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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenfttzrist« Seite 137 »Das Kind, unser Kind", hauchte Tarpbon; und dann fuhr er in Flüstertöne fort: »Was sagst Du dazu, Mirzah: war es nicht 8 Uhr, als es zum erstenmale athmete? Und Benish sagte mir, daß es derselbe Augenblick war, da er den letzten Strich an der Rolle machte, nachdem er die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen daran gearbeitet hatte. So kann man sagen, daß sie in dem Augenblick geboren wurden. Ist es nicht sonderbar?" »Sonderbar?" sagte Mirzah. »O, Du Kleingläubiger! Ist Gott nicht reich genug, die Welt durch ein Ausstrecken seiner Hand mit zwei Segnungen zu beglücken? Nenne es nicht sonderbar; sage lieber, es ist ein glückliches Zeichen, das uns weissagt, daß es gesegnet sein wird, da es solch einen Zeitgenossen hak". Dann beugte sich Tarphon über das Kind, küßte es und flüsterte! »So theuer wie dem Allmächtigen sein Gesetz ist, mögest auch Du ihm sein, Du, seine Schöpfung". Biele Dinge erforderten jetzt Tarphons Aufmerksamkeit und er hatte während der nächsten fünf Tage, die noch verstreichen mußten, ehe das Kind in den Bund Abrahams ausgenommen wurde, genug zu thun. Die Erinnerung an dieses Fest lebt noch in dem Lande, denn von den bloßen Ueberresten hätte man 2 Hochzeitsessen Herstellen können. Und zu diesem Feste waren alle Männer von Achtung und Ansehen aus der Nachbarschaft gekommen. Der angesehne Rabbi Eliesar, der berühmte Kabbalist, von dem man erzählte, daß er einst einen Engel am Fuße gefangen hatte und ihn nicht freigeben wollte, bis er ihm einen bevorzugten Platz in der zukünftigen Welt versprochen hatte. Jetzt war er blind und gelähmt; und nur ein Mann von Tarphons Rang durfte wagen, ihn um seine Gesellschaft anzugehen. Und am Abend des Festes brachte man das Kind, das den Namen Ephraim erhalten hatte, und legte es auf den Tisch vor Rabbi Eliesar, damit er es segnete. Und ihm allein hatte man von dem wunderbaren Zusammentreffen erzählt, das die Beendigung der Rolle und die Geburt des Kindes bezeichnete. Und er legte seine runzlige Hand auf des Kindes Kopf, erhob seine lichtleeren Augen zum Himmel und sprach den Segen. Der alte Mann war schon zahnlos, und seine Rede war undeutlich und wirr; aber diejenigen, die in seiner Nähe saßen, glaubten folgende Worte zu hören: »Da ihr beide in einer Minute geboren seid, so möge seine Seele Deine Seele sein; und reiner als die Seele des Gotteswortes ist kein Ding auf Erden. Aber der Ewige hauchte in das gestaltlose Chaos und die Dinge, die sich bildeten, das sind seine Dimensionen. Und wie Du Dich halten sollst an die Segnungen der Zwillingsseele, so sollst Du an Allem theilnehmen, was sie betreffen wird; und wie die eine sein wird, so wird auch die andere sein. Und wenn die Zwillingssee. e alle Prüfungen überwinden wird, dann wird sie die ihr bestimmten , Tage leben." Und Alle, die es hörten, fragten sich, was der Segen wohl bedeute; aber keiner konnte eine Erklärung dafür geben — nicht einmal Rabbi Eliesar, denn er starb auf dem Wege von dem Feste nach seinem Hause. Der folgende Tag war für die Einweihung der Rolle festgesetzt; und dem zu Ehren wurde ein allgemeiner Festtag eingesetzt. Tarphon selbst trug die Rolle aus seinem Hause nach der Synagoge im Zuge mit den Wächtern und Hausvätern der Gemeinde. Das Bethaus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Von den Galerien warfen die Frauen Kuchen und Zuckerwerk und es herrschte große Freude und ein friedlicher Wettstreit bei dem Auffangen der Gaben. Aber Tarphons Freigebigkeit war noch nicht zu Ende. In den ersten Abschnitten der Genesis, wo die Buchstaben nur umzogen waren, wählte er die Schriftzeichen aus, die den Namen seines Sohnes „Ephraim ben Tarphon" bildeten, und ließ sie mit Tinte füllen. Und dasselbe geschah mit den letzten Sätzen des Deuteronomium. Fünf Rubel bezahlte er für jeden Buchstaben und alles Geld gehörte der Gemeinde und sollte an Bedürftige vertheilt werden. Kaum waren die Festlichkeiten zu Ende, als der 30. Tag nach der Geburt nahte, der Tag der Auslösung seines Sohnes. Der Erstgeborene wird von den Priestern des Ortes zurückgekauft; denn als Erstgeborener gehörte er, dem Gesetze gemäß, ihnen; den Cohanim, den Abkömmlingen Arons. Und Tarphon bezahlte jedem Priester dafür 90 Kopeken und wieder wurde ein groß-s Fest gegeben. — Bisweilen dachte Tarphon über den wundersamen Segen Rabbi Eliesars nach; aber obgleich er mehr wußte als die anderen, fand er doch keine Erklärung