den Versuch, als es während der nächsten Thoravorlesung, die am zweiten Sabbath des Omerzählens stattfand. bemerkt würde, daß noch eine Aenderung in dem Texte der Thora nöthig war. Denn in dem Abschnitte, der von den Häusern der Aussätzigen handelt und von dem Mörtel, mit dem die Wände der Woynräume beworfen waren, war in dem Texte das Wort für Mörtel nicht an der richtigen Stelle, so daß es unterhalb der Linie stand. Es war jetzt das elfte Mal in den 11 Jahren, daß Tarphon diese Stelle geprüft hatte, und nie hatte er bis heute diese Absonderlichkeit gemerkt. Und er wußte, daß man deshalb nicht um Benish schicken mußte. Er selbst kam am folgenden Tage und ohne Jemand ein Wort zu sagen, verbesserte er den Fehler. Aber der Zwischenfall hatte sich ihm tief eingeprägt und er vergaß ihn nicht. Schließlich kam die Zeit, da Ephraim ein Sohn des Gesetzes, »Bar-mizwah“, werden sollte, und Tarphon bestimmte, daß das Fest mit entsprechendem Glanz gefeiert werden sollte. Natürlich las der Knabe vor der ganzen Gemeinde den Wochenabschnitt, und das Capitel aus den Apokryphen, das dazu gehörte. Und das war etwas, dessen nicht Jedermanns Sohn sich rühmen konnte. Aber nicht genug; er hielt auch eine selbstgefertigte Rede, in der er zeigte, daß er die Verantwortlichkeit fühlte, die er als vollzähliges Glied der Gemeinde fortan trug. Die ganze Stadt war seines Ruhmes voll und man pries Tarphon als einen Mann, dem alle Dinge zum Guten dienten. Einen Monat später sollte Ephraim nach der großen Talmud- Schule nach Vülosön gehen, denn er sollte Rabbiner werden. Aber am Abend vor seiner Abreise klagte er über Augenschmerzen. Es flimmerte ihm vor den Augen und die Gegenstände erschienen ihm entstellt. Das war seine erste ernste Krankheit und Tarphon ging bald daran, den Namen seines Sohnes zu vertauschen, so daß, wenn Gott dem Todesengel befohlen hatte, Hand an ihn zu legen, Azrael ruhig kommen mochte. Er würde keinen finden, der auf den Namen Ephraim antwortete, zu dem er doch gesandt worden war. Aber trotzdem ging es Ephraim immer schlechter; ein Fieber überfiel ihn, und das Blut strömte heiß durch die Adern. Tarphon und Mirzah saßen und sahen ihn an, beobachteten jeden Athemzug und jedes Zucken seines Körpers. Als Mirzah einst vor Uebermüdung eingeschlafen war. vergrub Tarphon seinen Kopf in den Händen. Aber er weinte nicht! dazu war keine Zeit. Er dachte eifrig nach und Plötzlich fuhr ihm ein wunderliches Wort durch den Sinn und er war verblüfft; er dachte nach, wo er es gehört haben mochte. »Vier Dinge sind seine Dimensionen." Und während er darüber nachdachte, kam ein anderes Wort aus seinem Versteck hervor. Und wenn die Zwillingsseele alle Prüfungen überwinden wird, dann wird sie die ihr bestimmten Tage leben. Waren das nicht die Worte, mit denen Rabbi Eliezer den Knaben bei seiner Beschneidung gesegnet hatte? Und sorgfältig stellte Tarphon seine Muthmaßungen zusammen. In der Woche, da Ephraim beinahe getödtet von den giftigen Dämpfen worden wäre, fehlte in der Rolle das Wort „mach“, das Odem bedeutet den einen Athem der Nüstern. Und dann wieder, als Ephraim beinahe in dem Wasserbehälter ertrunken wäre, fand man damals nicht gerade, daß das Wort für »Wasser" schlecht geschrieben war, der Anfangs- und Endbuchstabe mit demselben Schriftzeichen, gerade wie das Kind dachte, daß der Endboden des Faßes von gleicher