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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 122 Dr Blmtz's WochsnschrifL Nr. 8 Deutschthums in der französischen Literatur, und Pastor Schulze, mit der Familie Reimarus in Verbindung. Die feinsinnige Freundin Lcffing's, Elise Reimarus. »die Delila an der Elbe*, wie fie Hamann mit Beziehung auf ihre Rolle in dem Streite nennt, weiht Jacobi schon Anfang 1783 in das »Geheimniß* ein, das ihm Lefsing anvertraut hat. Elise und ihr Bruder, in seiner Offenheit und Geradheit ein würdiger Sohn des Verfassers der »Wolfenbüttler Fragmente*, sind über eine solche Indiskretion empört und fordern Mendelssohn, mit dem sie wohl anläßlich seiner Verheiratung in Hamburg persönlich bekannt geworden waren, zu einer Ehrenrettung ihres gemeinsamen Freundes Lefsing auf. Mendelssohn findet jedoch »die Arbeit, Zacobi zu widerlegen, höchst unangenehm und verdrießlich. Zum Verwirren und Durcheinanderwerfe» der Begriffe gehört blos Scharfsinn; und diesen haben solche rasche Köpfe im Ueberfluß.* Allein Jacobi's Herausforderung selbst, die ihm durch die Freundin übermittelt wird, kann er nicht gut ausweichen. Er schreibt an ihn am 1. August 1784: »Sie haben den Handschuh ritterlich hingeworfen, ich nehme ihn aus, und nun lassen Sie uns unseren metaphysischen Ehrenkampf nach Ritterbrauch unter den Augen der Dame ausfechten, die von uns beiden hochgeschätzt wird.* Dieses Schiedsrichteramt bietet er Elise mit den Worten an: »Sie haben selbst Anlaß dazu gegeben, indem Sie mir die Ausforderung des Herrn Jacobi zugeschickt. Ich hoffe, wtr werden unter Ihren Augen die Gesetze der Bescheidenheit nie überschreiten.* Januar 1785 schreibt er an Elise über ihren Bruder: .Hat er mich vergeffeu? Auch um die Erlaubniß werde ich ihn bitten, seine Widerlegung des Spinozismus gehörigen Orts einzuschatten.* Diese Widerlegung findet fich in der 1787 in Hamburg erschienenen Untersuchung »Ueber die Gründe der menschlichen Erkenntniß und der natürlichen Religion*. Reimarus gesteht in der Vorrede, erst durch den bewußten Streit zu seinem — übrigens recht laienhaften — Urtheil über Spinoza angeregt worden zu sein. Er nimmt ausdrücklich mit dem Berliner Freunde an, daß »Lefsing in dem Gespräch (mit Jacobi) nur Scherz gettieben*. Spinoza hat nach seiner Meinung in der That manche scharffinnige und richtige Bemerkung geäußert, mit seinem Gottesbegriff ist er aber nicht einverstanden. Während fich euim Allgemeinen in dieser Schrift bereits eine Spur der Herder-Goethe'schen Auffaffung Spinozas zeigt, ist Reimarus im Uebrigen uoch ganz der Sohn der Aufklärung, der dem Spinozismus höchstens so viel einräumt wie etwa Mendelssohn. Diesen Mann wünscht Mendelssohn (29. April 85) zum »Kampfrichter* in seiner Streitsache. »Ohne (Ihre) Censur kann nichts öffentlich in dieser Sache erscheinen.* Diesen Compromiß vereitett Jacobi durch sein zweideutiges Verhalten. Mendelssohn's Tod am 4. Januar 1786 gibt dem Streit eine jähe Lösung. Wenn wir zum Schluß noch einer entfernteren Beziehung Hamburgs zum Spinozismus gedenken dürfen, so wäre es der Einfluß, den Spinoza auf Hamburgs großen Ehrenbürger, auf Otto von Bismarck, ausgeübt hat. Busch berichtet aus dem Leben des Altreichskanzlers, daß »er sich in der Zwischenzeit zwischen seinen Studienjahren und dem Beginne der Umkehr mtt Spinoza bekannt gemacht, und wen» wir auch nicht wissen, wie weit er fich dessen Weltanschauung damals angeeignet hat, so dürfen wir doch vermuthen, daß sie auf ihn gewirkt hat und Mitursache des Weltschmerzes gewesen ist, der ihn in diesen Tagen ergriff und noch lange nachher seine Denkart färbte." Bismarck selbst äußert sich hierüber in dem Briefe, in dem er (December 1846) um die Hand Jvhanna's von Puttkamer anhätt. Er spricht von seiner geistigen Entwickelung in dem zweiten Jahrzehnt seines Lebens. „Wenn mich in dieser Periode," so lautet sein Bekenntniß, „Studien, die mich der Ehrgeiz zu Zeiten mtt Eifer treiben ließ, oder Leere und Ueberdruß, die unvermeidlichen Begleiter seines Treibens, dem Ernst des Lebens und der Ewigkeit näherten, so waren es Philosophien des Mterthums, unverstandene Hegel'sche Schriften und vor Allem Spinoza's anscheinend mathematische Klarheit, in denen ich Beruhigung über das suchte, was menschlichem Verstände nicht faßlich ist. Zu anhaltendem Nachdenken hierüber wurde ich aber erst durch die Einsamkeit gebracht, als ich nach dem Tode meiner Mutter, vor sechs bis sieben