dafür; aber ein außerordentliches Schicksal schien über seinem Sohne zu walten; es konnte gut oder böse werden. Fürs Erste jedoch bildete Ephraim eine Quelle der Freude. Mit 2 Jahren konnte er schon das Alphabet von Aleph bis Tov und von Tov rückwärts bis Aleph aufsagen und mit 3 Jahren nahm er kühnlich die „Sprüche der Bäter" in Angriff. Um diese Zeit kam Ephraims Laufbahn, die bis dahin eine so gute Zukunft weissagte, zu einem schrecklichen Ende; und die Schuld trug die Sorglosigkeit seiner Umgebung. Denn Mirzah war eines Tages ausgegangen, um einige Besorgungen für den Haushalt zu machen und hatte den Knaben in seinem Bettchen schlafend zurückgelaffen, denn die Magd war im Hause und die Mutier glaubte ihn gut bewacht. Bor Dieben oder gar wilden Thieren war er sicherlich geschützt, denn in der Nähe gab es keine. Aber in demselben Raume, in dem das Kind schlief, stand ein Ungeheuer, das aus glafirten Ziegeln verfertigt war und bis an die Decke reichte. In seinem Innern befanden sich glühende Kohlen. Plötzlich fand dieses Ungeheuer, daß der Rauchfang, durch den es sonst athmete, verstopft war. und den Rauch, der ins Freie strömen sollte, in die Höhlung des Ofens zurückdrängte. Um sich nun von dieser lleberlastung zu befreien, begann der Ofen zu rülpsen und stieß alle die schädlichen Dämpfe in das Zimmer, aus dem natürlich alle reine, gute Luft verjagt wurde. Bon der Pein des Druckes erwachte der kleine Ephraim und sprang schreiend auf, mit der Anstrengung der letzten Kraft, die in seinem armen gequälten Körper noch vorhanden war. Und in demselben Augenblicke stürzte auch Mirzah herein und entriß ihn der Gefahr, gerade zwei Herzschläge, ehe es zu spät war. In der folgenden Woche war er kränklich und schwach, so daß er am Sabbathe nicht mit seinem Vater in die Synagoge gehen durfte. Das war ein arges Ding für den kleinen Burschen. Denn sonst durfte er im Tempel schon das Aufrollen des Bandes übernehmen, das als Gürtel für seine Thorarolle diente. Er wurde mit dieser Aufgabe stets betraut, wenn auch das Wickeln des steifen seidenen Bandes für seine kleinen Finger eine schwierige Arbeit war. Und an jenem Sabbathe geschah etwas Sonderbares im Gotteshause. Während Naphtali, der Vorleser, den Wochenabschnitt las, hielt er Plötzlich inne, nahm seine Brille ab und rieb wieder und wieder seine Augen und sah wieder und wieder in die Rolle. Aber obgleich er sich die Augen roth rieb, konnte er den Fehler von der Stelle doch nicht fortbringen. Denn das Wort »Odem", das an jener Stelle stehen sollte, fehlte und der Satz war verstümmelt und unzusammenhängend. Aber das Sonderbare war doch, daß dieser Fehler so lange unbeachtet bleiben konnte, obgleich immer drei Männer lasen, nämlich Naphtali, der Vorleser, derjenige, der den Segen über den Abschnitt sprach, und Tarphon, der dabei stand und zeigte. Am nächsten Tage berief man Benish, deffen Bestürzung über den Fehler groß war. »Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte", sagte er, um sich zu rechtfertigen. »Jede Zeile habe ich genau angesehen und nicht den Punkt am »Jod" habe ich flüchtig geschrieben. Und dann verbesserte er mit zweifelndem Kopfschütteln den Fehler, und alle bewunderten seine Geschicklichkeit. Denn kaum eine Spur des Fehlers war geblieben. Tarphon betrübte der Vorfall sehr, war er doch dazu angethan, den Ruf der Rolle aufs Spiel zu setzen. Bald jedoch wurde sein Kummer durch Ephraims schnelle Genesung ausgewogen. Und das Kind machte weiter gute Fortschritte und lernte mit sieben Jahren schon Raschi und Onkelos und die Commentatoren, und verblüffte seine Lehrer durch kluge Fragen. »Sagt mir", so sprach er einst, »was geschehen muß, wenn ein Mann jedes Eckchen und jeden Winkel seines Hauses am Vorabend des Peffachfestes durchsucht und alles Gesäuerte und alle Krümmchen gesammelt hat, so daß nichts übrig geblieben ist: nun bringt aber während des Festes eine Maus aus der angrenzenden Wohnung, die einem Heiden gehört, eine Kruste Brot und legt sie heimlich in des Juden Haus. Ist der Eigenthümer der Bestrafung unterworfen, die den trifft, der den Befehl vernachlässigt: »Sieben Tage soll nichts Gesäuertes in Deinem Hause gefunden werden? Und diese Frage kann man nicht beantworten, während man auf einem Beine steht; und man munkelte damals, daß die Lehrer vor jeder Stunde sich beriethen, um ihrem kleinen Schüler beftiedigende Antworten geben zu können. Doch Tarphon ging stolz unter den Vätern der Gemeinde einher. (Schluß folgt.)

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