Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 124 Dr. Bloch's Wochsnschrist. Nr. 8 vermögen des Vereines umfaßt derzeit über 6000 K. Der Rechenschaftsbericht nahm auch Veranlassung, allen Wohlthätern und Gönnern des Vereines, insbesonders aber der israelitischen Eultusgemeinde, speciell ihrem Delegirten Prof. Schwarz, den Dank auszusprechen. Der anwesende Delegirte nahm in Erwiderung dieses Dankes Gelegenheit, speciell der Präsidentin. der Schriftführerin und Cassierin im Namen der Eultusgemeinde, sowie auch im Namen der Humanität die vollste Anerkennung auszusprechen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß dieser an den Tag gelegte Eifer trotz der dem Vereine entgegentretenden Schwierigkeiten niemals erlahmen möge. Nach Erledigung von internen Vereinsangelegenheiten wurde die Versammlung geschloffen. Frankfurt a. M. Im großen Saale der Frankfurt-Loge hielt Profeffor Dr. Cohen aus Marburg am Samstag Abend einen Vortrag über die Bedeutun g des Judenthums für die Cultur. Ec behandelte die Frage von religionsphilosophischen und politischen Gesichtspunkten aus und legte den besonderen Einfluß des Judenthums und der jüdischen Lehre auf den sittlichen Fortschritt und auf die Cultur dar, wobei er unbedingt an der Originalität der Offenbarung festhielt. Der Redner ging davon aus. daß auch der reformatorische Glaubensbegriff und jeder weitere Fortschritt im Protestantismus im Grunde genommen eng mit dem jüdischen Prophetismus zusammenhänge und ohne diesen nicht möglich sei, und daß d i e moderne Cultur der jüdischen Religion nickt entrathen könne. Der Zusammenhang zwischen Religion und Politik und damit auch mit der Cultur überhaupt hat sich im Judenthum namentlich in der Ausprägung der Grundzüge der Freiheit und Gleichheit gezeigt, ebenso auf socialem Gebiet in der Sonntagsruhe für Herrn wie Gesinde. Die Nächstenliebe war dem Judenthum keineswegs fremd, und statt des bloßen Evangeliums der Armen sei der sociale Rechtsgedanke staatlich durchgebildet worden. Auch das »Auge um Auge. Zahn um Zahn"' bedeutet kein bloßes Vergeltungsprincip, sondern den größten rechtliche» Fortschritt, weil der Herr, der seinen Sclaven körperlich schädigte, dadurch den Besitz des Sclaven verlor; es wurde damit also eine rechtliche Gleichstellung auch für den Sclaven eingeführt. Als das höchste Verdienst des Judenthums um die Sittlichkeit bezeichnete der Vortragende die Schaffung des Begriffs der Menschheit im Sinnbild des Messias, das heißt dem Blick auf das Einst, das die Menschheit vereinigt. Dieser Messianismus, der auch die sittliche Forderung derA b s ch a f fun g des Krieges in sich begreife, stehe im Gegensatz zu dem Machtstaat, dem Staate des Egoismus, er bedeute die Einheit der Menschheit und werde damit zur W e l t g e s ch i ch t e. Der wesentlichste Unterschied zwischen Christenthum und Judenthum.sei darin zu finden, daß der messianische Glaube an die Zukunft davon ausgehe, daß das Reich Gottes auf Erden zu erreichen sei, die christliche Religion auf das Jenseits und auf die Erlösung durch Christus verweise. Nach der jüdischen Lehre müffe der Mensch seine Erlösung selbst vollbringen. Eine Religion mit so tiefen Culturgedanken. so meinte der Redner in seinen Endbetrachtungen, könne nicht vom Schauplatz der Cultur verschwinden, und er schloß mit einer Mahnung gegen den Abfall vom Judenthum, der den religiösen Fortschritt gefährde und nur die Reaction in der Kirche' und in der Politik fördere. Haag. (Rabbinercongreß.) Die Oberrabbiner der verschiedenen Consiftorien Hollands sind kürzlich hier zu ihrem Jahrescongreß beisammen gewesen. Zu den Berathungsgegenständen gehörte die Errichtung einer jüdischen Central-Jrrenanstalt und die Versorgung der jüdischen Patienten der Lungenheilstätten mit koscherer Nahrung. In Amsterdam besteht bereits eine jüdische Jrrenheilanstalt und im Sanatorium zu Hellendoorn hat sich die koschere Kost als so zuträglich erwiesen, daß auch anderwärts damit Versuche gemacht werden sollen. Schweinfurt. Der Bäckermeister Johann Schmidt hatte im Herbst 1901 verbreitet, der jüdische Metzger Aron Baum habe in seinem Schlachthaus ein geschlachtetes Stück Vieh mit seinem Urin verunreinigt. Baum stellte Klage und Schmidt wurde zu 6 Monat Gefängniß verurtheilt. Er bat jedoch um Strafauffchub und strebte gegen Baum einen Meineidsproceß an. Baum wurde verhaftet und vom Schwurgericht Würzburg am 1. October 1902 auf eidliche Aussage verschiedener Zeugen zu 1 Jahr und 3 Monate Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurtheilt. — Bäckermeister Schmidt beantragte daraufhin Wiederaufnahme