Jahren, nach Kirchhof zog" u. s. w. Correspondenzen. Wien. (Zur Constituirung der Bezirkscommissionen.) Die Institution der Bezirkscommissionen bei der seinerzeitigen Fertigstellung, vielleicht gar nicht als ernst ins Auge gefaßt, erscheint berufen, einem dringenden Bedürsniß im Leben der Großgemeinde abzuhelfen, vor Allem dem so oft in Versammlungen der israelitischen Cultuswähler ausgesprochenen Wunsche nach Decentralisation der Verwaltung wenigstens theilweise entgegenzukommen. Durch 3 Jahre bestehend, wurden den Commissionen vom Cultusvorstande bisher nur Steuerangelegenheiten zugewiesen, während die nach § 30 des Statuts zuzuweisenden Agenden einfach nicht zur Geltung gelangten. Die Geschäftsordnung, welche im Gegensätze zum Statut das Armenwesen gar nicht als zum Wirkungskreise der Bezirkscommissionen gehörend aufführt, dürfte nunmehr abgeändert und fertiggestellt werden und sonach die betreffenden Commissionen endlich zur Arbeit gelangen. Hiebei darf man sicher sein, daß die der Großgemeinde solcher Art zur Verfügung gebrachten Kräfte sich im Interesse der Allgemeinheit bewähren werden, sobald nicht Engherzigkeit in der Zuwendung der Agenden gleich von vornherein zum Mißmuth und zur Unzufriedenheit Anlaß gibt. Falls man am grünen Tisch der Cultusgemeinde die Befürchtung hegen sollte, es werde den Commissionsmitgliedern in den Bezirken an dem nöthigen Tact bei Ausübung des ihnen übertragenen Wirkungskreises fehlen, so sei hier daran erinnert, daß unter den als eigene Commissionsgruppe bestehenden Gruppen sich ehemalige alte Cultusgemeinden wie Fünfhaus, Ottakring, Währing und Döbling befinden, deren Mitglieder stets die Solidarität pflegten, daß beispielsweise in den Bezirken XII und XV als geistiger Führer und Lehrer Herr Dr. Adolf Schmiedl durch länger als ein Vierteljahrhundert wirkte. Ein Blick in das Werk des seligen Obercantors Stern »Geschichte der selbstständigen Gemeinde Fünfhaus* dürfte genügen, auch Zweifler zur Einsicht zu bringen, daß man den Wirkungskreis der Bezirkscommissionen nicht nur nicht einengen, sondern allmälig zu erweitern suchen sollte. Wir werden der Fortentwicklung der Institution der Bezirkscommissionen unsere regste Aufmerksamkeit widmen, den Arbeiten derselben folgen und hoffen, daß dieselbe der Gemeinde zum Segen gereichen wird. Sonntag am 8. und Mittwoch den 11. d. M. fand im großen Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde unter Vorsitz des die Amtsgeschäfte führenden Bicepräsidenten Dr. Stern die Constituirung der Bezirkscommissionen statt. Bei diesem Anlässe hielt der zum Obmann der Commission für die Bezirke Xll und XV einstimmig gewählte Herr Salomon Beer folgende bemerkenswerte Ansprache: Geehrte Commissionsmitglieder! Werthe College«! Für die mir gewordene Auszeichnung und für das mir entgegengebrachte Vertrauen danke ich hiemit und gestatte mir, an Sie mit gütiger Erlaubniß des verehrt« n Herrn Vorsitzenden einige Worte zu richten: Gerne und willig sind wir dem Rufe unserer jüdischen Mitglieder sowie der löblichen Gemeindevertretung nachgekommen und sind bereit, die uns gestellten Aufgaben in gewissenhaftester Weise zu erledigen. Die neueste Institution der Bezirkscommissionen wird und kann nur segensreich für unsere große Cultusgemeinde werden, falls, wie dieses zu hoffen ist, denselben thatsächlich ein großer Theil der so zahlreichen Agenden zur Berathung und Antragstellung zugewiesen wird. Lebhaft bedauert muß es werden, daß die uns eingehändigte Geschäftsordnung entgegen dem Statute der Gemeinde von der Zuweisung der Angelegenheiten des Armenwesens an die Bezirkssectionen kein Wörtchen enthält. Und dennoch wäre es mit Rücksicht auf die derzeitigen, für unsere armen Glaubensgenossen so traurigen Verhältnisse dringendst geboten, den neu gebildeten Commissionen auch in dieser Frage einen gewissen Wirkungskreis zuzuweisen. In diesem Sinne müssen wir heute schon die geehrte Gemeindevertretung ersuchen, die so lückenhafte Geschäftsordnung auch in diesem Sinne zu ergänzen. Wir bitten und fordern vom geschätzten Präsidium unserer Cultusgemeinde, dieser neuen Institution die regste Aufmerksamkeit zu widmen, Anfragen und Eingaben pflichtgemäß rechtzeitig zu beantworten, und geloben dagegen aufs Feierlichste, mit aller Kraft und mit dem besten Willen an der Lösung der schwierigen Aufgaben mitzuwirken, welche unserer Gemeindeverwaltung gestellt werden.

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