des Verfahrens und Aufhebung seiner eigenen Berurtheilung. Diese Verhandlung fand am Freitag unter großem Andrang des Publikums vor der hiesigen Strafkammer statt; sie dauerte 2 Tage. Geladen waren 49 Zeugen. Schmidt behauptete seine früheren Aussagen, während Baum hartnäckig leugnete. Schmidt wurde von der Anklage falscher Anschuldigung freigesprochen, jedoch wegen eines Vergehens der üblen Nachrede zu i Monat Gefängniß und zur Tragung eines Drittels der Kosten verurtheilt. Denver. (Jüdische Hospital-Association.) Die Jahressitzung der National Jewish Hospital Association ist heute hier unter dem Vorsitz von Samuel Grabfelder von Louisville, Ky., und unter Delegaten-Betheiligung zusammengetreten. Die Sitzungen werden in dem von dem Verbände gegründeten jüdischen Hospital für Schwindsüchtige abgehalten. Gelegentlich der Jahresversammlung erfolgte gestern die feierliche Einweihung des Guggenheim-Pavillons, eines stattlichen Anbaues zu dem Hospital, der von der New-Aorker Firma Guggenheim Bros, mit einem Kostenaufwand von 35.000 Dollars gestiftet wurde. Die Ueberreichung der wohlthätigen Stiftung fand durch Simon Guggenheim von New-Iork statt. In den drei Jahren seit dem Bestehen des Hospitals sind zu seinem Unterhalt 225.000 Dollars beigetragen worden. Die Patienten werden kostenfrei behandelt und nur Unbemittelte sind aufnahmeberechtigt. Chicago. (Congreß des amerikanischen jüdischen Gemeindebundes.) Am 20. Jänner hielt der amerikanische jüdische Gemeindebund „Union of American Hebrew Congregations" seine 18. Versammlung ab, welche seit 36 Jahren regelmäßig alle zwei Jahre stattzufinden pflegt. Die Bedeutung dieser ältesten jüdischen Organisation in Amerika hat, seitdem das conservative Element in Folge der starken Immigration einen mächtigen Zuwachs erfahren hat, wesentlich abgenommen. Dennoch dürfte die Union noch lange ihre Rolle nicht aus gespielt haben und gerade die letzte Versammlung hat bewiesen, daß die Union noch berufen ist, das Schicksal des amerikanischen Judenthums lebhaft zu beeinflussen. Die Versammlung wurde von dem Vice-Präsidenten Woolner mit einer Ansprache eröffnet, in welcher der Vertreter der von Jsaac Wise begründeten Union vor dem conservative» Judenthmn eine tiefe Verbeugung machte und namentlich die Reorganisation des conservativen „Jüdischen theologischen Seminars" in New Zjork mit Freuden begrüßte. Der Cassenbericht wies für das verflossene Jahr eine Einnahme von 74.000 Dollars auf. Mr. Wolfs, Vorsitzender des Comitös zum Schutz der bürgerlichen und religiösen Rechte der amerikanischen Juden, berichtet über die Bemühungen des Mr. Goldvogle für den Schutz der nach Rußland reisenden amerikanischen Juden und hebt hervor, daß Rußland der Hort des Antisemitismus in Europa ist und daß man in Rumänien für die Juden nichts wird erreichen können, so lange der mächtige russisch- Nachbar die Juden ungestraft malträtiren darf. Auf seine Veranlassung wurde seinerzeit Mr. Benjamin Peizotto zum amerikanischen Gesandten in Rumänien ernannt, und nun hofft er es durchzusetzen, daß die Vereinigten Staaten ihrerumänischeGesandtschaftwiedererrichten und womöglich st einen Juden als Gesandten nach Rumänien schicken werden. Mr. Wolfs fügte hinzu, daß in Washington nicht ein Hauch von Antisemitismus zu spüren sei, daß ferner in den maßgebenden Regierungskreisen nicht die geringste Bestrebung zur Verminderung der Einwanderung besteht, und daß namentlich Niemand daran denkt, einen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Immigranten zu machen. Das Comite verfolgt jetzt das dem Senat vorliegende neue Einwanderungsgesetz sorgfältig, und es sei ihm bereits gelungen, manche unerwünschte Bestimmungen aus demselben zu entfernen. Gegenwärtig sind Verhandlungen im Gange, demJargon die Anerkennung als europäische Sprache zu verschaffen, wodurch 55 Percent aller jüdischen Einwanderer vor dem Schicksal bewahrt sein würden, als „Jlliteracy" zurückgewiesen zu werden. In den letzten 4'/r Jahren sind 251.000, also über V4 Million Juden eingewandert. Bon diese» sind 70 Percent in New-Aork, 19 Percent in den Staaten Jllionis, Pennsylvania und Massachusetts und nur 11 Percent in den übrigen 49 Staaten verblieben. Demnach hat sich die Zahl der jüdischen Bewohner des Ghetto von New-Iork in den letzten 4Vr Jahren um nahezu 200.000 Seelen vermehrt. Zur Fundirung des von der Union unterhaltenen Seminars, des Hebrew Union College", wurden in der Versammlung selbst 100.000 Dollars gezeichnet. Ferner wurde beschloffen, die Institution der Wanderprediger, welche in kleinen Gemeinden ohne Rabbiner von Zeit zu Zeit